
Erwitt und Frau Pia (Mitte) im engsten Familienkreis, East Hampton, New York, 1988© Elliott Erwitt
Erwitts Leben als Berufsfotograf beginnt, ein harter Job für überschaubares Geld und mit keinerlei Rechten an den Bildern. Erwitt fotografiert für Esso eine Raffinerie und geht für die US Army nach Deutschland und Frankreich, fotografiert Autounfälle und Generäle, die sich die Hände schütteln. Und er fotografiert immer wieder für sich selbst. Straßenszenen, Menschen - und Hunde. In denen sah Elliott schon damals mehr als nur Tiere, er sah in ihnen ein Stück von sich selbst, auch wenn er es bis heute nicht so ausdrückt. Das taten andere. Sein langjähriger Freund Ernst Haas etwa sagte: "Herumstreunende Hunde sind für ihn sehr spezielle Objekte. Er findet, sie führen jenes eins ame, grimmige Leben, das für sein Gefühl dem der Menschheit ziemlich ähnelt." Und seine zweite Frau, die Schwedin Diana, beschrieb einmal ihren Mann als "einen kleinen, traurig blickenden Hund auf seinem Weg zu einer großen Reise oder gerade in der Pause zwischen zwei Reisen". Erwitt selbst ist natürlich wie immer wortkarg. Ja, er mochte eben schon immer Hunde, und dann fällt ihm noch ein: "Sie haben ja nur einen natürlichen Feind: das Auto. Deshalb sind Hunde so glücklich, wenn sie in einem Auto sitzen, da wissen sie, dass sie bestimmt nicht überfahren werden." Erwitts Hundefotos füllen heute ganze Bücher, und er könnte sich rühmen, mit seinen Porträts eine erste Darstellung des Hundes als kulturelles Wesen geschaffen zu haben. Nach über einem Jahr als Army-Fotograf in Europa kommt Erwitt 1952 zurück nach New York. Mit seiner ersten Frau, der Holländerin Lucienne, und seiner Tochter Ellen. In New York ruft ihn die Fotografen-Legende Robert Capa an und lädt ihn ein, Mitglied in der Agentur Magnum zu werden, der ersten, von Fotografen gegründeten Agentur, die bald zu Erwitts Heimat wird. Er ist nun, wenn auch jung, Teil einer Fotografenelite, deren Bildsprache den amerikanischen Fotojournalismus prägt. Er arbeitet für Zeitschriften wie "Collier's" , "Look", "Holiday" und später auch "Life", die sich anfangs zierte, mit Erwitt zu arbeiten. "Damals regierten dort Art Directoren, die jedem Fotografen befahlen, an das Layout zu denken, also einen Aufmacher für die erste Doppelseite, dann ein paar Bilder Substanz und zum Schluss wieder ein großes Foto. Ich hörte oft ,Gute Bilder, aber wo ist die Story?". Aber so war ich eben nicht, ich fotografierte, was ich sah, und konnte kein Layout im Kopf haben", erinnert sich Erwitt. Und ohne Layout im Kopf geli ngen ihm seine besten Aufnahmen, die eine ganze Story in einem Bild erzählen. Wie im Sommer 1959, als US-Vizepräsident Richard Nixon Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow auf einer US-Industriemesse in Moskau trifft, und Erwitts Foto dokumentiert, wie mit dem aufbrausenden Nixon und dem brummigen Chruschtschow Kapitalismus und Sozialismus unversöhnlich aufeinander prallen. Oder wie bei jener Fahrt mit Freunden ans Meer, bei der Erwitt auf die Idee kommt, ein sich küssendes Paar im Außenspiegel zu fotografieren - das Bild wurde zu einer internationalen Poster-Ikone, weil es Liebe auf einen kleinen Punkt in der Mitte des Bildes konzentrierte, "als Essenz", wie Elliott Erwitt sagen würde.
Es war dieses Gespür für den einen, entscheidenden Moment, das Erwitt schon Mitte der 50er Jahre für ein ganz anderes Genre interessant machte: Werbung. Er fotografierte eine Imagekampagne für Puerto Rico und Anzeigenserien für einen Cognac - in Farbe, was für ihn neu war und einmalig blieb und bei Magnum zunächst für schlechte Laune sorgte, denn Werbefotografie war das Gegenteil der gehüteten Fotowahrheit. Aber die Gemüter beruhigten sich, als auch andere Fotografen erkannten, wie schwer es war, nur mit Zeitschriften zu überleben. Heute, sagt Erwitt, sei die Fotografie vieler Freiheiten beraubt, "Bilder aus dem Krieg werden zensiert, Bilder von Hollywood-Stars werden manipulier t, und man muss mit etlichen Agenten reden, bevor man ein Bild machen darf. Es ist keine schöne Situation." Vielleicht sieht man ihn deshalb manchmal im Central Park herumlaufen, in der Hand eine Kamera und neben sich seinen Hund. Da hat er alle Freiheiten, die er braucht, und Hunde wollen keine Verträge. Und reden wollen sie auch nicht.