
Die Beatles Paul McCartney (l) und John Lennon im Oktober 1963 im Aufnahmestudio© dpa
Blieben die Fans, die so konservativ sind, die ihr Idol irgendwann nicht mehr wiedererkennen. Wahrscheinlich wurde selten jemand so geliebt wie die Beatles und von diesen keiner so angehimmelt wie der ewig launische, der unberechenbare John Lennon. Einer dieser Fans wollte ihm nichts durchgehen lassen, konnte nicht verstehen, was der Star alles anstellte. In seinem unendlichen Hass auf den Star hatte er alles versucht, sogar die Imitatio: Mark David Chapman heiratete eine Halbjapanerin, die ein paar Jahre älter war als er, trug sich im Hotel als "John Lennon" ein und erschoss schließlich am 8. Dezember 1980 sein gefallenes Idol, um es nicht mehr verehren zu müssen.
Yoko Ono war jetzt nicht mehr die rabenschwarze Hexe, sondern die Witwe, die die Welt um den Frieden bat, der ihrem Mann nicht gegönnt wurde. Doch einmal Kunst bleibt immer Kunst: Die Hinterbliebene, nun ganz und gar im Besitz ihres Mannes, packte die blutbespritzte Brille John Lennons auf das Cover der Platte "Season of Glass", die sie nach seinem Tod herausbrachte.
Ihre war eine der gewagtesten Symbiosen in der Kunstgeschichte, vergleichbar nur mit Camille Claudel und Auguste Rodin oder Gala und Salvador Dalì. In diesem Fall aber musste die Frau nicht das Opfer sein. Die Verbindung Lennon-Ono war nicht die größte Liebe aller Zeiten, eher eine Zugewinngemeinschaft mit sehr beschränkter Haftung. Aber so ist das mit der Kunst: Wen die Muse küsst, der ist gestraft fürs Leben.
Und was bleibt von unseren beiden Heiligen? Die Songs natürlich. Zusammen haben John und Yoko Platten aufgenommen, die zu den erhabenen Grässlichkeiten des 20. Jahrhunderts gehören, allerlei Ur-, Brunst- und Kunstgeschrei, ein Heulen wie nicht von dieser Welt, aus einem Sack dringt es, am Fuß eines Mikrofons kauert es, von der Rille wimmert es, schlimmschlimmschlimm! Aber John Lennon hat auch "Oh Yoko!" geschrieben, ein ganz einfaches Lied, einfach wie "In the middle of the night/In the middle of the night I call your name". Oder wenn er mit Paul McCartney oben auf dem Dach in der Savile Row "Two Of Us" singt und nicht den Singbruder meint oder auf der Platte "John Lennon/Plastic Ono Band" das Abschiedslied "Mother". Schließlich, und damals unterschätzt als weiteres Bulletin aus der Konzept- und Krawallfabrik Ono-Lennon: "The Ballad of John and Yoko". Die Ballade, mit McCartney am Schlagzeug aufgenommen, dazu Lennons Ausreißer der Gitarre, schlichter Erzählsound, ein rhythmischer Drei-Minuten-Song ganz wie früher, ehe die Beatles sich der Ernsthaftigkeit er- und der Popmusik den Rest gaben.
Lennon wusste, wen er haftbar machen konnte, wusste, was zieht, und seufzt in der Ballade, die mit der Veröffentlichung im Mai 1969 keineswegs zu Ende war: "Christ! You know it ain't easy." Und für eine Weile ist es dann doch gut gegangen.
Was er sich vorstelle für sein Rentenalter, wurde der noch immer wie frisch verliebte John Lennon 1970 gefragt, und der Interviewer konnte es sich nicht verkneifen, auf Paul McCartneys berühmtes Lied anzuspielen, "When I'm sixty-four". Nächstes Jahr wäre John Lennon genau so alt geworden, 64. "Ich hoffe", antwortete der damals 30-jährige Lennon, "wir sind dann ein nettes älteres Ehepaar, wohnen in einem Haus an der irischen Küste oder so und blättern das Skizzenbuch unseres Wahnsinns durch..." Doch, hätte schön sein können.