. .
Fotografie - Bilder und Fotografen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
12. Mai 2008, 15:30 Uhr

Die Knochenmühle

Mit seinem Armstumpf hakt sich Liu Bang-hua im Halsmuskel der Mutter ein, wenn sie ihn über den Hof zur Toilette trägt. Das Laufen auf Prothesen fällt ihm schwer, die Billigprodukte stechen hart ins Fleisch der Stümpfe. Die Eltern haben ihn aufgenommen, von einem Doppelbett in ihrem Bauernhaus aus führt er seine Prozesse. Einen gewann er, die Anerkennung seiner Verletzungen als Arbeitsunfall, vier verlor er, der sechste ist im Gange. Das Rechtswesen ist den meisten Wanderarbeitern ein Labyrinth, kein Ariadnefaden gibt es darin, sondern viel Korruption und Jahreverschlingende Bürokratie.

Die Opfer organisieren sich

Das Gericht sieht es als nicht erwiesen an, dass Liu Bang-hua Beschäftigter der Firma war. Er hat keinen Arbeitsvertrag, wie die meisten in China, aber Lohnzettel und Ausweise. Doch immer wieder schmettert das Gericht seine Klagen ab und verhindert gleichzeitig, dass er sich an höhere Instanzen wendet. Einmal habe sein ehemaliger Chef ihn im Verhandlungssaal ins Gesicht geschlagen, vor den Augen des Richters, und dieser habe nicht eingegriffen. "Die Richter sind gekauft", ist sich Liu Bang-hua sicher. Doch er versucht es weiter.

Ein junger Jura-Student vertritt ihn als Anwalt. Andere übernehmen solche Fälle nicht, denn an Berufsunfällen ist nicht viel Geld zu verdienen. "Sehr unerfahren der Mann", klagt er. Ein halbes Jahr nach Beginn des sechsten Prozesses habe der immer noch nicht erfahren, wer der zuständige Richter sei. Erregt zucken die Sehnen im Armstumpf, wenn Liu Bang-hua erzählt. Als wolle er ausbrechen aus der Haut, in die er von den Ärzten genäht wurde.

Es gibt erste Zeichen von Besserung in China. Die Arbeiter beginnen sich zu organisieren. 100.000 Demonstrationen zählten Nichtregierungs-Organisationen im vergangenen Jahr. Trotz des Verbotes von unabhängigen Gewerkschaften bilden sich mehr und mehr Schutzgemeinschaften. Sie beraten sich untereinander.

Herr Tu ist Mitglied einer dieser Gruppen. Die Höhe der ausgezahlten Entschädigungen steigt allmählich. Es klagen aber nur wenige Arbeiter, weil sie das Geld für die Prozesskosten nicht haben. Und immer noch sind die Zustände in vielen Fabriken extrem lebensgefährlich. Auch Zertifizierungen internationaler Konzerne haben daran wenig ändern können. Immer noch steigt in China mit jeden neuen Auftrag, mit jedem Kauf im deutschen Schnäppchenmarkt, die Wahrscheinlichkeit von Berufsunfällen und chronischen Krankheiten.

Herr Yang spricht mit seiner Frau über den Tod. "Ich möchte, dass du später wieder heiratest", sagt er mit dürren übereinander geschlagenen Beinen. "Dein Leben geht weiter." Das Paar sitzt im Esszimmer. Es regnet draußen immer noch. "Du warst mir eine wundervolle Frau", sagt er und schaut dabei die Wand an. "Du kannst neu anfangen, du bist jung."

Ein langes Schweigen ist dann im Raum. "Was wird nur werden?", sagt er. "Wer wird die Schulden zahlen? Wer kümmert sich um die Großeltern?" Gegen den Widerstand ihrer Familien haben sie geheiratet, eine echte Liebe, keine Selbstverständlichkeit in China, er aus armen Verhältnissen, sie aus wohlhabendem Hause. Jahrelang haben sie gegen ihre Väter angekämpft und schließlich gesiegt.

Jetzt sehen beide aus dem Fenster. Nach dem Mais beginnt draußen nun auch noch der Reis zu faulen.

Der Text von Wolfgang Bauer (Autor) und Daniel Rosenthal (Fotograf) ist erschienen im Greenpeace Magazin 6/07

Von Wolfgang Bauer, Fotos: Daniel Rosenthal
1 2 3 4 5
weiter  
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Skarrin (14.05.2008, 11:05 Uhr)
Die China-Begeisterung der deutschen Wirtschaft
ist angesichts solcher Verhältnisse sehr gut zu verstehen! Schließlich wird ja auch bei uns unermüdlich an der flächendeckenden Wiederherstellung solcher Arbeitsbedingungen gearbeitet, siehe z.B. Wallraffs Bericht aus der Lidl-Bäckerei. Es ist halt viel billiger, Profite durch Ausbeutung rechtlosen Produktivpöbels zu machen, als durch Forschung und Innovation in die man erstmal investieren müßte.
manndernichtdaist (13.05.2008, 15:26 Uhr)
lucky-gems.com
hübsche sachen, gleich mal für 200 Euro bestellt......
nein quatsch natürlich kauf ich nicht jeden mist. aber wir alle kaufen extrem viel chinesenzeug. das sollte endlich mal aufhören. wir zahlen 1,50€ pro liter benzin und kaufen KIK oder H&M hosen für 1,99€ das stück. sorry aber wenn ich mir eine hose kaufe, möchte ich qualität und keine chinesenkinderhände dran sehen. leider denken da die wenigsten so.
sophisticated (12.05.2008, 13:16 Uhr)
@swissmiss
Nee, das sehe ich ganz und gar nicht als "Gott gegeben" (das wäre ja eine Verhöhnung Gottes)! - Das ist systembedingt so. Das haben wir so erfahren, das haben andere so erfahren, wundern wir uns noch darüber? (Und wenn ja, Sich-Wundern macht keine Fortschritte, da muss man schon aktiv ändern; Fair-Trade ist immerhin ein Tropfen auf den Stein, ändert aber das System auch nicht, sondern stützt es letztlich.)
Swissmiss (11.05.2008, 19:46 Uhr)
@sophisticated
Es bestreitet ja auch niemand, dass die Arbeitsbedingungen in Europa zu Beginn der Industrialisierung bis z.T. noch weit ins 20.Jhr. hinein sicher mindestens so schlimm waren, wie sie heute in China sind. Trotzdem ist es billig, dies einfach als "von Gott gegeben" hinzunehmen. Auch in Europa haben die Leute damals für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Und heute sind wir froh um das Erreichte. Wenn man also irgendwie (z.B. eben mittels Artikel in westlichen Zeitungen, durch die dann aufgeschreckte Konsumenten nur noch "fair trade"-gehandelte/produzierte Produkte kaufen) die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in andern Ländern voranbringen kann, ist das doch zu befürworten, oder?
sophisticated (11.05.2008, 12:54 Uhr)
Das kann man so oder anders sehen!
Wer mich aus den Blogs im Stern kennt, weiß, dass ich China sehr kritisch gegenüberstehe.
Aber der Artikel ist mir zu billig. Die Arbeitsbedingungen dort unterscheiden sich im augenblicklichen Industrialisierungsstadium Chinas von keinen europäischen. Wenn man sich erinnert, wie die Arbeitsbedigungen unter Tage noch in den 40er und 50er, teilweise sogar 60er Jahren bei uns war, wenn man sich erinnert wie die Maloche am Hochofen in den genannten Zeiträumen war (um nur wenige Bespiele zu nennen), dann ist das keinen Deut besser gewesen als das was in China geschieht. Die Brutalität liegt doch in dem Faktum der Ausbeutung! Die Arbeitsbedingungen sind nur eine Folge davon.
ganzbaf (11.05.2008, 08:54 Uhr)
"In der Geschichte eines Landes ...
muss immer eine Generation geopfert werden", sagt Herr Tu. "Wir sind diese Generation."
---
Geiles Statement.
ganzbaf (11.05.2008, 08:50 Uhr)
Selbstherrliche, autoritäre Regime...

Landflucht, Waffenexport, Überbevölkerung und Wirtschaftskriechertum - die fünf schlimmsten Geißeln der Menschheit.
Daisan (10.05.2008, 14:25 Uhr)
Es ist bereits seit langem bekannt, wie schrecklich die Zustände
in Chinas Arbeitswelt sind, trotzdem gibt es mehr als genügend geldgeile Manager und Unternehmer, die gar nicht genug dort investieren können.
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen elementarste Menschrechte ist das meiner Ansicht nach. Jeder, der wissend (und das kann man hier wirklich unterstellen) um die Umstände in China "investiert", gehört sofort vor Gericht und mit hohen Gefängnisstrafen belegt.
Auch in Schlips und Kragen ist verbrecherisches Tun ein Verbrechen.
So und nicht anders gehört dies behandelt.
Skaf (10.05.2008, 12:20 Uhr)
@pola-pola
Unmoralisch...ja, natürlich ist die Art und Weise, wie diese Leute von ihrer eigenen "Volks"-Republik behandelt werden, unter aller Sau. Aber ich finde, man kann nicht alles auf die Verbraucher abwälzen. Es geht auch nicht, schließlich werden viele unserer alltäglichen Gebrauchsgegenstände nur noch in China hergestellt. Ohne manche Dinge kann man halt nicht leben. Die Verantwortung liegt meiner Meinung nach bei den Unternehmern und hautpsächlich beim chinesischen Staat. Was auf seinem Staatsgebiet passiert, dafür ist er verantwortlich , und er hat eben für menschliche Arbeits- und Lebensbedingungen zu sorgen. Eine Regierung, die meint, Tibet sei einzig und allein eine innere Angelegenheit, könnte und müsste sich auch für die Interessen IHRER Arbeiter einsetzen.
Und jetzt heißt es bestimmt, wir leben in einer globalisierten Welt und muss global denken. Wunderbar. Dann erwarte ich von den geldgeilen Managern, dass sie Menschenrechte nicht als Privileg ausschließlich der Verbraucher im Westen betrachten, sondern sich auch um ihre Einhaltung überall auf der Welt einsetzen. Aber da scheint die "Globalisierung" momentan leider noch Halt zu machen. Die UNO kann dabei auch eine wichtige Rolle spielen.
pola-pola (10.05.2008, 09:11 Uhr)
Bestätigung
Dieser Artikel bestätigt, was ich lange vermutete. Waren aus China zu kaufen ist unmoralisch. Aber warum kaufen die Menschen Artikel, die unter diesen Bedingungen hergestellt wurden?
Wenn ich z. B. bei E...KA Äpfel aus China sehe, frage ich mich: warum das? Gibt es hier nicht genug Sorten? Natürlich vermeide ich wo immer es geht, Produkte aus China zu kaufen! Das sollten alle Konsumenten tun. Gewinner sind die Firmen in China und den Importländern sowie deren politischen Komplizen.
MEHR ZUM ARTIKEL
China verschärft Zensur Kritischer Journalist entlassen

Drei Monate vor den Olympischen Spielen verschärft die chinesische Regierung die Pressezensur. Wie stern.de von chinesischen Journalisten erfahren hat, wurde Chang Ping, stellvertretender Chefredakteur des Wochenblatts "Südliche Metropole", seines Amtes enthoben. mehr...

Dalai-Lama-Interview "Echte Autonomie ist der einzige Weg"

Der Dalai-Lama-Besuch sorgt schon zu Beginn für Ärger, die deutsche Politik streitet darüber, wie mit dem umstrittenen geistigen Führer der Tibeter umzugehen ist. Dieser hat bereits vor seinem Abflug im Interview mit stern.de-Reporter Teja Fiedler seine Erwartungen an den Besuch formuliert. mehr...

Darmvirus in China Mehr als 9000 Kinder erkrankt

Das sich rasant ausbreitende Darmvirus EV71 hat die chinesische Hauptstadt Peking erreicht. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden sind dort mittlerweile 1482 Kinder erkrankt, landesweit sind mehr als 9000 Fälle bekannt. 25 Kinder starben an der Infektionskrankheit. mehr...

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft