Mit seinem Armstumpf hakt sich Liu Bang-hua im Halsmuskel der Mutter ein, wenn sie ihn über den Hof zur Toilette trägt. Das Laufen auf Prothesen fällt ihm schwer, die Billigprodukte stechen hart ins Fleisch der Stümpfe. Die Eltern haben ihn aufgenommen, von einem Doppelbett in ihrem Bauernhaus aus führt er seine Prozesse. Einen gewann er, die Anerkennung seiner Verletzungen als Arbeitsunfall, vier verlor er, der sechste ist im Gange. Das Rechtswesen ist den meisten Wanderarbeitern ein Labyrinth, kein Ariadnefaden gibt es darin, sondern viel Korruption und Jahreverschlingende Bürokratie.
Das Gericht sieht es als nicht erwiesen an, dass Liu Bang-hua Beschäftigter der Firma war. Er hat keinen Arbeitsvertrag, wie die meisten in China, aber Lohnzettel und Ausweise. Doch immer wieder schmettert das Gericht seine Klagen ab und verhindert gleichzeitig, dass er sich an höhere Instanzen wendet. Einmal habe sein ehemaliger Chef ihn im Verhandlungssaal ins Gesicht geschlagen, vor den Augen des Richters, und dieser habe nicht eingegriffen. "Die Richter sind gekauft", ist sich Liu Bang-hua sicher. Doch er versucht es weiter.
Ein junger Jura-Student vertritt ihn als Anwalt. Andere übernehmen solche Fälle nicht, denn an Berufsunfällen ist nicht viel Geld zu verdienen. "Sehr unerfahren der Mann", klagt er. Ein halbes Jahr nach Beginn des sechsten Prozesses habe der immer noch nicht erfahren, wer der zuständige Richter sei. Erregt zucken die Sehnen im Armstumpf, wenn Liu Bang-hua erzählt. Als wolle er ausbrechen aus der Haut, in die er von den Ärzten genäht wurde.
Es gibt erste Zeichen von Besserung in China. Die Arbeiter beginnen sich zu organisieren. 100.000 Demonstrationen zählten Nichtregierungs-Organisationen im vergangenen Jahr. Trotz des Verbotes von unabhängigen Gewerkschaften bilden sich mehr und mehr Schutzgemeinschaften. Sie beraten sich untereinander.
Herr Tu ist Mitglied einer dieser Gruppen. Die Höhe der ausgezahlten Entschädigungen steigt allmählich. Es klagen aber nur wenige Arbeiter, weil sie das Geld für die Prozesskosten nicht haben. Und immer noch sind die Zustände in vielen Fabriken extrem lebensgefährlich. Auch Zertifizierungen internationaler Konzerne haben daran wenig ändern können. Immer noch steigt in China mit jeden neuen Auftrag, mit jedem Kauf im deutschen Schnäppchenmarkt, die Wahrscheinlichkeit von Berufsunfällen und chronischen Krankheiten.
Herr Yang spricht mit seiner Frau über den Tod. "Ich möchte, dass du später wieder heiratest", sagt er mit dürren übereinander geschlagenen Beinen. "Dein Leben geht weiter." Das Paar sitzt im Esszimmer. Es regnet draußen immer noch. "Du warst mir eine wundervolle Frau", sagt er und schaut dabei die Wand an. "Du kannst neu anfangen, du bist jung."
Ein langes Schweigen ist dann im Raum. "Was wird nur werden?", sagt er. "Wer wird die Schulden zahlen? Wer kümmert sich um die Großeltern?" Gegen den Widerstand ihrer Familien haben sie geheiratet, eine echte Liebe, keine Selbstverständlichkeit in China, er aus armen Verhältnissen, sie aus wohlhabendem Hause. Jahrelang haben sie gegen ihre Väter angekämpft und schließlich gesiegt.
Jetzt sehen beide aus dem Fenster. Nach dem Mais beginnt draußen nun auch noch der Reis zu faulen.
Der Text von Wolfgang Bauer (Autor) und Daniel Rosenthal (Fotograf) ist erschienen im Greenpeace Magazin 6/07