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Hinter den Kulissen der Sex-Industrie

Sinkende Umsätze, schlechte Qualität und kostenlose Konkurrenz im Internet - die deutsche Porno-Branche steckt in der Krise. Für sein neues Buch "Alles über Porno!" hat der Autor Marcel Feige Porno-Stars, -Regisseure und -Produzenten gefragt, was das Geschäft mit der Erotik wieder anheizen könnte.

Von Almut F. Kaspar

Harry S. Morgan, 62, ist ein Veteran der Szene. Der ehemalige "Bild"-Fotograf hatte irgendwann bei der Essener Porno-Produktion Silwa angeheuert und für Silwa-Magazine wie "Happy Weekend" fotografiert. "Dafür jettete ich rund um die Welt, mal nach Paris, London, Spanien, Ibiza, ein angenehmes Leben", schwärmt er, "damals verfügte die Branche über ein Heidengeld. Teure Hotels? Exklusive Restaurants? Alles kein Problem." 1975 übernahm Morgan die Regieassistenz bei "Josefine Mutzenbacher - Wie sie wirklich war", heute längst ein Klassiker des Hardcore-Genres. "Das war ein unglaublicher Aufwand", erzählt Morgan, "wir drehten in Wien, mit vielen Kostümen, bauten ein komplettes Studio auf - kein Vergleich zu den überhasteten Pornoproduktionen von heute. Es war richtiges Filmemachen - mit 35 Millimeter und Kinovorführungen. Es war eine schöne Zeit. Und: Wir hatten keine Konkurrenz." Damals prahlten Porno-Produzenten noch, dass sie die Stoßdämpfer ihrer Autos verstärken lassen müssen, weil die Geldsäcke so schwer seien.

Die schönen Zeiten sind vorbei, und Konkurrenz, die auch noch billiger produziert, gibt es nun massenhaft. Nicht nur die aus den ehemaligen Ostblock-Staaten, sondern vor allem die aus dem Internet - wo man zum Beispiel auf www.youporn.com kostenlos bedient wird, von kürzesten Sex-Schnipseln über zusammengeschnittene Compilations bis zu veritablen Porno-Filmen. Deshalb bröckeln die Umsätze aus Verkauf und Vermietung pornografischer Bild- und Tonträger seit Jahren. Derzeit setzt die deutsche Branche gerade noch geschätzte 500 Millionen Euro pro Jahr um, Tendenz immer noch fallend. Früher galt sie mal als Gelddruckmaschine.

Ikonen der Porno-Industrie

Über den Zustand der deutschen Pornoindustrie hat der Berliner Autor Marcel Feige jetzt ein Buch geschrieben. In "Alles über Porno!" berichtet er über die neuesten Trends im Hardcore-Business und lässt in mitunter äußerst unterhaltsamen Interviews und O-Tönen Stars, Regisseure und Produzenten zu Wort kommen. Ein Konzept, das sich bestens bewährt: Denn in diesen Selbstdarstellungen bekommt der Leser mit, wie es hinter den Kulissen zugeht. Es wird erzählt, wie wer ins Geschäft (und wieder raus-) gekommen ist, was dort verlangt und gezahlt wird und auf welche neuen Ideen und Formate man setzt, um der Krise zu trotzen.

Man erfährt zum Beispiel, dass "Mutzenbacher"-Regisseur Hans Billian - bürgerlich Hans Joachim Hubert Backe und von Beruf eigentlich Schauspieler, Drehbuchautor und Filmregisseur - früher der bekannteste Pornofilmer war und auch heute noch für zahlreiche Hardcore-Schaffende "das Maß aller Dinge" ist. Oder wie die 1953 in Breslau geborene tierärztliche Assistentin Teresa Orlowski zum ersten echten deutschen Pornostar avancierte. Die für ihren damaligen Ehemann Hans Moser alias Sascha Alexander als "Foxy Lady" vor der Kamera stöhnte, ihn schließlich rausschmiss und ihre Firma "VTO - Video Teresa Orlowski" in Hannover allein weiterführte. Moser schimpfte damals über seine undankbare Ex: Sie sei "ein Saddam Hussein mit Titten."

Nach Teresa Orlowski begann eine weitere Sexbombe ihre Karriere als Porno-Star - und zwar mit einer Titelstory im stern: "Auf dem Cover lächelte eine dralle Frau mit blonden Haaren und gewaltigen Brüsten", schreibt Buchautor Feige, "ihr Name war Dolly Buster. Dieser Bericht war nicht nur die Absolution, die die Gesellschaft dem Pornofilm erteilte, er war auch der Durchbruch für die Pornodarstellerin, die in Wahrheit Katerina Nora Bochnickova hieß, 1969 in Prag geboren."

Das alte Lied vom Rosettenjodler

Der letzte große deutsche Pornostar, sagt Regisseur Tom Herold, sei Gina Wild gewesen, die heute unter ihrem bürgerlichen Namen Michaela Schaffrath im seriösen Fach zu reüssieren versucht. Herold, der nun für den großen Pornoproduzenten "Private" dreht, weiß: "Privat war sie nicht anders als im Film." Das sei auch der Grund für ihren Erfolg gewesen, sagt Veteran Harry S. Morgan, der sie aufgebaut hatte: "Weil sie bei jeder Szene einen Orgasmus erlebte. Weil ich bei jeder Szene ihr Gesicht zeigte. Deshalb wurde sie zum Pornostar." Und weil sie nur sieben Filme machte und dann aufhörte.

Harry S. Morgan, der seit 20 Jahren Haus- und Hofregisseur bei der Essener Produktionsfirma "Videorama" ist und insgesamt weit über 600 Pornofilme gedreht hat, sieht den Grund für die Krise der deutschen Branche in der Qualität der heutigen Produktionen: "Es ist nicht das Internet, das der Pornobranche an den Kragen geht. Es ist die Gesellschaft, die sich verändert hat. Die Gesellschaft war es irgendwann leid, immer die gleiche Art von Filmen zu sehen, ständig diese ewig blöden Rosettenjodler oder 'Auf dem Bauernhof wird geblasen'." Morgan war es auch, der von diesem Mainstream abwich und vor knapp 20 Jahren mit der Amateur-Serie "Happy Video Privat" kopulierende Paare, die er vorher interviewte, in ihren Wohn- oder Schlafzimmern filmte. Eine Innovation, die damals oft kopiert wurde, "aber die anderen hatten nie Erfolg", so Morgan.

Pornos zum Anfassen

Mit neuer Technik, hoher Qualität und mutigeren Konzepten will die Branche nun aus der Krise kommen. Ansprechende Geschichten sollen wieder erzählt werden, mit aufwendigen Kulissen, Kostümen und Special Effects. Doch große Pornoproduktionsfirmen wie "Evil Empire", "Private" oder "Digital Playground" in den USA verfügen über weitaus höhere Budgets als deutsche Unternehmen. Nils Molitor, Sohn des Gründers von "Magma Film", setzt inzwischen auf die hochauflösende High-Definition-Technik und gründete "PornHardArt", Deutschlands erstes Blu-ray-Label. Das sei fast wie 3-D-Kino, schwärmt Molitor: "Das Bild wirkt derart plastisch und echt, dass man glaubt, man könnte es anfassen."

Qualität, da ist sich Molitor sicher, werde sich durchsetzen - auch wenn es in Deutschland jetzt fast 600 "Pornoproduzenten" gebe. "Heutzutage kann jeder in den Supermarkt gehen, sich eine Micky-Maus-Kamera kaufen und dann behaupten: Ich bin ein Pornoproduzent." Wer soll dann, schimpft er, Qualität finden, wenn er im Sexshop vor einer Wand mit 2000 Discs steht? Das alles sei "fast nur noch Schrott", urteilt Molitor.

Sex in der düsteren Subkultur

"Alles über Porno!"-Autor Marcel Feige hat noch eine andere Alternative parat: Realismus. "Porno muss nicht immer durchgestylt und hochgezüchtet sein", schreibt er, "wenn überhaupt, mit Lust. Oder eben Authentizität." Formate wie "Straßenficker" etwa oder "Mach's mit Till", wo männliche Potenzbrocken willige Frauen ansprechen und sie dann vor laufender Kamera herumkriegen. "Authentizität vermengt mit kreativem Anspruch", führt Feige weiter aus, "dafür steht wiederum der so genannte Alternative Porn" Heißt: Sex in der Subkultur, wo düstere Mädels aus der Gothic-Szene oder tätowierte und gepiercte Punk-Girls es mit männlichen Pendants treiben. "Alternative Porn", so Autor Feige, "ist durchaus ein Trend, der sich am ehesten mit dem Wunsch nach Veränderung beschreiben lässt."

Auch die deutschen Pornostars haben sich mittlerweile mit der derzeitigen Krise arrangiert. Vivian Schmitt etwa, einzige Darstellerin mit eigenem Fanclub, seufzt: "Ich versuche, die Firma nach Kräften zu unterstützen - wenn ich mir neue Klamotten kaufe, müssen es nicht immer die teuersten sein." Oder Alexander Maaßen, ein ehemaliger CDU-Kommunalpolitiker aus Berlin, der inzwischen in rund 300 Filmen mitgespielt hat: "Ich mache das, was der Regisseur verlangt. Wenn er möchte, dass ich im Kopfstand ficke, dann vögele ich eben auf diese Weise."

"Mit Porno alleine kann man nichts mehr reißen", bilanziert Altmeister Harry S. Morgan, der noch heute im Geschäft ist. "Man muss andere Geschütze auffahren." Und welche? "Heute müsste ich das Rheinstadion in Düsseldorf mieten, 28 000 Männer auf 32 000 Frauen pissen lassen, die gleichzeitig zurückpissen."

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