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"Nicht immer alles zuspritzen"

Männer dirigieren die Sexmesse Venus, Frauen den "Feministischen Pornofilmpreis", der am Samstag erstmals verliehen wird. Was ist eigentlich ein feministischer Porno? Aktivistin Laura Méritt erklärt es im stern.de-Interview.

Ist es mit den Pornos wie mit der Massentierhaltung: Im Prinzip okay, wenn man nur das Fleisch richtig behandelt?
Genau. Das kann man sehr gut vergleichen.

Um im Bild zu bleiben: Konsequenter wäre es aber doch, vegetarisch zu leben?
Nein. Die Antwort auf Porno ist ja nicht kein, sondern mehr Porno! Vor allem gute. Und faire.

Was ist ein fairer Pornofilm?
Erstens muss weibliche Lust dargestellt werden. Das ist in den herkömmlichen Filmen nicht der Fall, weil die auf die Ejakulation des Mannes hinarbeiten. Zweitens muss er vielfältig sein - sowohl bei den Sexualpraktiken, als auch bei der Kameraführung, den Geschlechtern, Altersgruppen, Körpertypen und auch Kulturen. Drittens sollten Frauen nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera stehen. Und viertens müssen die Arbeitsbedingungen am Set ethisch sein: Niemand soll über seine Grenzen gehen müssen und alle müssen respektvoll behandelt werden. Dazu kommt natürlich eine adäquate Bezahlung.

Am Samstag wird in Berlin erstmals der "Feministische Pornofilmpreis" verliehen. Wie muss man sich die Verleihung vorstellen?
Wir haben die Pionierinnen eingeladen: Candida Royalle, Annie Sprinkle, Petra Joy und andere, sexpositive Frauen, die sich sehr verdient gemacht haben. Und wir haben Filmzusammenschnitte. Dann wird die Auster überreicht.

Alice Schwarzer sagt, Pornos sind generell Frauen verachtend, fördern Vergewaltigungsfantasien, sind ein typisches patriarchalisches Unterdrückungsmedium. Stimmt das alles nicht mehr?
Doch. Die herkömmlichen Pornos haben viele Elemente davon. Und die lehnen wir durchaus ab. Ich stimme mit der Anti-Porno-Kampagne "PorNo" insofern überein, dass Sexismus und Rassismus in Pornos abzulehnen und zu bekämpfen sind. Nur wollen wir nicht nur dagegen sein, sondern treten für gute Pornos. Dafür ist erst jetzt der Weg bereitet.

Viele Frauen stört, dass der weibliche Körper in Pornos bereitwillig und immer zur Verfügung steht.
Die Frauen stört vor allem ein einseitiges, klischeehaftes Bild - mit Riesen-Schwänzen und großen Brüsten. Und dass alles immer zugespritzt werden muss. Diese Leistungsshow lehnen wir ab. Frauen sollen das Recht haben, "Nein" sagen zu können.

Braucht Frau in Pornos immer eine Rahmenhandlung?
Das ist mindestens zehn Jahre her, dass die Frauen gesagt haben: Wir wollen auch eine Geschichte drum herum haben. Das ist ja auch nachvollziehbar, wenn 99,9 Prozent der Filme so gemacht sind, dass beide direkt aufeinander zugehen und losvögeln. Aber die Vielfalt der Wünsche der Frauen ist heute sehr groß. Und mittlerweile sind die Frauen auch sehr viel offener. Bei mir gibt es Tage, da will ich einen Spielfilm mit Sexszenen. Und es gibt Tage, da will ich keinen Rahmen drum herum.

In den 80er-Jahren hat Teresa Orlowski versucht, Pornos für Frauen zu drehen. Das hat kommerziell nicht funktioniert. Ist das heute anders?
Ja. Wir sind 20 Jahre weiter. Der Boden, die Technik und die Akzeptanz in der Gesellschaft sind da.

Männer kaufen Pornos in schmuddeligen Sexshops, in die Frauen sich nie hinein trauen würden. Wo bekommen Frauen gute Pornos her?
Der Vertriebsweg war bisher eines der Hauptprobleme. Inzwischen gibt es ganz viele Boutiquen, die hübsch sind und gute Qualität haben - und da findet man auch diese Filme.

Heute konsumiert die breite Masse Pornos bei YouPorn und PornoTube umsonst im Internet.
Der Markt bricht zwar ein und irgendwann ist die DVD-Zeit vorbei. Aber trotzdem sind gerade Frauen, aber zunehmend auch Männer bereit, mehr Geld für Qualität zu zahlen und gute Bedingungen honorieren, wie bei Bio-Produkten auch. Aber selbst bei YouPorn gibt es auch Filme, die sehr gut sind.

Wann haben Sie zum letzten mal einen guten Porno gesehen?
Letzte Woche, einen Film von Annie Sprinkle.

Jan Zier

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