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BH-Aufknöpfen im Web: 2,60 Euro

Die Porno-Branche jammert. Das Internet vermasselt vielen Anbietern das Geschäft. Die 13. Sexmesse Venus in Berlin setzt deshalb auf die neusten Sexspielzeuge: Fahrzeugteile vibrieren als Massagestäbe, Kühlerhauben werden zu Ersatzvaginas.

Von Johannes Gernert, Berlin

Dildos kann man nicht downloaden, auch nicht auf irgendwelchen Gratis-Portalen. Pornos schon. Damit ist eigentlich fast alles gesagt über den Zustand der deutschen Erotikbranche. Darüber, was sich zurzeit verkauft und was nicht.

"Dildos, Dildos, Dildos", sagt Olli T. Horn und schaut starr durch die Halle 22a der Sexmesse Venus. Wäsche, Schuhe, Klamotten, Gleitmittel, Lack, Leder - das ist es, was er da sieht. Und dazwischen verlorene kleine Stände von Porno-Vertriebsfirmen. "Die haben früher die ganze Halle gefüllt", sagt er. Horn ist groß, kräftig, trägt Fast-Glatze und eine schwarze Angler-Jacke. Als Regisseur dreht er Filme wie "Vollgewichste Gangbang-Schlampen". Auf die Venus kommt er seit zehn Jahren. "Es wird stetig schlechter", sagt er. Die Pornofirmen sind auf dem Rückzug. Dennoch: Die Dildoisierung schreitet voran. Die Sexspielzeuge übernehmen.

Es gibt vor allem zwei Indikatoren für die Lage der deutschen Sexindustrie. Der eine sind die Umsatzzahlen der Beate Uhse AG, des börsennotierten Players. Die gehen seit 2005 zurück, zuletzt um mehr als fünf Prozent, besonders drastisch bei den Sexfilmen. Der andere ist die Venus. Auf der Messe stellen an diesem Wochenende zehn Prozent weniger Firmen aus als 2008. Man sei, teilt der Veranstalter mit, auf das Niveau von 2006 zurückgefallen. Einige große Pornoanbieter haben beschlossen, mehr als 100.000 Euro für einen üppigen Auftritt mit Live-Show an der Strip-Stange zu sparen. Beate Uhse hat komplett abgesagt. "Diese Messe ist wirklich erbärmlich", sagt ein Porno-Fan, der seit Jahren kommt.

"Viele kommen nicht hinterher"

Lars Rutschmann sitzt vor einer Pappfigur von Jana Bach, einer der wenigen noch recht bekannten deutschen Erotikdarstellerinnen. Sie hat einmal beim Fernsehsender 9Live moderiert. Rutschmann sagt: "Ich bin nicht der Meinung, dass es die ultimative Krise ist." Er nennt es einen Wandel, die Ernüchterung nach dem Riesenhype. 2005 war für ihn der Höhepunkt. Es seien noch viele DVDs verkauft worden. Gleichzeitig wuchs das Internetgeschäft kräftig. Dass das nicht ewig so weitergehen konnte war eigentlich logisch.

Rutschmann, 30 Jahre alt, trägt Nadelstreifen-Jackett, T-Shirt und Turnschuhe und hat einen ziemlich guten Überblick. Der Schweizer arbeitet für Magma, neben Videorama die größte deutsche Pornofirma. Er betreibt den Online-Shop Orgazmik mit und dreht als Darsteller und Regisseur in Personalunion. Es ändere sich gerade extrem viel. "Viele kommen nicht hinterher", sagt er.

Es gibt nicht nur Seiten wie Youporn und Co., die Produzenten ständig scannen müssen, damit ihr teuer hergestelltes Material dort nicht verschenkt wird, sondern mittlerweile auch mydirtyhobby.com und all die Web-Doppelgänger, wo Amateure gegen eine lausige Beteiligung von rund 20 Prozent der Einnahmen ihre Clips hoch laden. "Die Darstellerinnen werten sich selbst ab", sagt Rutschmann. "Eine billige Verramschung."

Was noch gut geht: Live-Webcams. In Rumänien setzt sich jemand vor die Kamera. Oder eine Büroangestellte fährt abends, wenn das Kind im Bett ist, den Computer hoch und knöpft den BH auf. Den deutschen Nutzer kostet es manchmal 2,60 Euro in der Minute. Für einen seiner Arbeitgeber liegen die Umsätze da im siebenstelligen Bereich, sagt Rutschmann. Was auch gut geht: Seine eigene Seite. Dafür dreht er zwei Mal im Monat Clips.

Einige hundert User rufen die Videos gegen Geld ab. Mal als Beispiel: 2000 Euro Produktionskosten. 10.000 Euro Einnahmen - so ganz ungefähr. Er hat da in der Schweiz ein Quasimonopol. DVDs liegen hingegen wie Blei in den Regalen. Selbst wenn man sie um fünf Euro billiger macht, tut sich da nichts mehr. "Es ist ein Wandel, es ist nicht das Ende", sagt Rutschmann.

Ein Teil dieses Wandels sind auch die Dildos und die Vibratoren. Neben Noell Brandl, auf dem Tisch der Firma Fun Factory, liegen welche in babyblau, schweinchenrosa und froschgrün. Brandl lächelt in ihrem schwarzen Hosenanzug äußerst professionell. Medizinisches Silicon, 100 Prozent geruchsneutral, aus der eigenen Produktion in Bremen. Kein chemisch-beißender Billig-Jelly wie bei anderen. Am besten verkauft sich Patchy Paul, der froschgrüne mit dem runden Grinse-Köpfchen - in der G3-Generation mit Plus-Minus-Tipptasten-Regulierung und Turbo-Booster.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Wunsch, mit dem Auto zu schlafen

Die Venus hat gerade eine Frauenabteilung eingerichtet und wird erstmals einen Mister Venus wählen lassen. Die Frau als zukunftsträchtiges Segment. Fun Factory hat sie schon als Kunden, zu bestimmt 70 oder 80 Prozent. Die Firma widmet sich jetzt den Männern. "Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom", sagt Brandl und lächelt kurz wie ein Eisbach.

Das Fun-Factory-Produkt für den Mann heißt "Cobra Libre", ist der Kühlerhaube eines Sportflitzers nachempfunden und Männer können mit ihrer Eichel hineinfahren wie in eine Garage. Über ein beleuchtetes "Slide-Touchpad" lassen sich "zwei starke, leise und langlebige Motoren" anwerfen, verspricht der Prospekt. Nein, sie würde jetzt nicht unbedingt sagen wollen, dass das dem Wunsch eines Mannes entsprechen solle, mit einem Auto zu schlafen, sagt Noelle Brandl.

Jedenfalls: Fun Factory wachse, versichert sie. So wie Orion, der Vollsortimentanbieter, dessen Sprecherin froh ist, dass man sich weit vom Entertainment-Programm entfernt habe. Entertainment heißt auch: Sexfilme. Das ist die Sparte, die bei Beate Uhse 2008 um mehr als 14 Prozent eingebrochen ist. Stattdessen gibt es bei Orion den Waver. Vom Diplom-Ingenieur, der ihn erfunden hat, war er ursprünglich als Fahrzeugantrieb gedacht. Es ist ein Massagestab für den Genitalbereich geworden.

"Sex verkauft sich nicht besser als anderes"

Am Morgen hat Orion die Love-Toy-Serie Close2You vorgestellt. Opus, Rhapsodia, Sinfonia. Nadja Abd El Farrag, genannt Naddel, das Gesicht der 13. Venus, hat die Kollektion präsentiert. Sie habe ja auch mit Musik zu tun gehabt, mit Musikern. Fehlt eigentlich nur noch Dildo Bohlen.

Am Messeeingang wird dann doch nacktgetanzt. In der Nähe von Fundorado, wo in einem lilafarbenen Bus Mirko Drenger sitzt und im grauen Anzug ganz nüchtern sagt: "Sex verkauft sich nicht besser als anderes." Der Markt sei überschätzt, so viel, wie man gelegentlich lese, bestimmt nicht zu holen. Sein Webportal strengt sich seit acht Jahren an. Erfolgreich, sagt der Geschäftsführer. Die Nutzermasse mache den Fundorado-Gewinn. Für knapp zehn Euro im Monat kriegen sie immer frische Inhalte: Webcams, etwa aus Tschechien, oder den neuesten Sex der "Berliner Wohngemeinschaft". Reality geht gut, das sagt auch Rutschmann. Sex in der S-Bahn. Schräg gegenüber vom Fundorado-Bus hat Joyfactor exakt acht Jahre nach Fundorado genau dieselbe Idee - eine Flatrate für 9,99 Euro - und muss sie deshalb etwas aggressiver bewerben.

Drenger holt sein iPhone und zeigt den aktuellsten Clou, eine Live-Schalte in ein Solarium. Die Gäste sind einverstanden, dass sie per Webcam ins Netz übertragen werden. "Na", sagt Drenger etwas ungeduldig, und klickt sich von leerer Kabine zu leerer Kabine. Doch, da, am Ende: ein behaarter, alter Mann. "Naja". Das ist die mobile Zukunft. Auf Smartphones derzeit noch gratis. Vom Kopf aus betrachtet jedenfalls. Für die Fußansicht muss man sich bei Fundorado anmelden. Die Fußansicht, sagt Drenger, ist natürlich die interessantere.

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