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Dr. Sommer kommt übers Handy

Die Zahl von Teenager-Schwangerschaften ist in den USA deutlich höher als in allen anderen westlichen Industriestaaten. Staatlich finanzierte Organisationen bemühen sich um Aufklärung - auf unkonventionellem Wege. Der neueste Versuch: Teenager können ihre Fragen per SMS stellen.

Von Ulrike von Bülow, New York

  • Ulrike von Bülow

Das Handy, das Amerikas Jugend aufklären soll, ist auf "Vibrieren" eingestellt. Es brummt, wann immer es Textnachrichten empfängt, die Fragen enthalten wie diese: "Hat ein normaler Penis Falten?" Oder: "Wenn ich vor dem Sex dusche, ist die Chance dann geringer, schwanger zu werden?" Oder: "Wenn mein Freund es nicht mag, dass ich beim Sex laut bin, ich das aber nicht lassen kann, was soll ich dann machen?"

Das Handy ist eine Art elektronischer Kummerkasten, ein Dr. Sommer der Neuzeit. Es empfängt Fragen, die Heranwachsende halt so haben, die sie ihren Eltern aber nicht stellen mögen, während sie pubertieren: Fragen zum Thema Sex, die sie lieber anonym loswerden - und per SMS an die so genannte "Birds and Bees Text Line" schicken. Dabei handelt es sich um eine Hotline, die im Februar von der "Adolescent Pregnancy Prevention Campaign" eingerichtet wurde, einer Organisation aus Durham, North Carolina, deren Ziel es ist, junge Mädchen vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Sie spricht 14- bis 19-jährige an, mit Werbung bei My Space und mit Flugblättern, die in North Carolina verteilt werden.

Antwort innerhalb von 24 Stunden

Ihre Mitarbeiter tragen nun abwechselnd das Handy mit sich herum und beantworten die eingehenden Textnachrichten binnen 24 Stunden. Wie James Martin, 31 und Vater eines kleinen Sohnes, der nun auf dem Display folgende Frage liest: "Warum erzählen Jungs immer gleich ihren Freunden, dass sie mit einem Mädchen geschlafen haben?" Mr. Martin denkt kurz nach, dann drückt er auf "Antworten" und tippt ins Telefon: "Weil die meisten Jungs glauben, dass sie cool sind, wenn sie Sex haben. Aber keine Sorge, in der Regel ist das nur eine Phase, aus der Jungs wieder raus wachsen."

Sexualkunde per SMS, das ist der Versuch, Teenager über die moderne Art der Kommunikation zu erreichen - auf ihrem Handy: Diese Form der Aufklärung ist in den USA neuerdings sehr im Trend, schließlich hat heute jedes Kind ein eigenes Telefon, das seine Verbindung ist zur Außenwelt, mehr noch als ein Computer, der zuhause häufig geteilt werden muss: mit den Eltern, den Geschwistern. Denn Sexualkunde im Schulunterricht, das haben amerikanische Gesundheitsexperten festgestellt, fruchtet herzlich wenig. Im Vergleich mit anderen Industrienationen ist die Zahl der Teenager-Schwangerschaften rekordverdächtig hoch. So werden amerikanische Mädchen zwischen 15 und 19 drei Mal so häufig schwanger wie deutsche Teenager. In North Carolina etwa, wo die Schulen angehalten sind, Enthaltsamkeit zu lehren, war es 2007 so, dass 19.615 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren schwanger wurden, so viele wie niemals zuvor, so die offiziellen Zahlen des Bundesstaats. Gewünscht hatte sich das kaum eines der Mädchen.

Ein paar Universitäten und Krankenhäuser bieten längst Websites an für Teenager, bei denen diese online fragen können, was sie zum Thema Sex gern wissen möchten (wie "Go Ask Alice!" von der angesehenen New Yorker Columbia University), doch die Experten sind sich inzwischen einig, dass es dafür einen intimeren Raum braucht - das Handy eben. Und so gibt es in Großstädten wie Washington D.C., Chicago oder San Francisco telefonische Programme, die es jungen Leuten ermöglichen, Textnachrichten an eine bestimmte Nummer zu schicken und Aufklärung einzufordern - allerdings nur mit vorgegebenen Standardfragen, die aus einem Menü ausgewählt werden müssen ("Was tun, wenn das Kondom geplatzt ist?"). Dennoch sind die Programme sehr beliebt, schließlich "reduziert die Technik das Gefühl von Scham oder Peinlichkeit", wie Deb Levine sagt, der Chef von ISIS, einer Firma, die Gesundheitsprogramme entwickelt.

Die "Birds and Bees Text Line" in North Carolina ist noch einmalig, da sie "one-on-one" anbietet, einen Austausch zwischen zwei Menschen, dem fragenden Teenager und dem antwortenden Erwachsenen von der "Adolescent Pregnancy Prevention Campaign" - und trotzdem ist das Ganze eine private, eine anonyme Angelegenheit. Die Organisation, die vom Bundesstaat finanziert wird, gibt es seit 24 Jahren; sie hat seither Eltern-Kinder-Workshops ins Leben gerufen oder "After School"-Aufklärungsabende - und nun eben die SMS-Seelsorge. Die Mitarbeiter, allesamt ausgebildete Sozialarbeiter, haben ein paar klare Regeln, was die Beantwortung der Fragen angeht, die bei ihnen eingehen: keinen medizinischen Rat geben, sondern an einen Arzt verweisen. Nicht zur Abtreibung raten - wenn notwendig, Klinik in der Nähe empfehlen. Sinnvolle, freundliche Antworten geben, keine sarkastischen. Jede Frage zweimal lesen, bevor sie beantwortet wird.

Die Fragen sind häufig sehr direkt, für besonders viel Geschwafel ist ja auch kein Platz in einer SMS: "Liebe ich sie oder nur den Sex?" Oder: "Was passiert, wenn ich ein Stück Kondom verschlucke?" Oder: "Ich mag Jungs, aber ich mag auch Mädchen. Was soll ich tun?" Kürzlich ging es aber auch einmal um etwas anderes als Sex, sagt Sally Swanson, Mutter von zwei Teenagern, die folgende Frage empfing, von einem Persönchen, das sich wenig später als 12-jähriges Mädchen identifizierte: "Sagen Sie, ist es Ihnen nicht peinlich, sich mit Kindern per SMS über Sex auszutauschen?" Aber nein, schrieb Mrs. Swanson zurück, "Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen ist eine wichtige Sache, ganz egal, in welcher Angelegenheit."

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