Der blinde Seher ist ein uraltes Motiv. Ein Bildband greift es neu auf und porträtiert Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ihr Augenlicht verloren haben. Eine Galerie der tiefen Einblicke. Von Lea Wolz
Sie sind blind und im Ausdruck ihrer Augen liegt doch so viel: Der niederländische Fotograf Martin Roemers hat Überlebende des Zweiten Weltkrieges aufgenommen, die als Folge der Kriegsgewalt ihr Augenlicht verloren haben. Durch den gebrochenen Blick strahlen die Aufgenommenen etwas Statuenhaftes aus. Sie sind dem Betrachter zugewandt und schauen doch über ihn hinaus. In ihren Augen ist der zeitlose Schrecken des Krieges eingefroren, ihr Blick berichtet von tief erfahrenem Leid und durchlebtem Kummer.
Die ehrlichen Aufnahmen konfrontieren den Betrachter mit dem Grauen, das Menschen einander anzutun vermögen. Der Blick der Blinden durchdringt den Sehenden und stellt ihm wortlos Fragen. Es scheint, "als ginge man durch eine endlose Bildergalerie in einem Museum der Schrecknisse, eine klassische Antike, in der alles Leid zu einem bleibenden Lamento erstarrt ist", schreibt der Schriftsteller Cees Nooteboom in seinem Vowort zu dem Bildband "Die Augen des Krieges."
Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen werden von kurzen Texten zu den Porträtierten ergänzt. Dabei erzählen diese Menschen ihre Geschichte - in schnörkellosen, ergreifenden Worten. So wie Frederick Lennnart Bentley, 1924 geboren, der während einer nächtlichen Patrouille bei Caen in der Normandie durch eine deutsche Handgranate erblindete. "Meine Kameraden ließen mich zurück. So war das, den Verwundeten hat keiner geholfen", berichtet er. Bentley rettet sich selbst. Nach seiner Zeit im Feld fand er eine Arbeit als Maschinenbautechniker, heiratete und bekam vier Kinder. "Nach dem Krieg hatte ich ein gutes Leben", sagt er.