Stille Nacht mit 16 Toten

28. März 2013, 13:21 Uhr

Ein US-Soldat in Afghanistan verlässt die Basis und tötet wahllos 16 Menschen. Die Überlebenden werden mit ein bisschen Geld alleingelassen. Eine afghanisch-deutsche Journalistin ist drangeblieben. Von Lela Ahmadzai und Sophie Albers

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Das Massaker von Kandahar ist in die Geschichte der Kriegsverbrechen eingangen als das schwerste, von einem einzelnen Soldaten verübte Verbrechen seit dem Vietnamkrieg.

In der Nacht zum 11. März 2012 hat US-Feldwebel Robert Bales mutmaßlich in zwei Dörfern rund um den US-Militärstützpunkt Camp Belambay in der afghanischen Provinz Kandahar (siehe Grafik) 16 Zivilisten getötet und teilweise verbrannt: neun Kinder, vier Männer und drei Frauen. Sechs Menschen wurden verletzt. Nach den ersten vier Morden soll der Soldat kurzzeitig ins Camp zurückgekehrt sein, um es dann wieder zu verlassen und weiter zu töten. Die Opfer wurden in ihren Häusern aus dem Schlaf gerissen, aus nächster Nähe hingerichtet, erschossen und erstochen.

Sobald die Tat bekannt war, wurde Bales außer Landes gebracht und sitzt seitdem im Militärgefängnis Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas. Im vergangenen November gab es Vorverhandlungen mit ersten Anhörungen. Der Prozess vor dem Militärgericht sollte im Herbst beginnen, wird aber wohl mindestens bis ins kommende Jahr verschoben werden. Das Militär fordert die Todesstrafe. Bales' Anwälte sprechen von Unzurechnungsfähigkeit. US-Präsident Barack Obama betont, dass Bales allein gehandelt habe und nicht repräsentativ sei für den "außergewöhnlichen Charakter" des amerikanischen Militärs und dessen "Respekt für das afghanische Volk".

Die Stimme der Opfer

Während in den USA die Schuldfähigkeit des Soldaten verhandelt wird, von dem es bisher kein Schuldeingeständnis gibt, hat die afghanisch-deutsche Journalistin Lela Ahmadzai das vergangene Jahr damit verbracht, von den Menschen vor Ort herauszufinden, was genau in dieser Nacht in Kandahar passiert ist und was es für die Opfer bedeutet. Deren Stimme werde in vielen Berichten bruchstückhaft und auch falsch wiedergegeben, erzählt Ahmadzai stern.de, was an Fehlübersetzungen und an mangelndem Verständnis liege. "Das sind Menschen, die ohne Elektrizität, ohne Internet, ohne den ständigen Blick auf die Uhr leben", deren Vertrauen man sich monatelang erarbeiten müsse. Aus monatelangen, intensiven Recherchen und Gesprächen ist die Webdokumentation "Stille Nacht" entstanden - um die Opferperspektive in Bild, Text und Ton auf den Punkt zu bringen.
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Die Journalistin Ahmadzai ist als 17-Jährige nach Deutschland gekommen, hat in Hannover Design und Fotografie studiert und gehört zum Team von 2470media, einem Produktionsstudio für Multimedia-Reportagen. "Als wir gegangen sind, ging es um die Russen, jetzt geht es um die Amerikaner", sagt die 37-Jährige, die 2002 für eine Langzeitreportage über afghanische Frauen nach Afghanistan zurückgekehrt ist.

Ihre Arbeit mit den Überlebenden des Massakers von Kandahar war alles andere als einfach. Zum einen weil Ahmadzai zuerst als Frau nicht ernst genommen wurde, was sich aber bald geändert hat - am Ende waren die Interviewten dankbar für die weibliche Einfühlsamkeit. Zum anderen weil die Familien ihre Dörfer verlassen haben und nur schwer zu finden waren: aus Angst vor den Erinnerungen, aber auch aus Angst vor den Taliban, die den Menschen mit dem Tode drohen, weil sie Geld von den Amerikanern angenommen haben.

50.000 Dollar für einen Toten

Denn kurz nach dem Massaker - "Ich habe mich gewundert, wie schnell es ging", sagt Ahmadzai - hat das US-Militär den Angehörigen der Opfer Entschädigungen ausgezahlt: 50.000 Dollar für einen Toten, 10.000 Dollar für einen Verletzten. Das klinge viel, aber sei für eine siebenköpfige Familie, die den Ernährer verloren hat, viel zu wenig, so die Journalistin. Außerdem hätten die Familien ihr Land aufgeben müssen, von dessen Bewirtschaftung sie mitunter seit vier Generationen gelebt haben.

Die Überlebenden sind so verängstigt, dass sie Ahmadzai nur an einem "neutralen" Ort in Kabul treffen wollten. Über sieben Tage lang hat die 37-Jährige sie dort interviewt. (siehe Video) Das sei ihr sehr ans Herz gegangen, so Ahmadzai. Während Wazir, dessen ganze Familie ermordet wurde, beeindruckend gefasst berichtet habe, sei der kleine Hekhmattullah schwer traumatisiert. Der 16-Jährige Rafiullah habe sie mit der direkten Ansprache des Täters überrascht.

Auf der Suche nach der Wahrheit hat Ahmadzai viele Widersprüche gefunden. Manche sagen, Bales sei nicht allein gewesen, sprechen von Lichtern im Garten und Spuren. Videoaufnahmen belegen wiederum, dass der Soldat allein in sein Camp zurückgekehrt sei. "Doch es gibt noch ein anderes US-Camp in der Nähe", sagt Ahmadzai. Sie hoffe, dass die Anwälte sich auch ihre Interviews mit den Überlebenden ansehen werden. "Häufig passieren diese tragischen Geschichten, und dann bleibt es still." Diesmal nicht.
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Sonntag,, März, 2012
Feldwebel


Chronologie: Was nach dem Massaker geschah

Sonntag, 11. März 2012
Feldwebel Robert Bales wird um 4.36 Uhr von Kollegen aufgegriffen, als er in blutverschmierter Uniform ins Camp Belambay zurückkehrt. Nachrichten über verwundete afghanische Zivilisten haben die Militärbasis erreicht. Am späten Vormittag fliegt die US-Armee Bales mit dem Hubschrauber zur Nato-Militärbasis am Flughafen von Kandahar.

Mittwoch, 14. März 2012
Bales wird zunächst in eine Miltärhaftanstalt in Kuwait geflogen, zwei Tage später mit einem Militärfrachtflugzeug zur Untersuchungshaft nach Fort Leavenworth, Kansas.

Freitag, 16. März 2012
Fünf Familienangehörige der Opfer, einer davon ein Augenzeuge, treffen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai in Kabul zu einem öffentlichen Gespräch.

Montag, 19. März 2012
Der afghanische "Al Jazeera"-Journalist Qais Azimy veröffentlicht eine nicht näher belegte Liste von 16 bei dem Massaker Getöteten und sechs Verletzten.

Samstag, 30. Juni 2012
Agha Lala, Bewohner des Dorfes Najiban stirbt bei einem Autounfall. Er hatte nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters ausgesagt, in der Nacht des 11. März mehrere Soldaten in der Nähe des Hauses der Familie Wazir gesehen zu haben, von der elf Mitglieder ermordet wurden.

Dienstag, 25. September 2012
Habibullah, Augenzeuge der Mordnacht und Sohn des in Alkozai Verletzten Haji Mohammed Naim, wird bei einem Nato-Luftangriff getötet.

Damit sind zwei mögliche Zeugen für den Prozess gegen Robert Bales innerhalb weniger Monate umgekommen. Beide hatten am Treffen mit Präsident Karsai teilgenommen.

Montag, 5. November bis Dienstag, 13. November 2012
Nach mehreren Verschiebungen findet in einer Militärbasis im Bundesstaat Washington das Anhörungsverfahren nach Artikel 32 des US-Militärgesetzbuches statt. Elf Familienmitglieder der Opfer, davon sechs Kinder und ein Erwachsener, die Zeuge des Verbrechens wurden, sagen per Live-Videoschaltung aus Kandahar aus. Erwachsene Frauen sagen nicht aus - ob Augenzeugin oder nicht.

Donnerstag, 17. Januar 2013
Feldwebel Robert Bales wird in der Armeebasis Lewis-McChord formal zur Anklage vernommen, verweigert aber die Aussage. Während seine Verteidiger einen Prozesstermin im Mai 2014 anstreben, fordern die Strafverfolger der Armee einen Termin im Juni 2013. Richter Colonel Jeffery R. Nance setzt noch keinen Termin fest, erklärt aber, dass Juni 2013 zu früh sei.

Donnerstag, 17. Januar 2013
Die Nachrichtenagentur AP veröffentlicht erstmals die vollständige Liste aller in der Nacht des 11. März 2012 Getöteten und Verletzten gemäß des offiziellen Berichts der US-Armee. Die Namen auf der Liste der Armee entsprechen nicht denjenigen auf der bereits im März 2012 von "Al Jazeera" veröffentlichten Liste.

Samstag, 2. März 2013
Sechs männliche Opferangehörige - davon zwei Augenzeugen des Massakers - reisen in die USA, um vor Beginn des Prozesses mit den Strafverfolgungsbehörden und Anwälten zu sprechen und den Ort zu besichtigen, wo sie später im Prozess aussagen sollen.

Sonntag, 17. März 2013
Feldwebel Bales soll einer militärgerichtlich angeordneten psychologischen Untersuchung unterzogen werden. Deren Dauer wird auf drei bis sieben Tage geschätzt.
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