Das
Massaker von Kandahar ist in die Geschichte der Kriegsverbrechen eingangen als das schwerste, von einem einzelnen Soldaten verübte Verbrechen seit dem Vietnamkrieg.
In der Nacht zum 11. März 2012 hat US-Feldwebel
Robert Bales mutmaßlich in zwei Dörfern rund um den US-Militärstützpunkt Camp Belambay in der afghanischen Provinz Kandahar (siehe Grafik) 16 Zivilisten getötet und teilweise verbrannt: neun Kinder, vier Männer und drei Frauen. Sechs Menschen wurden verletzt. Nach den ersten vier Morden soll der Soldat kurzzeitig ins Camp zurückgekehrt sein, um es dann wieder zu verlassen und weiter zu töten. Die Opfer wurden in ihren Häusern aus dem Schlaf gerissen, aus nächster Nähe hingerichtet, erschossen und erstochen.
Sobald die Tat bekannt war, wurde Bales außer Landes gebracht und sitzt seitdem im Militärgefängnis
Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas. Im vergangenen November gab es
Vorverhandlungen mit ersten Anhörungen. Der Prozess vor dem Militärgericht sollte im Herbst beginnen, wird aber wohl mindestens bis ins kommende Jahr verschoben werden. Das Militär fordert die
Todesstrafe. Bales' Anwälte sprechen von Unzurechnungsfähigkeit. US-Präsident Barack Obama betont, dass Bales allein gehandelt habe und nicht repräsentativ sei für den
"außergewöhnlichen Charakter" des amerikanischen Militärs und dessen "Respekt für das afghanische Volk".
Die Stimme der Opfer
Während in den USA die Schuldfähigkeit des Soldaten verhandelt wird, von dem es bisher kein Schuldeingeständnis gibt, hat die afghanisch-deutsche Journalistin
Lela Ahmadzai das vergangene Jahr damit verbracht, von den Menschen vor Ort herauszufinden, was genau in dieser Nacht in Kandahar passiert ist und was es für die Opfer bedeutet. Deren Stimme werde in vielen Berichten bruchstückhaft und auch falsch wiedergegeben, erzählt Ahmadzai
stern.de, was an Fehlübersetzungen und an mangelndem Verständnis liege. "Das sind Menschen, die ohne Elektrizität, ohne Internet, ohne den ständigen Blick auf die Uhr leben", deren Vertrauen man sich monatelang erarbeiten müsse. Aus monatelangen, intensiven Recherchen und Gesprächen ist die Webdokumentation
"Stille Nacht" entstanden - um die Opferperspektive in Bild, Text und Ton auf den Punkt zu bringen.