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Als der König seinen Degen verlor

Gerade wurde er mit dem Henri Nannen Preis für sein Lebenswerk geehrt: Robert Lebeck zählt zu den ganz Großen des Fotojournalismus. Diskret, gelassen und mit viel Glück erzählt er seine Geschichten, so auch die von dem König, der seine Kolonie und einen Degen verlor.

Von Philipp Gülland

Eigentlich hat er verloren: Während seine Kollegen der offenen Limousine mit König Baudouin von Belgien und dem kongolesischen Staatspräsidenten Kasavubu vorauseilen, bleibt Robert Lebeck dahinter zurück und scheint damit aus dem Rennen - die besten Bilder werden wohl andere machen. Aber Lebeck hat Glück: Von rechts stürzt ein junger Schwarzer im eleganten Anzug heran und stibitzt des Königs Degen von der Rückbank, direkt vor seiner Kamera. Die Steilvorlage für ein Jahrhundertbild.

"Unverschämtes Glück" und Instinkt

Dieses geradezu "unverschämte Glück" wird für seine Karriere immer symptomatisch sein: Das stille Schlitzohr mit der Leica hält nicht viel von Theorie und Technik, es verlässt sich eher auf seinen Instinkt, scheint ein untrügliches Gespür für Situationen zu haben, und einen unwiderstehlichen Charme: Chefredakteure und Frauen liegen ihm zu Füßen. Instinktiv drückt er auch heute, an diesem sonnigen 29. Juni 1960 in Leopoldville, auf den Auslöser, hält den unerhörten Streich als Sequenz fest und erwischt das Schlüsselbild in Perfektion. Jenen Höhepunkt, der den Augenblick zur Metapher für das große Ganze werden lässt: Kolonialherrschaft, Eskalation, Freiheitsdrang, Emanzipation. Mit diesem Schlüsselbild gelingt Lebeck eine augenzwinkernde Bestandsaufnahme dieses "afrikanischen Jahres".

Afrika zur Stunde null

1960, 15 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wird Kolonialherrschaft langsam zum politischen Auslaufmodell: Kamerun, Togo, Niger, Mali, die Elfenbeinküste und einige andere Kolonien werden in die Unabhängigkeit entlassen. Es herrscht eine gewisse Aufbruchsstimmung, genährt vom Wunsch nach einem selbstbestimmten, starken Afrika und zugleich überschattet von Spannungen und Unruhen. Bereits im Juli, die lang ersehnte Unabhängigkeit ist kaum einen Monat alt, beginnt die junge Republik Kongo im Chaos zu versinken: innenpolitische Querelen, Missgunst, Militärputsch, Machtkampf.

Robert Lebecks schlicht-geniales Bild wirkt rückblickend nahezu prophetisch, lässt das komplexe Geflecht von Ursachen und Auswirkungen erahnen - ein Jahrhundertbild eben.

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