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Coca-Cola und Erleuchtung

Schönheit, Gelassenheit und Klarheit. Lange Jahre verbringt Fotograf Steve McCurry auf den Spuren des Buddhismus. Zwischen Karma und Samsara erschließen seine Bilder die Faszination der 2500 Jahre alten Lehre.

Von Philipp Gülland

Bodh Gaya, Indien, eine Teestube. Die nackte Wand im Hintergrund ist bis auf Hüfthöhe schwarz gestrichen, darüber rot mit einem riesigen Coca-Cola-Schriftzug. Links im Bild ein altmodisches Waschbecken; ein Spiegel und zwei einfache Tische mit Bänken ergänzen die Einrichtung. An einem dieser Tische sitzt ein junger Mann, etwa um die 30. Das schwarze Haar ist kurz geschnitten, den schlanken Körper umschlingt eine Robe in kräftigem Rot - ein buddhistischer Mönch. Seine linke Hand ruht auf dem Tisch, umfasst eine halbvolle Flasche Cola mit Strohhalm. Versonnen schaut der junge Buddhist vor sich hin, wirkt entrückt und doch zugleich konzentriert. Denkt er nach? Ruht er aus? Eine faszinierende Szene: religiös, melancholisch, witzig. Hier prallen offensichtliche Gegensätze aufeinander, aber es knallt nicht - die Begegnung ist sanft. Buddhistisch.

"Den Gang zu wechseln, ist wichtig"

Steve McCurry ist einer, der langsam arbeitet, sich seinem Thema bedächtig nähert, es immer wieder neu umkreist, die entscheidenden Aspekte erspürt. Begonnen hat der in Philadelphia geborene Fotograf seine Karriere recht abenteuerlich: Kurz vor Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan reist der junge Reporter in landestypischer Tracht über die pakistanische Grenze ein. Eingenäht in seine Kleidung bringt McCurry die belichteten Filme außer Landes, es sind die ersten Bilder aus dem von Bürgerkrieg und Invasion gezeichneten Paschtunen-Staat. Dieser verwegene Coup macht den jungen Amerikaner bekannt, für seine engagierte und mutige Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet erhält er den Robert Capa Preis.

Reportagen von den Konflikten in Jugoslawien, Beirut, Kambodscha oder dem Golfkrieg bestimmen die nächsten Jahre. Aber harte Fakten sind nicht alles, was den Amerikaner interessiert: "Es ist wichtig, in Afghanistan oder dem Irak zu arbeiten. Aber es tut einem Fotografen gut, mal den Gang zu wechseln und etwas völlig anderes zu machen" erklärt er und fügt dann hinzu: "Ich kann gut zwischen der Arbeit an einem Ort wie Afghanistan und einem Auftrag in Angkor Wat oder Tibet wechseln, wo ich mehrere Wochen in Ruhe alles erforschen kann."

Das umfassende Bild

"Wir Fotografen sagen oft, dass wir uns ein Bild 'nehmen', irgendwie stimmt das auch. Wir nehmen etwas aus dem Leben der Leute, aber dadurch erzählen wir ihre Geschichte." So erklärt Steve McCurry, was zwischen Fotograf und Fotografiertem passiert: ein sehr intimer Prozess, ein langsames Kennenlernen, Vertrauen fassen und sich aneinander gewöhnen, an dessen Ende ein - oft stummes -Einvernehmen steht: "Du darfst mich fotografieren, Du und Deine Kamera, Ihr seid keine Störenfriede. Erzähl meine Geschichte."

Süß ist beides

Immer wieder betont McCurry, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen. Nur so bekommt man Bilder von intimer Nähe und Offenheit. Geduldig verfolgt er dieses Ziel. Zwischen 1994 und 2003 entstehen in Burma, Indien und Tibet jene Bilder, die zunächst als Reportage in National Geographic, dann als Buchprojekt mit dem Titel "The path to Buddha - a Tibetan pilgrimage" erscheinen. "Dieses Projekt ist viel weiter aufgefasst, als meine normalen Aufträge, die sind viel spezifischer." verrät der Fotograf, "Ich will zwar keine Enzyklopädie schaffen, die wirklich alles zeigt. Aber es ist mir schon wichtig, ein umfassendes Bild des Buddhismus zu zeichnen."

Dazu gehört auch die Gegenwart der jahrtausende alten Lehre und ihr Einfluss auf die westliche Welt, den das Bild des Mönches in der Teestube andeutet. McCurry spricht aus, was viele denken: "Ich glaube, wenn mehr Leute diesen Weg gehen würden, wäre unsere Welt ein besserer Ort." Buddhismus in einer globalisierten Welt, Erleuchtung und Cola - süß ist beides.

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