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Der vergessene Hintermann

Jeder kennt Henri Cartier-Bresson, den Meister der Momentaufnahme. Doch was ist mit jenem Mann, dessen Bild den Franzosen überhaupt erst Fotograf werden ließ? stern.de erzählt die Geschichte des fast vergessenen Ausnahmekünstlers Martin Munkácsi.

Von Philipp Gülland

"Vielleicht 1931 oder 1932 sah ich eine Fotografie Ihres Vaters von drei schwarzen Kindern, die in einen See laufen. Ich muss sagen, es war diese Fotografie, die für mich der Funke war, der das Feuerwerk abbrennen ließ. [...] Plötzlich begriff ich, dass es der Fotografie möglich ist, die Ewigkeit zu erreichen - durch den Moment. Es ist die einzige Fotografie, die mich beeinflusst hat. In diesem Bild ist eine solche Intensität, eine solche Lebensfreude, ein solches Wunder, dass ich noch heute von ihm fasziniert bin." Urheber dieses Kompliments ist der legendäre Fotoreporter Henri Cartier-Bresson, er macht es in einem Brief an Munkácsis Tochter Joan im Mai 1977, 14 Jahre nach dem Tod des einstigen Starfotografen.

Martin Munkácsi ist ein Phänomen, einer der ersten Stars der Fotogeschichte: unkonventionell, virtuos, vielseitig. Der 1896 geborene Ungar wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Ein risikofreudiger Junge, sportbegeistert und ein guter Fußballer. Ein Abenteurer, den es mit 16 nach Budapest zieht. Dort versucht er sich als Dichter, sichert seinen Lebensunterhalt als Anstreicher. Bald schreibt er für Lokalzeitungen: Features, Interviews, Klatschkolumnen. Mit gerade 18 ist Martin Munkácsi etabliert - ein blitzschneller, sensibler Beobachter.

Mit einer selbstgebauten Kamera bringt er sich das Fotografieren bei. Alltagsszenen, Fußballspiele und Straßenfeste bannt er auf Film. Schnell macht er sich als Sportfotograf einen Namen. Die Fotografie, so scheint es, fällt ihm in den Schoß. Ende der Zwanziger dann der Senkrechtstart: Munkácsi zieht nach Berlin und wird dort über Nacht zu einem der gefragtesten Fotoreporter der florierenden Medienbranche.

Revolutionäre Modestrecke

Um den Bilderhunger der Ullstein-Illustrierten zu stillen, reist er kreuz und quer durch Europa, berichtet aus Afrika und Südamerika. Kurze Zeit später fotografiert er in New York Mode für "Harpers Bazaar": Strand statt Studio, Bewegung statt Posen. Munkácsis erste Modestrecke revolutioniert die Branche.

1934 kehrt der jüdische Fotograf Nazi-Deutschland den Rücken, bei "Harpers Bazaar" empfängt man ihn mit offenen Armen, bietet ihm einen Exklusivertrag an. Jahres-Honorar: 100.000 Dollar. Munkácsi steht ganz oben, ist Star und Pionier einer neuen Fotografie. Doch der Ruhm beginnt zu bröckeln. Munkácsi wird vom Zeitgeist überrollt, der technische Fortschritt erledigt den Rest - der Vorreiter kann nicht mehr mithalten.

Der entscheidende Augenblick

Lebendig, bewegt, fast beiläufig ästhetisch nehmen Munkácsis Bilder den Betrachter gefangen. Der Autodidakt arbeitet nach Bauchgefühl: Ungewöhnliche Perspektiven, gewagte Ausschnitte und präzise abgepasste Momente prägen seine Handschrift. Der Ungar versteht sich auf Bilder mit Pointe, visuelle Alltagsanekdoten und geschickt inszenierte Realität - alles rasend schnell eingefangen und für die Ewigkeit konserviert. Munkácsi ist als eigentlicher Erfinder des entscheidenden Augenblicks einer der großen Pioniere der zeitgenössischen Fotografie - und ihr vergessener Hintermann.

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