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3. September 2008, 09:28 Uhr

Fünf Zähne für ein Bild von Marlon Brando

Ihr letztes Aufeinandertreffen hat dem Paparazzo Ron Galella den Kiefer gebrochen. Schauspiellegende Marlon Brando trägt zeitlebens die Abdrücke der Fotografenzähne auf den Fingerknöcheln. Beim Wiedersehen 1974 sorgt Galella vor. Von Philipp Gülland

Nach dem Bild ist vor dem Bild: Der Paparazzo und seine Beute© Paul Schmulbach, © Ron Galella, courtesy Galerie Wouter van Leeuwen, Amsterdam

"Spiele das Spiel", lautet eine seiner Regeln. "Lass Dich nicht abwimmeln! Auf keinen Fall!", könnte eine weitere sein. Mit seiner Nikon und dem Stabblitz im Anschlag steht Paparazzi-König Ron Galella schräg hinter Marlon Brando, ein Football-Helm mit Sternen und Gesichtsschutz auf dem Kopf. Makellos weiße Hemdärmel mit eleganten Manschettenknöpfen schauen unter dem Ledermantel hervor. Brando, etwa so groß wie der Reporter, trägt einen dunklen Samtanzug mit Rollkragenpullover, darüber eine massige Halskette. Die Haare des fünfzigjährigen Mimen sind graumelliert, der Blick ernst - vielleicht genervt, auch ein Hauch Resignation schwingt mit. Vor einem Jahr hat Brando dem zudringlichen Fotografen fünf Zähne ausgeschlagen und den Kiefer gebrochen, um seine Ruhe zu haben. Doch die Rechnung ist nicht aufgegangen. Galella ist wieder da - und spielt das Spiel.

1973 kam Marlon Brando für eine Fernsehshow nach New York. Er hatte sich zu dieser Zeit auf Tahiti zurückgezogen und vermied öffentliche Auftritte. Galella fotografierte ihn am Flughafen, vor der Aufzeichnung vor einem Fernsehstudio und nach der Aufzeichnung gleich nochmal. Das Klicken der Nikon als ständiger Begleiter. "Mister Brando, Mister Brando, können Sie kurz die Sonnenbrille abnehmen". Fotos, auf denen man die Augen sieht, lassen sich schließlich besser verkaufen. Brando reagierte nicht.

Galella wollte eben Brandos Agenten bitten, ob der nicht vielleicht..., da trifft ihn der Schlag am Kinn. Höllische Schmerzen, plötzlich ist alles schwarz. Der Paparazzo schmeckt Blut. Brando war ausgerastet, hatte zugeschlagen und Galella den Kiefer gebrochen. Der Schauspieler würde für den Rest seines Lebens die Narben auf den Fingerknöcheln tragen, die von Galellas Zähnen stammten.

Die Sonnenbrille war schuld

Galella ist ein Kind der Bronx. 1931 wurde er geboren. Die Eltern waren italienische Einwanderer, sein Vater war Schreiner. Ron wollte Künstler werden, er zeichnete, töpferte, auch Schauspielerei konnte er sich vorstellen, aber es fehlte Geld fürs College. Also ging er zur Air Force. Dort konnte man sich zum Fotografen der Bodentruppen ausbilden lassen, und weil das seinen Träumen noch am nächsten kam, wurde Galella Air-Force-Fotograf.

Er lernte das Handwerk: wie man Fotos entwickelt, Abzüge macht, mit Licht umgeht. Kurz darauf zog er nach Los Angeles und machte eine Ausbildung zum Fotojournalisten. In seiner Freizeit fotografierte er auf Filmpremieren die eintreffenden Stars und Sternchen und verkaufte die Bilder an "National Enquirer" oder "Fotoplay". 1958 zog es ihn zurück nach New York. Der Paparazzo Ron Galella war geboren, der selbsternannte Pate und Archetyp eines Genres. Auf seinen Bildern sind die Menschen in Bewegung. Es sind eher Schnappschüsse als Porträts. Porträts interessieren ihn nicht. Er will Aufnahmen der Stars in ihrer natürlichen Umgebung. Bilder machen, das heißt bei ihm "to shoot": abschiessen.

Die Leidenschaft des Jägers

Galellas Gewerbe hat etwas von Großwildjagd. "Sei ein Detektiv", lautet eine weitere Faustregel, "sei listig" eine andere. Kein Zweifel: Ron Galella ist ein Jäger, eine Art visuelles Raubtier. Mit fast obsessiver Gründlichkeit spürt er seine Beute auf, um ihr dann mit eindeutig besessener Geduld aufzulauern. Im Auto, in der Telefonzelle, im Gebüsch, am Strand. Ron findet sie alle: Jackie Kennedy, jene Lieblingsbeute, die ihn verklagte, Frank Sinatra, Greta Garbo, Andy Warhol, der ihn als seinen Lieblingsfotografen bezeichnete, Elizabeth Taylor, Robert Redford, Dustin Hoffman und viele andere große Namen schießt er ab. Mehr als drei Jahrzehnte verbringt er auf der Pirsch, länger als die meisten seiner Kollegen: "Habe Geduld", bemerkt der Paparazzi-König und lacht.

Von Philipp Gülland
 
 
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