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Licht und Asphalt

Lange Zeit hieß es, Louis Daguerre erfand 1839 die Fotografie. Dabei machte sein Landsmann Joseph Nicéphore Niepce ein Jahrzehnt früher das erste Foto der Weltgeschichte. Sein Filmmaterial: Asphalt.

Von Philipp Gülland

Grobkörnig, unscharf, schemenhaft wie ein ungelenker Holzschnitt und doch einfach nur wunderschön und ein wichtiges Stück Geschichte. Der "Blick aus dem Arbeitszimmer" zeigt Niepces Anwesen im Burgund: Rechts das Dach der Scheune, links Taubenhaus und Backhaus, ganz links erkennt man schemenhaft den linken Fensterflügel.

Seit 1801 bewohnt der erfinderische Zuckerfabrikant den Familiensitz im kleinen Dorf Saint-Loup-de-Varennes. Niepce ist ein leidenschaftlicher Tüftler, entwickelt zusammen mit seinem Bruder leider erfolglos einen Verbrennungsmotor, konstruiert ein Fahrrad und sucht neue Farbstoffe. Ab 1816 ist er von der Idee der Heliographie - Zeichnen mit Licht - besessen, er will die flüchtigen Bilder der Camera Obscura dauerhaft fixieren.

Acht Stunden Belichtung

1822 gelingt ihm der Durchbruch: Nach zahllosen Experimenten findet Nicéphore mit Asphalt das richtige Medium für sein Vorhaben. Zur Vervielfältigung von Kupferstichen ist das Verfahren schon länger gebräuchlich. Unter Lichteinwirkung härtet das Material aus, die Schatten bleiben flüssig und können hinterher ausgewaschen werden. Das Ergebnis ist eine simple Druckplatte. Trotzdem dauert es noch Jahre, bis er die erste Heliographie erstellt. 1827 hält er sein erstes Direktpositiv in den Händen: 16,5 x 20,5 Zentimeter groß und länger als acht Stunden belichtet, zeigt es den Blick aus Niepces Arbeitszimmer ins sommerliche Burgund.

Erwartung und Enttäuschung

Später im gleichen Jahr besucht Nicéphore Niepce seinen erkrankten Bruder, der bei London lebt. Er lernt den britischen Botaniker Francis Bauer kennen. Er ist von seinen heliografischen Versuchen begeistert ist und schlägt einen Bericht an die renommierte Royal Society vor. Stolz verfasst der Franzose seinen Text und bereitet seine Präsentation vor.

Aus Angst um sein Geheimnis vermeidet er präzise Angaben zum Verfahren, die Akademie weist seinen Bericht deswegen zurück. Maßlos enttäuscht - um seinen Ruhm betrogen - reist Niepce ab. Die Arbeitsproben und Aufzeichnungen überlässt er Bauer, der sie, wohl um ihre Bedeutung wissend, gut verwahrt: "Monsieur Niepces first successful experiment of fixing permanently the image from Nature", vermerkt er auf der Rückseite des Blicks aus dem Fenster.

Später Ruhm

Nach Bauers Tod wechselt das Bild mehrfach den Besitzer, verschiedene Akademiemitglieder und Fotografen nehmen es an sich. Zuletzt taucht die Aufnahme im Rahmen einer Fotoausstellung 1898 auf, dann verliert sich die Spur. In jahrelanger Detektivarbeit stöbert das Forscherpaar Alison und Helmut Gernsheim das verschollene Kleinod schließlich auf: Auf einen Artikel im "Observer" meldet sich schließlich 1951 der selbst schon greise Sohn des letzten bekannten Besitzers Henry Baden Pritchard, dem früheren Herausgeber der Photographic News.

Das Bild ist auf dem Dachboden der Familie aufgetaucht, gerahmt und kaum noch zu erkennen hatte es zwischen persönlichen Dingen der 1917 verstorbenen Mutter von Pritchard Jr. gelegen. Der erste Meilenstein der Fotogeschichte ruiniert? Alle Mühe umsonst? Nein. Hilfe kommt vom Filmhersteller Kodak: In dessen Forschungsabteilung wird das Bild aufwändig rekonstruiert. Über 100 Jahre nach jenen acht Stunden am Fenster erhält das lang verkannte Genie Joseph Nicéphore Niepce endlich den verdienten Ruhm.

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    Wie heißt der Film?
    Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

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