. .
Fotografie - Bilder und Fotografen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
13. Dezember 2007, 12:00 Uhr

Schmerzen in Disneyland

Dahin gehen, wo es wehtut: Bürgerkrieg, Aufstand, Überlebenskampf. Davor ist Magnum-Fotografin Susan Meiselas nie zurückgeschreckt. Als sie 1995 den New Yorker SM-Club "Pandoras Box" besucht, ahnt sie noch nicht, wie weh es diesmal tun wird. Von Philipp Gülland

"Pandora's Box, The Kick, The Versailles Room" - aus ungefähr einem Meter Entfernung aufgenommen zeigt das Bild, wie direkt sich Meiselas mti den Rollenspielen auseinandersetzt© Susan Meiselas/Magnum Photos/Agentur Focus

Ein 222;Disneyland der Unterwerfung“ verspricht Mistress Raven den Gästen ihres Etablissements, der noble New Yorker Club „Pandoras Box“. Die Rabenfrau ist Herrin über vierzehn Dominas und gut 1000 Quadratmeter sadomasochistische Spielwiese mit Folterkammern, Kerker, Klinik - Abenteuerspielplatz nur für Erwachsene und nicht jedermanns Geschmack. Hier erfüllen Raven und ihre Kolleginnen die oft ausgefallenen Wünsche der Kunden. Bankiers, Manager, Anwälte, Frauen und Männer lassen sich hier unterwerfen, demütigen, peitschen, fesseln und bestrafen. Das Spiel mit Schmerz und Erniedrigung bereitet ihnen Lust, für die Herrinnen liegt es zwischen Berufung und lukrativem Geschäft. Pandoras Box, das ist ein Paralleluniversum mitten in Manhattan und ein ganz besonderes Freudenhaus.

"Am äußersten Rand des Voyeurismus"

Siebenundvierzig Jahre alt ist Susan Meiselas, seit fast zwei Jahrzehnten Mitglied der legendären Fotografenagentur Magnum. Eine hartgesottene Reporterin, weitgereist und erfahren: Nicaragua, El Salvador, Kolumbien und die Philippinen - Aufstand, Unruhen, Bürgerkrieg und Überlebenskämpfe sind ihre Themen. "I was hardcore" gibt sie später einmal zu; sie sei eine ganz Harte gewesen. "Es war schwer, mich da wieder wegzukriegen", erzählt sie später von den Bürgerkriegen und Unruhen Südamerikas, die sie über ein Jahrzehnt dokumentierte. Kein Zweifel, die Frau aus Baltimore geht gerne dahin, wo es wehtut. Die Arbeit in der Büchse der Pandora erweist sich aber als absolute Grenzerfahrung.

Zusammen mit dem Dokumentarfilmer Nick Broomfield verbringt sie mehrere Wochen in dem Edelbordell und dokumentiert den Alltag zwischen Streckbank und Gynäkologenstuhl. "Es war der äußerste Rand des Voyeurismus, genau an diesen Rand musste ich gehen", berichtet sie später über die Arbeit an dem Projekt. „Das Foltern und Schmerzen zufügen erinnert mich an die Verhörzellen, die ich aus den Bürgerkriegen kannte. Ich hatte Albträume. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man mit zwei Menschen in einem kleinen Raum ist und weiß: Sie haben vereinbart, dass einer dem anderen Schmerzen zufügt. Überraschend, wie viele Menschen Schmerz suchen, wie viele ihn gern geben oder erfahren - damit musste ich mich auseinandersetzen", so Meiselas.

Lack und Teppich, Schmerz und Luxus

"Pandora's Box, The Kick, The Versailles Room" verrät die Bildunterschrift der querformatigen Aufnahme. Aus ungefähr einem Meter Entfernung mit kurzer bis mittlerer Brennweite aufgenommen zeigt sie, wie direkt Meiselas sich mit den für sie verstörenden Rollenspielen auseinandersetzt. "Ich will es verstehen. Ich muss da sein, um es zu wissen“, erklärt sie ihre Arbeitsweise. Am Boden, oben rechts im Bild, ist der freie Oberkörper eines Mannes zu sehen: haarige Brust, vielleicht zwischen vierzig und fünfzig Jahren, seinen Kopf umschließt eine schwarze Ledermaske mit Reißverschluss über dem Mund, Nasen- und Augenschlitzen, Schnallen an den Seiten und einem Hahnenkamm aus großkalibrigen Patronenhülsen - der Sklave. Den roten Teppich zieren goldene Lilien - eben solche, wie es sie zu Renaissance-Zeiten auch in Versailles gab - und in eine der angrenzenden grünen Fliesen ist ein Metallring eingelassen. Ein Fuß in hochhackigem Lackstiefel steht links neben dem lederverhüllten Sklavenkopf, der zweite ist gerade unterwegs zur Schläfe des Mannes, einen Tritt austeilen. Huscht da ein zufriedenes Lächeln über den Reißverschlussmund? Meiselas zeigt das lustvolle Spiel zwischen Lack und Teppich, Schmerz und Luxus. Ein Disneyland nur für Erwachsene.

Von Philipp Gülland
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Daisan (16.12.2007, 15:58 Uhr)
Klare Meinung:
Sicher hat jeder Mensch ein Recht auf erfüllten Sex in all seinen Facetten und man kann vordergründig sagen:
Wenn beide mit ihrem sexuellen Tun einverstanden sind dann ist es in Ordnung.
Trotzdem beschleicht mich hier doch ein ungutes Gefühl, weil:
- S/M ist ein guter Indikator für gewisse gesellschaftliche Mechanismen(Diener/Herrscher - Strafender/Bestrafter)..... insofern "lügt" SM nicht, weil er in verdichteter Weise darstellt daß Menschen herrschen oder beherrscht werden wollen...
- Konkret wird es für mich dann zu einem Ärgernis, wenn Menschen mit diesem Strickmuster als Vorgesetzte ihre Untergebenen zur unterschwelligen Kompensation ihrer Triebkräfte drangsalieren.
So etwas ist selten, mag man hoffen.
Jedoch: In Wirklichkeit gibt es relativ viele Persönlichkeiten mit meines erachtens ungesunden Eigenschaften, die - sofern sie in einer gewissen Machtposition sind - andere Menschen in destruktiver Form behandeln. Und ab diesem Punkt wird es tragisch. Für all jene, die unter dem übersteigerten Aggressionslevel bis hin zur sadistschen Veranlagung eines Vorgesetzten leiden müssen.
Und dies ist gar nicht mal so selten.
Ich mag weder die Menschen, die andere treten oder in anderer Weise schlecht behandeln, aber ich mag auch nicht die, die sich willig treten oder in anderer Weise schlecht behandeln lassen.
Und mir persönlich ist Sex "auf gleicher Augenhöhe" - also zwischen zwei selbstbestimmten, selbstbewussten und verliebten Menschen ohne Gewaltanwandlungen am allerliebsten.
albundy69 (16.12.2007, 11:12 Uhr)
-->senf-dazu
wer wie Sie dieses geile Gefühl offensichtlich noch nie hatte, sollte nicht so despektirlich von einem SM-Club reden. ich äussere mich ja auch nicht darüber, was ich vom mehrheits-blümchen-sex-und-rauf-in-und-raus-aus-mutti und der abschliessenden "wie-war-ich-frage" halte !
senf-dazu-geben (15.12.2007, 21:30 Uhr)
krank & reich & mächtig
Schön zu wissen, dass die gutbetuchten Kunden dieser Vorhölle mit diejenigen sind, die sich erdreisten, die Geschicke der Menschheit aufgrund ihrer finanziellen Potenz und ihres stark ausgeprägten Dranges zu Machtausübung und Karriere bestimmen zu wollen. Die Vorstellung, dass Würstchen, die sich gerne von Nutten den Popo versohlen lassen, uns regieren, lässt mir den Mageninhalt in der Speiseröhre aufsteigen.
MEHR ZUM ARTIKEL
Ein Bild und seine Geschichte Coca-Cola und Erleuchtung

Schönheit, Gelassenheit und Klarheit. Lange Jahre verbringt Fotograf Steve McCurry auf den Spuren des Buddhismus. Zwischen Karma und Samsara erschließen seine Bilder die Faszination der 2500 Jahre alten Lehre. mehr...

Ein Bild und seine Geschichte Regen aus dem Untergrund

Sommer 1963, Harlem kocht. Seit Wochen glüht die Sonne über New York, Rekordhitze. Um den Anwohnern Abkühlung zu verschaffen, werden Hydranten geöffnet - sehr zur Freude der Kinder. Dem Fotografen Leonard Freed verhilft dieser Regen aus dem Untergrund zu einer Ikone. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft