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4. Juni 2008, 10:09 Uhr

Terror vor der Tür

Vier Anschläge auf den morgendlichen Berufsverkehr in London haben am 7. Juli 2005 den Al-Kaida-Terror nach Großbritannien gebracht. Einer, der Bilder für den Horror finden sollte, war der britische Fotograf Edmond Terakopian. Einer, der den Horror überlebte, bewahrte selbst inmitten der Tragödie Haltung. Von Sophie Albers

"Menschlichkeit ist die Grundlage eines jeden Bildes", sagt Terakopian© Edmond Terakopian

So, als warte er immer noch auf die U-Bahn, steht der Mann im Anzug da. Mit ungläubigem Blick, doch irgendwie auch stoisch, müde. Die Krawatte hat er gerade so weit gelockert, dass der Halsverband drunter passt. Blut und Ruß hat er im Gesicht, Haut und Hemd sind verschmiert. Die Zeitung klemmt unterm Arm. Mit einer Hand hält er eine Wasserflasche, einen Plastikbecher und eine Visitenkarte, die andere braucht er schließlich, um sich während der Fahrt im Waggon festzuhalten. Doch er steht draußen, vor der Edgware Road Station im Nordwesten Londons, da wo gerade eine von vier Bomben den Terror ins Königreich gebracht hat.

Der Morgen des 7. Juli 2005 begann fröhlich. London hatte schließlich am Vorabend den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhalten. Da konnte man ruhig mal ein bisschen länger auf die U-Bahn warten. Aber die fuhr dann plötzlich gar nicht mehr. Probleme mit der Stromversorgung, hieß es. Doch die Ruhe war mit einem Mal gespenstisch. Bald ging das Gerücht, es habe eine Explosion gegeben. Und dann war es mehr als eine.

"Ich dachte an 9/11"

Edmond Terakopian hat seine Fotoausrüstung gerade im Museum für Naturgeschichte aufgebaut, um den größten, ungeschliffenen Diamanten der Welt zu fotografieren, als sein Handy klingelt. Die Agentur ist dran: "Du musst sofort zur U-Bahnstation Aldgate East. Dort hat es eine Explosion gegeben. Sie sagen, es war ein Kurzschluss." Er packt seine Sachen und fährt los. Da klingelt das Telefon erneut: "Es hat eine zweite Explosion gegeben, in der Edgware Road. Fahr da hin, das ist näher." In dem Augenblick habe er gewusst, dass es um Terrorismus gehe, erinnert sich Terakopian später. "Wie kann es am gleichen Morgen zwei Explosionen in der U-Bahn geben? Ich dachte an 9/11. Das erste Flugzeug hätte ein Unfall sein können."

Als er an der Edgware Road Station ankommt, empfängt ihn Stille. Keine Sirenen, keine gebrüllten Befehle, die Einsatzkräfte tun konzentriert ihre Arbeit. Die Polizei hat die Station abgesperrt, also postiert sich der Fotograf in der Straße, und tatsächlich: Nach etwa zehn Minuten kommen Menschen heraus. Verletzt, unverletzt, ohne Schuhe, Blut verschmiert. Die folgenden Minuten habe er den Horror nur durch die Linse betrachtet, sagt Terakopian.

"Was mich am meisten berührte, war, dass niemand weinte", so der Mann am Auslöser. "Alle bewahrten Haltung, kein Schreien, kein Rennen. Alle waren sehr würdevoll. Da sah ich diesen Mann, der an Kopf und Hals bandagiert war, Blut im Gesicht und auf dem Hemd. Er trug immer noch seine Morgenzeitung, so als sei gar nichts Besonderes passiert. Es war unglaublich. Für mich verkörperte das den britischen Geist: die unerschütterliche Haltung."

Leben wie bisher

Vier Bombenanschläge waren es insgesamt, drei in Zügen nahe den U-Bahnstationen Edgware Road, Liverpool Street und King's Cross St. Pancras, einer in einem Doppeldeckerbus nahe Tavistock Square. Gut ein Jahr nach dem Angriff auf die Pendler in Madrid starben in London 56 Menschen, mehr als 700 wurden teilweise schwer verletzt.

Terakopian fuhr an diesem 7. Juli noch zu King's Cross und Tavistock Square. Das letzte Foto des Tages machte er jedoch am Buckingham Palace. Er fotografierte die Flagge auf Halbmast. "Menschlichkeit ist die Grundlage eines jeden Bildes", so der Lichtbildner über seine Arbeit. "Erst dann kommt der journalistische Aspekt und dann der fotografische."

"Es ist unsere Pflicht, unser Leben so weiterzuleben wie bisher", sagte der damalige Innenminister Charles Clarke kurz nach den Anschlägen in die Fernsehkameras. Und während Vertreter des Westens erneut den Krieg gegen den Terror beschworen, wunderte sich die Welt, wie gut die Londoner es tatsächlich hinbekamen.

Von Sophie Albers
 
 
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