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Vom einfachen Leben

Larry Towell reist nicht gern, heißt es. Es braucht schon ein besonderes Thema, um den Kanadier von seiner Farm in Ontario weg zu locken. Die Welt der Mennoniten zum Beispiel hat es ihm angetan. Zwischen Kanada und Mexiko erzählt der Fotograf die Geschichte einer längst verlorenen Kultur.

Ernst sitzen sie da, zehn Menschen und ihre Spiegelungen im glatten Holz des Küchentischs. Eine Familie vermutlich - Vater und Mutter etwas links der Mitte, drumherum acht Kinder. Der Raum ist karg, mit niedriger Decke, die Tür im Hintergrund mit Stoff verhangen, das Rohr des Ofens scheint dem Vater aus dem Kopf zu wachsen. Auf dem Tisch steht ein Kochtopf, ein Kalender an der Wand rundet die Einrichtung ab.

So also sieht eine Mennonitenküche aus. Ein seltsam zeitloses Bild. In der Welt der kleinen Glaubensgemeinschaft scheint sich seit ihrer Gründung im 16. Jahrhundert wenig verändert zu haben. Das Mennonitentum geht auf die Reformationsbewegung zurück, eine pazifistische, christliche Religion, die die Bibel als Gebrauchsanweisung für den Alltag interpretiert und streng befolgt.

"Human Being" steht auf Larry Towells Visitenkarte - Mensch. Aufgewachsen ist der Fotograf, Musiker und Schriftsteller im ländlichen Ontario als Sohn eines Handwerkers. Während des Studiums in Toronto macht er erste Erfahrungen mit der Fotografie. Eine Reise nach Kalkutta 1976 ist der Beginn seiner Karriere als Fotojournalist und Autor. Zunächst arbeitet Towell noch als Musiklehrer, um seine Familie zu ernähren, ab 1984 ist er hauptsächlich als freier Fotograf tätig, neun Jahre später Mitglied der Fotografenagentur Magnum.

Missverstandene Kultur

Vollbärtig, in einfacher Arbeitskleidung und stets mit Strohhut, ist der Kanadier schon von weitem zu erkennen. Towell interessieren vor allem die sozialen Themen, meist dreht es sich dabei um Menschen und Land. "Wenn ein Thema meine gesamte Arbeit zusammenhält, ist das Landlosigkeit. Wie Land Menschen zu dem macht, was sie sind und was passiert, wenn sie es verlieren und damit auch ihre Identität", beschreibt er selbst seine Arbeit. Hat Towell ein Thema gefunden, verfolgt er es ausdauernd und einfühlsam.

Auf die Mennoniten stößt der Fotograf vor der eigenen Haustür. Ganz in der Nähe seiner Farm begegnet er den Protestanten zum ersten Mal. Die kleine Gemeinschaft fasziniert ihn und so erforscht er mit der Kamera den Alltag der Glaubensgemeinschaft. Über zehn Jahre hinweg entsteht ein intimes Porträt der oft missverstandenen Kultur. Die Mennoniten, verwandt mit den Amish People, waren seit ihren Anfängen im Friesland des 16. Jahrhunderts immer wieder Opfer religiöser Verfolgung. Um ihre Kultur frei auszuleben, waren sie gezwungen zu wandern. Heute sind die größten Kolonien in Mexiko und Kanada zu finden. Vereinzelt ziehen sie als Wanderarbeiter umher.

Towell freundet sich über die Jahre mit den Mennoniten an und erhält so einzigartigen Zugang zum Leben der Gemeinschaft. Erst der Faktor Zeit macht seinen Essay so intim. In stillen Schwarzweißbildern zeichnet der Fotograf ein Bild von der Gegenwart einer fast vergessenen Kultur und Religion: Alltag, Arbeit, Familie Freude und Kampf. Scheunen, Felder und Pferdefuhrwerke - eine eigene, gefährdete Welt jenseits von Autos, Internet und Industrie.

Towell ist dort lange zu Gast und seine Beobachtungen, 2000 bei Phaidon als Fotoband erschienen, erlauben faszinierende Einblicke in Kultur und Alltag der Mennoniten - raue Bilder eines rauen Lebens.

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