Ihre Zeichnungen und Aquarelle werden von Experten als "kunsthistorisch einmalig" gelobt. Jetzt widmet sich eine Ausstellung in Berlin dem Werk der Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler.

Elfriede Lohse-Wächtler in Hamburg, Fotografie um 1928
Ein friedliches Bild. Schwatzend, in Handarbeiten vertieft, sitzen die Frauen in der Krankenstube am Tisch. Rechts neben der Tür steht ein Klavier. Als die Dresdener Malerin Elfriede Lohse-Wächtler die Szene 1933 in der Psychiatrischen Heilanstalt Arnsdorf mit Farbstiften festhielt, hatte die Reichsregierung gerade das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuches" erlassen.
Lohse-Wächtler und die Frauen "In der Krankenstube" - wie die Malerin ihre Zeichnung nannte - waren damit der Zwangssterilisierung ausgeliefert und wurden später ermordet. Dem ersten Massenvernichtungsgesetz der Nazis fielen etwa 200.000 behinderte und psychisch kranke Menschen als "nutzlose Esser" und "Ballastexistenzen" zum Opfer - darunter Elfiede Lohse-Wächtler, die im Juli 1940 in einer Gaskammer auf dem Pirnaer Sonnenstein starb. Ihre Werke wurden als "entartet" zerstört.
Eine Auswahl der Bilder, die von Angehörigen gerettet wurden, ist bis zum 3. Juni in den Räumen der Vertretung des Freistaates Sachsen in Berlin zu sehen. Die Zeichnungen und Aquarelle der Malerin werden von Experten als "kunsthistorisch einmalig" gelobt. "Es ist kein anderer Fall bekannt, in dem eine Malerin während der eigenen Hospitalisierung die Verbildlichung psychisch Kranker zu ihrem Thema erhob", schreibt die Kunsthistorikerin Hildegard Reinhardt in ihrer biografischen Skizze über die Künstlerin.
Wo immer die Arbeiten der Malerin ausgestellt wurden, erregten sie Aufsehen. "Lohse-Wächtler ragt gegenüber dem heutigen Plätscher-Niveau empor. Sie ist entschieden eine Entdeckung", schwärmte ein Kritiker nach ihrer ersten Ausstellung im Jahr 1929. Eine Einschätzung, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.
Anna Frieda Wächtler wurde am 4. Dezember 1899 in Löbtau bei Dresden geboren. Ihr Vater war kaufmännischer Angestellter und Versicherungsagent. Schon als Kind zeichnet das Mädchen viel, hat seinen eigenen Kopf. Sie besteht darauf, Elfriede genannt zu werden. Frieda gefällt ihr nicht. 1915 geht sie auf die Königliche Kunstgewerbeschule, lernt "Mode und weibliche Handarbeiten". Der konservative Vater, der sich "fromme Kinder und ein züchtig Weib" wünscht, will, dass seine Tochter Kostüm- oder Modellschneiderin wird. Doch danach steht dem Mädchen nicht der Sinn. Sie wechselt das Fach, studiert "angewandte Graphik", will freischaffende Künstlerin werden. Mit dem Vater gibt es deshalb Streit. Elfriede Wächtler zieht aus. Sie ist 16.
Fortan teilt sie sich ein Zimmer mit ihrer Freundin Londa Freiin von Berg - der späteren Ehefrau des Malers Conrad Felixmüller. Durch ihn lernt Elfriede Wächtler den Maler Otto Dix und andere Künstler der Dresdner Avantgarde kennen. Sie schneidet sich die Zöpfe ab, trägt Herrenhüte und Männerhosen, raucht Pfeife und Zigaretten. Um dem Makel der damals verpönten "Frauenkunst" entgegenzuwirken, nennt sich Elfriede Wächtler "Nikolaus". Ihren Lebensunterhalt verdient "Laus" - wie Freunde sie kurz nennen - mit Batikarbeiten.