In ihren neuen Arbeiten haben sich die Bildkünstler Alec Soth und Nikki S. Lee mit ihrer Fotokamera auf die Suche nach Spuren von Leiden- und Partnerschaften gemacht - jeder auf seine eigene Art und Weise. Von Sabina Riester

"Niagara" von Alec Soth entstand als Referenz an den gleichnamigen Spielfilm mit Marilyn Monroe und Joseph Cotten© Alec Soth/Steidl
"True love leaves no traces, if you and I are one. It's lost in our embraces, like stars against the sun." Diesem Zitat aus einem Song von Leonard Cohen widersprechen auf den ersten Blick die aktuellen Fotoprojekte der Bildkünstler Alec Soth und Nikki S. Lee. Denn beide haben sich individuell und erfolgreich mit ihrer Fotokamera auf die Suche nach Spuren von Leiden- und Partnerschaften gemacht, die laut Cohen unsichtbar und flüchtig sind. In ihren Arbeiten haben sie festgehalten, wie Zweisamkeit und Liebe visuell in Erscheinung tritt und sichtbar bleibt. Bei Nikki S. Lee spiegelt sich der auf dem Bild nicht erkennbare Geliebte im Gesicht der fotografierten Partnerin. Alec Soth wirft den Fokus auf die Umgebung, in der sich große Leidenschaften abspielen. Seine Spurensuche führt zu einem beliebten Honeymoon-Ziel: den Niagarafällen.
Schon sein vorausgegangenes Buch- und Ausstellungsprojekt "Sleeping by the Mississippi" zeigt Szenarien, in dessen Zentrum ein kraftvolles Gewässer steht. Seine Fotos von Landschaften und Menschen erlauben tiefe Einblicke in das Seelenleben von Individuen und einer ganzen Gesellschaft. Sie erzählen vom amerikanischen Traum und vor allem davon, dass er ein Traum geblieben ist. "Sleeping by the Mississippi" wurde von der Kritik bejubelt und Soth wurde Mitglied der Agentur Magnum.
Seine neue Fotoarbeit "Niagara" entstand als Referenz an den gleichnamigen Spielfilm mit Marilyn Monroe und Joseph Cotten. In dem Klassiker von 1953 endet die emotionale Spirale zwischen einer Ehefrau und ihrem Gatten tödlich. Bilder von ermordeten Ehepartnern sind in Soths überzeugend puristisch gestaltetem Fotoband keine zu finden. Dafür aber beeindruckend klare Aufnahmen von aufgeflammten und abgekühlten Leidenschaften. Nach seinen Beweggründen für die Wahl der Niagarafälle als Motivort befragt, gesteht Soth: "Ich bin aus den gleichen Gründen wie die Honeymooner und Selbstmörder zu den Niagarafällen gegangen. Der mächtige Donner des Wasserfalls schreit einfach nach großer Leidenschaft."
Die von Soth mit der Großformatkamera aufgenommenen Szenarien sind trotz der leidenschaftlichen Thematik gekonnt und nüchtern komponiert, weit entfernt von Kitsch und Klischee. Unübersehbar ist Alec Soths Nähe zu den großen amerikanischen Fotografen wie Walker Evans und Robert Frank. Auch bei geschlossenen Fenstern gelingt es Soth dem Betrachter zu vermitteln, was hinter den Vorhängen leise oder kräftig rumort. Seine Bilder erzählen von Versprechen von Unabhängigkeit und Freiheit, von Glück und Zufriedenheit, von Idealen, die im Alltag nicht bestehen können.
Gezeigt werden Bilder von in sich verschlungenen nackten Paaren, Naturgewalten, Liebesbriefen, nüchternen Motelfassaden und Interieurs. Erschienen ist das spannende Projekt im Steidl Verlag. Aktuell sind einige Motive daraus in der Ausstellung "Click Double Click" im Münchner Haus der Kunst zu sehen.
Am Ende von "Niagara" finden sich Bildnachweise, einige nicht großformatig gedruckte Motive und Notizen des Fotografen, darunter auch ein Zitat des Schriftstellers Oscar Wilde: "I was disappointed in Niagara - most people must be disappointed in Niagara. Every American bride is taken there and the sight of the stupendous waterfall must be one of the earliest, if not the keenest disappointments in American married life." Eine solche Aussage sucht man in einem Reiseführer vergeblich. Beim Betrachten von Soths Bildern jedoch schwebt man nicht in den Wolken, sondern kauert im Wind, steht direkt am mächtigen Wasserfall und spürt die kühle Klarheit und Kraft - den realen harten Boden unter den Füßen. Den Sturz aus dem siebten Himmel hat man schon hinter sich.
Die Bildbände: Alec Soth: Niagara
Mit Essays von Philip Brookman und Richard Ford
Englisch, 2006, 144 Seiten mit 50 Farbtafeln
48 Euro, Steidl Verlag
Nikki S. Lee: Parts
Gespräch von RoseLee Goldberg mit der Künstlerin
Englisch, 2005, 88 Seiten mit 64 farbige Abbildungen
29,80 Euro, Hatje Cantz Verlag