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Der erotische Akt im Sozialismus

Seine Mädchen sind jung, unschuldig und nackt. Und sie haben Vertrauen zu ihm, dem Altmeister der ostdeutschen Aktfotografie, Günter Rössler. Trotz seiner 80 Jahren steht er nach wie vor täglich hinter der Kamera.

Wie kein anderer Fotograf rückte er in Zeiten der deutsch-deutschen Teilung die Freizügigkeit als Sinnbild der kollektiven FKK-Welle ins rechte Licht und wurde dafür zum Helmut Newton des Ostens stilisiert. "Bei Newton dominiert die Pose, bei mir geht es um höchstmögliche Authentizität der Mädchen", ist die Devise des Jubilars.

Schüchtern oder lasziv, strahlend oder kühl - schon beim Weg über die schmale Holzstiege in das intime Atelier unter dem Dach seines Wohn- und Arbeitshauses in Markkleeberg nahe Leipzig bekommt der Besucher eine künstlerische Visitenkarte von Rösslers Schaffen. Großformatige Fotografien aller Lebensabschnitte schmücken die Wände, kaum ein Fleckchen Weiß ist mehr frei. Nach einer Fotografenlehre hatte Rössler die Leipziger Hochschule für Grafik- und Buchkunst absolviert. Bis heute arbeitet er ausschließlich mit Schwarz-Weiß- Film im Kleinbildformat, lehnt Digitalfotografie ab und entwickelt und vergrößert ausschließlich in der eigenen Dunkelkammer. 2500 Grazien waren es wohl, die er auf Zelluloid gebannt hat, nur die wenigsten davon waren Profis. Statt von Models spricht Rössler lieber von Mädchen. "Die größte Bedingung, die ich stelle: Sie müssen intelligent sein", sagt er.

Und so lädt er die jungen Frauen, die er heute noch in Cafés anspricht, erst einmal auf seine weiße Ledercouch zum Plausch ein, bevor er das erste Mal die Blitzanlage anschaltet und durch den Sucher der Kamera blickt. "Und sie dürfen keine Tattoos und Piercings haben. Auch Halsketten oder so was müssen sie ablegen. Das macht sie nicht schöner, sondern lenkt nur ab." Seinen von Sparsamkeit und Ästhetik geprägten Blick auf den weiblichen Körper machten zu DDR- Zeiten die Frauen- und Modezeitschrift "Sibylle" und das leicht erotische Unterhaltungsjournal "Magazin" zur Bückware - fern der sozialistischen Staatskunst.

Und selbst der "Playboy" druckte 1984 ein zehnseitiges Kunstpictorial unter dem Titel "Mädchen der DDR". "Der Playboy war immer laut, farbig und ging nicht selten an die Grenzen des Pornografischen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man dort meine Bilder wollte." Noch heute erinnert er sich genau, wie er bei Maler Willi Sitte, dem damaligen Vorsitzenden des Verbandes Bildender Künstler, um Erlaubnis bat. Mit dem Honorar von 1500 D-Mark fuhr er zum ersten Mal in den Westen, nach Frankreich. Reisen ist bis heute seine Leidenschaft geblieben, erzählt er.

Einst als Obszönitäten betrachtet, gelten Rösslers Arbeiten heute als bedeutende Gegenwartskunst und sind in zahlreichen Kunstsammlungen vertreten. Vor zweieinhalb Jahren wurde Rössler noch einmal Vater, als seine Ehefrau und Assistentin Kirsten Schlegel, 36, Tochter Filia gebar. Kirsten hatte bereits im Alter von 14 Jahren für Rössler vor der Kamera posiert. Heute steht sie mehr und mehr hinter der Kamera - auch sie fotografiert ausschließlich Frauen.

Ob sich seine Fans auf eine gemeinsame Ausstellung freuen können, lässt er offen. Doch es wird 2006 eine Jubiläumsschau geben, die im Juni im Stadtgeschichtlichen Museum in Leipzig eröffnet und drei Monate später durch Ostdeutschland auf Wanderschaft gehen wird. Das Interesse an Rössler ist nach wie vor vorhanden; erst im Dezember 2005 erschien eine 250-seitige Biografie. Und nach wie vor klingelt täglich das Telefon. Es sind Frauen, die sich vor seiner Kamera ausziehen wollen - und selbst dafür noch bezahlen würden.

Tobias D. Höhn/DPA/DPA

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