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Lauter Bekannte

Dies ist die Geschichte des Fotografen Andy Gotts, der auszog, Weltstars zu porträtieren - aber dummerweise keinen einzigen kannte. Das hat er geändert, mit Chuzpe und Hartnäckigkeit. Heute kennen sie ihn alle und empfehlen ihn weiter, von Freund zu Freund. Denn nur vor seiner Kamera können sie so locker sein wie nie.

Dies ist die Geschichte des Fotografen Andy Gotts, der auszog, Weltstars zu porträtieren - aber dummerweise keinen einzigen kannte. Das hat er geändert, mit Chuzpe und Hartnäckigkeit. Heute kennen sie ihn alle und empfehlen ihn weiter, von Freund zu Freund. Denn nur vor seiner Kamera können sie so locker sein wie nie

Sie kennen Andy Gotts nicht? Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Sie jemanden kennen, der wiederum jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der Andy Gotts kennt. Hinter diesem Gedanken steckt das so genannte Kleine-Welt-Phänomen, eine Theorie des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram, nach der jeder Mensch mit jedem anderen Menschen über sechs Ecken bekannt ist. Sie sind Andy Gotts, 34, Porträtfotograf aus London, also viel näher, als Sie denken.

Norfolk, Ost-England, 1990: Am örtlichen "College of Arts & Technology" studiert ein junger Mann Fotografie. Als der Schauspieler Stephen Fry dem College einen Besuch abstattet, bittet der Mann, ihn porträtieren zu dürfen. Fry willigt ein. Andy Gotts drückt auf den Auslöser. Sein erstes richtiges Porträt.

Vier Jahre später. Gotts kommt frisch von der Universität und will ein Projekt starten: Bilder von Schauspielern. Die Idee ist nicht neu, Gotts kennt niemanden, und niemand kennt Gotts. Also setzt er sich in eine Bücherei, sucht ein Buch mit Namen und Adressen von bekannten Schauspielern und schreibt mit einer Mischung aus Enthusiasmus und Naivität Bittbriefe: Lieber Paul Newman, ich möchte Sie gerne porträtieren. Ihr Andy Gotts, Fotograf. Und er wundert sich, dass Paul nicht antwortet. Gotts schreibt nicht einen Brief, er schreibt 300. Niemand antwortet.

Bis, aus heiterem Himmel, im Sommer 1998, doch einer zurückschreibt: der englische Schauspieler Joss Ackland. Freilich mit einer ganz anderen Idee, die jeden aufstrebenden Starfotografen beleidigen muss: "Mein Sohn Toby heiratet. Hätten Sie nicht Lust, die Hochzeitsbilder zu knipsen?" Harte Anfrage. Gotts sagt trotzdem zu, weil Ackland einwilligt, ihm abseits der Hochzeitsfeier ein paar Minuten lang Modell zu stehen. Das Ergebnis zeigt ein schon leicht angetrunkenes, stolz grinsendes Familienoberhaupt. Ackland und Gotts sind zufrieden. Bild eins.

Ackland klärt Gotts auch darüber auf, wie das Filmgeschäft funktioniert: Ohne Beziehungen geht gar nichts. Er empfiehlt den Fotografen weiter an die Schauspielerin Greta Scacchi. Nettes Shooting, hübsches Bild. Bild zwei. Scacchi kennt den Schauspieler Alan Cumming. Bild drei. Cumming kennt Saffron Burrows, die wiederum kennt Malcolm McDowell, Star in Stanley Kubricks Film "A Clockwork Orange". Bild vier und fünf. Und McDowell ist guter Freund von Alan Bates. Und der kennt Pierce Brosnan. Bild sechs und sieben. Von der Hochzeit eines Namenlosen zu 007 über fünf Stationen - nicht schlecht.

Weil Schauspieler viele Schauspieler kennen, wird Andy Gotts' Fotoprojekt zum Selbstläufer. Inzwischen kennt auch George Clooney den Fotografen, weil er ihm von Brad Pitt empfohlen wurde, den wiederum Dustin Hoffman vermittelt hatte. Und nach einem äußerst netten Shooting ruft George wie selbstverständlich eine gute Bekannte an: Julia Roberts.

Jetzt hat Andy Gotts das Ergebnis des "Jeder kennt jeden" in einer Ausstellung und einem prächtigen Bildband veröffentlicht: "Degrees" zeigt auf 180 Seiten einen ausgelassenen Paul Newman, der sich selbst zu erwürgen versucht, einen todmüden Pierce Brosnan oder Morgan Freeman, der auf schwachsinnig macht.

Andy Gotts kann selbst nicht erklären, warum sich ernst zu nehmende Schauspieler für ihn zum Affen machen. "Ich versuche, eine angenehme Atmosphäre herzustellen. Viele Aufnahmen entstanden bei den Stars zu Hause, wo sie einfach ziemlich entspannt waren. Aber ich fordere keine Grimasse heraus. Alles geschieht völlig natürlich. Wer ernst bleiben will, darf ernst blieben."

Vielleicht ist Gotts' Arbeitsweise

ein Schlüssel: "Die meisten Aufnahmen waren innerhalb von 10 bis 30 Minuten im Kasten", erzählt er, "die besten Bilder mit George Clooney waren sogar die ersten. Es ist wichtig, schnell und spontan zu arbeiten."

Mit seinem Buch unterstützt Andy Gotts die englische Organisation "Diabetes UK", die sich der Förderung der Diabetesforschung und der Aufklärungsarbeit für diese Stoffwechselkrankheit widmet. "Vor zehn Jahren sah ich einen Film über Diabetes", sagt der Fotograf, "und ich hatte keine Ahnung, was diese Krankheit alles auslösen kann. Das wissen viele Menschen noch immer nicht. Ich will Aufmerksamkeit schaffen."

Vergangenen Donnerstag wurde seine Ausstellung in London eröffnet. Von den Wänden lachten Tom Hanks, George Clooney und all die anderen. Andy Gotts dachte an früher, die Bücherei, an die 300 Briefe - und lachte mit.

Tobias Schmitz/print

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