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16. Oktober 2002, 15:36 Uhr

Der Mann, der die Frauen kriegte

Das ganze Gerede über Erotik langweilt ihn. "Reden Sie von Sex", sagt er, "dann weiß ich, was gemeint ist": Helmut Newton über erste Erektionen, lüsterne Geliebte und letzte Laster. Von Sven Michaelsen

Der gebürtige Berliner Helmut Newton hat seine Memoiren geschrieben© Bertelsmann

Herr Newton, Ihre Memoiren sollten bereits vor neun Jahren erscheinen. Was war Ihr Problem?
Ich habe drei Lektoren ausprobiert und wieder rausgeschmissen. Das waren komplette Nieten, die von Juden und Nazis keine Ahnung hatten. Meine Frau June hat dann meine Tonbandmonologe zu einem Manuskript zusammengeflickt. Als sie 1993 fertig war, dachte ich plötzlich: Wen soll das eigentlich interessieren? Meinem Agenten sagte ich: "Ich habe Mist verzapft. Zerreiß die Verträge." Als June mir dann letztes Jahr mitteilte, dass diesen Herbst ihre eigenen Memoiren erscheinen, habe ich mir gesagt: "Okay, wenn die das kann, dann kannst du es auch!"

Ihre Memoiren brechen 1982 abrupt ab. Dafür möchte der Leser Sie am liebsten auspeitschen.
Wer am Ziel angekommen ist, ist nicht mehr hungrig, und satte Menschen finde ich uninteressant. Was hätte ich denn über die letzten 20 Jahre schreiben können? Ich habe eine Menge wahnsinnig langweiliger Hollywood-Bimbos kennen gelernt, ich verdiene ein bisschen mehr Geld als früher, und ich fliege nur noch erster Klasse, damit ich meine Beine ausstrecken kann. Sonst ist nichts passiert.

Nach dieser Logik könnte Mick Jagger seine Autobiografie mit dem Satz beenden: "Und 1962 trat ich dann den Rolling Stones bei."

Na ja, es wäre natürlich schon lustig, wenn er über die Zeit danach schreiben würde: "Ich habe die gefickt und die gefickt und die gefickt." Bei June und mir ist es aber so, dass wir ein Agreement haben, über solche Themen lieber zu schweigen.

Sie behaupten, nie eifersüchtig gewesen zu sein. Ist das Gleichgültigkeit?

Nein. Ich bin Feminist. Wenn ich mit einem Job früher als angekündigt fertig war, habe ich June immer vom Flughafen aus Bescheid gesagt. Ich wollte sie nie bei irgendwas überraschen. Ich habe auch noch kein einziges Mal ihre Handtasche aufgemacht. Heute morgen bat ich June, meine Brille zu suchen. Sie fragte: "Darf ich durch deine Taschen gehen?" Ich finde, das gehört sich so. Auch nach 54 Jahren Ehe sollte es noch Respekt geben.

"Mit den Models hatten wir immer viel Spaß", schreiben Sie. Wird June nicht von chronischer Eifersucht gequält?

Meine Frau weiß, dass ich Models so ansehe wie ein Bauer seine Kartoffeln. Trotzdem war sie manchmal schon eifersüchtig.

Ihr Buch bestätigt das Klischee, Sie seien der geborene Erotomane ...

Was ist ein Erotomane? Ein Ficker? Ich hasse das Gerede von Erotik. Reden Sie von Sex. Dann weiß ich, was gemeint ist.

Schon als Vierjähriger fanden Sie Ihre Mutter »stimulierend« und »begehrenswert« und bekamen eine Erektion, als eine Dame Sie auf ihre Schultern setzte.

Es erregte mich, wenn meine Mutter abends in ihrem fleischfarbenen Satin-Unterrock zu mir ans Bett kam und ich ihre nackten Arme spürte. Sie war eine glamouröse und ein bisschen versnobte Person, die wunderbar Geschichten erzählen konnte.

Mit 13 hatten Sie dunkelblaue Ringe unter den Augen. Ihre Erklärung: "Ich masturbierte wie ein Weltmeister."

Meine Mutter wusste Bescheid, weil die Bettlaken Bände sprachen. Sie war ziemlich hysterisch und hatte immer Angst um mich, weil ihr Helmie so kränklich war und oft ohnmächtig wurde. Wenn ich bewusstlos neben dem Abendbrottisch lag, hieß es nur beiläufig: "Ach, unser Helmie ist mal wieder ohnmächtig geworden." Ich wurde von einem Chauffeur in Uniform zur Schule gefahren, und wegen der Bazillen durfte ich kein Geländer anfassen und kein Geld berühren. Ich war verzogen, unausstehlich und eine schreckliche Memme. Es ist mir heute noch zuwider, mich von Fremden berühren zu lassen oder ein Geländer anzufassen. Mit meinen 81 Jahren stehe ich bei einer Treppe jetzt immer vor der Wahl: eklige Bazillen riskieren oder runterfallen.

 
 
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