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Der letzte Paparazzo

Es herrscht Krieg in Los Angeles: Paparazzi gegen Shooter. Die neuen Fotojäger haben weder Anstand noch Ehre beim Promi-"Abschuss", sagt Hans Paul. Alles, was zählt, ist der dicke Scheck. Die Paparazzi sterben aus. stern.de traf einen der Letzten ihrer Art.

Von Sophie Albers

Ein eher unscheinbarer Mann mit weißen Haaren und einem dieser Gesichter, die immer zu lachen scheinen, sitzt an einem Tisch am Kopfende des Berliner Promi-Restaurants Borchardt und scannt den Raum. Sein Blick bleibt an der auffälligen Frisur eines Mannes hängen, wischt ein paar Tische weiter zu einer üppigen Blondine. Hans Paul hat sie alle im Sucher, doch sie sehen ihn nicht. Und das muss auch so sein, denn Hans Paul ist ein Paparazzo. Schon in den frühen 80er Jahren hat er es zu seinem Beruf gemacht, berühmte Menschen zu fotografieren, ohne dass sie es bemerken - und das vor allem in privaten und gerne auch entlarvenden Situationen.

Doch auch wenn sich Paul und seine Kollegen deshalb mitunter als "Ratten des Showgeschäfts" beschimpfen lassen müssen, habe es immer so etwas wie Ehre und Anstand in seinem Beruf gegeben, sagt er, das "aus der Hüfte Schießen" sei schließlich eine Kunst.

Doch die Zeiten sind vorbei, da Stars und Paparazzi eine zuweilen sogar zärtliche Hass-Liebe verband. Im Kampf um das beste Bild werden die Prominenten mittlerweile provoziert, angegriffen, damit ihre Reaktion "abgeschossen" und verkauft werden kann. Lindsay Lohan wird angefahren, ein Freund von Cameron Diaz geschlagen. Diese Bilder bringen viel Geld, schließlich ist das Publikum süchtig danach, die Stars aus der sonst unberührbaren Haut fahren zu sehen.

Paul scannt immer noch. Es fällt ihm schwer, konzentriert auf einem Fleck zu denken und zu sitzen. Wie ein Flummi schießt seine Aufmerksamkeit durch den Raum, kehrt zurück und erstattet Bericht, ob "Opfer" da sind. stern.de bleibt hart und stellt all die Fragen, die man einem Paparazzo schon immer mal fragen wollte.

Herr Paul, haben Sie Ihre Kamera immer dabei?

Anders geht's nicht. Das ist wie mit dem Handy, da kann man auch nicht ohne, sonst fühlt man sich nackt.

Darf ich Sie Paparazzo nennen, oder beleidigt Sie das?

Ich bin ein Paparazzo, ich möchte sagen ein "Klassiker", der heimlich fotografiert, aus der Hüfte schießt. Die Frau da vorne könnte ich von hier aus fotografieren, ohne dass sie das merkt.

Könnten Sie mich knipsen, ohne dass ich's merke?

Die Kamera habe ich jetzt nicht dabei.

Wieviele Kameras haben Sie?

Zehn, für jeden Zweck eine. Ob ich im Supermarkt bin, im Restaurant oder ob ich irgendwo im Gebüsch sitze mit einem 500er-Objektiv. Wenn andere Paparazzi da sind, haue ich einen Weitwinkel rein. Die Konkurrenz ist groß.

Und wird immer brutaler, wie man liest.

In Hollywood tobt ein Paparazzi-Krieg. Shooter nennen wir diese Typen, die nicht richtig fotografieren können, die das Paparazzo-Handwerk nie gelernt haben. Die preschen mit der Kamera vor, erschrecken die Stars und drücken ab. Wir sind ziemlich sauer auf diese Leute.

Sind das die, die Lindsay Lohan verfolgt und in einen Unfall verwickelt haben?

Verfolgungsfahrten gab es in Los Angeles schon immer, aber es ist jetzt wirklich schlimm geworden. Täglich sind 50 Paparazzi ausschließlich hinter Britney Spears her. Die stechen sich gegenseitig die Reifen durch.

Nette Arbeitsatmosphäre.

Das sind ziemlich miese Typen. Die meinen, sie könnten mal eben eine Million Dollar verdienen, was nicht mehr der Fall ist. Die Fotopreise sind in den letzten zwei Jahren richtig in den Keller gegangen. Früher bekam ich für ein normales Foto im "People Magazine" 4000 Dollar. Heute kriege ich es nicht mehr exklusiv, und es sind nur noch 250 oder 300 Dollar. Es gibt zu viele Fotografen. Fotos schießen kann heute jeder. Nur so zu fotografieren, dass man es nicht merkt, das ist eben die Kunst, und das kann nicht jeder. Also machen die ihre Bilder dann mit Gewalt.

Stirbt der Beruf des Paparazzo aus?

Der Klassiker, ja. Die Qualität ist Nebensache auf dem Boulevard-Bildermarkt. Entscheidend ist die Aktualität, und das Foto muss was hermachen, damit die Leser die Zeitung kaufen. Die Leute schmeißen alle in einen Topf. Sie können nicht unterscheiden zwischen Shootern und Paparazzi. Das ärgert mich. Wir respektieren die Würde des Menschen. Wenn wir einen Star fotografieren, hat er sich häufig noch bedankt.

Haben Sie im Fall des Todes von Lady Di die Vorwürfe gegen die Paparazzi berührt?

Nein. Wenn jemand vorfährt, entsteht ein gewisser Jagdinstinkt. Das ist genau wie bei den Tieren. Laufe ich vor einem Hund weg, läuft der Hund noch schneller, um an meine Waden ranzukommen. Ich mache auch Verfolgungsfahrten. Aber wenn ich sehe, dass Heidi Klum nach Beverly Hills reinfährt, dann fahre ich langsam hinterher und gucke erstmal, wo sie hin will. Anschließend fahre ich Supermärkte ab. Wenn ich ihren silbernen Range Rover sehe, halte ich an, gehe mit meiner Minikamera rein, fotografiere sie, ohne dass sie es merkt und gehe wieder raus. Die Stars kennen mich einfach alle. Die spielen das Spiel mit und halten mir auch noch die Gurke und Tomaten hin. Wenn ich Pamela Anderson morgens bei Starbucks treffe, und sie sieht wirklich nicht gut aus und will kein Foto, ist das auch in Ordnung.

Das respektieren Sie dann?

Ja, zwischen uns herrscht eine stumme Kommunikation. Dafür habe ich sie in der nächsten Woche am Strand von Malibu getroffen: Sie sieht mich, hat einen weißen Bikini an, die Kinder sind da, ein neuer Freund. Dann geht sie etwas ins Wasser, macht den Bikini nass, dass er transparent wirkt und schaut mich an. Sie wollte fotografiert werden. Dann hat sie auch noch die Kinder herumgewirbelt. Alles exklusiv, eine ganze Szene. Meine Philosophie ist: Wenn ich nett zu den Menschen bin, geben sie mir die Bilder freiwillig.

Das sehen die Shooter eher anders ...

Mit diesen Menschen möchte ich nicht gesehen werden. Die kloppen sich um ein Foto, reißen sich gegenseitig die Blitze von den Kameras. Die Agenten sagen zu denen: "Geht ganz nah ran, mit Super-Weitwinkel, richtig ins Gesicht, dass man jeden Pickel, jede Falte sieht!". Und das machen die auch, viele von denen haben nämlich kein Geld. Die Agenten geben denen einen Leasing-Wagen, Kameras und Handys und schicken sie los. Die sind abhängig von den Agenten, und die beuten sie aus.

Hört sich nach Drückerkolonne an.

Genau so ist das! Die, die das große Geld machen, sind die Agenten. Aber selbst die Agenten knausern jetzt, weil die Preise so schlecht sind. Heute kommen nur noch B- und C-Klasse-Promis raus. Die A-Klasse-Promis verstecken sich oder wandern aus. Die kommen nur noch nach Hollywood, um die Verträge zu unterschreiben und fliegen wieder weg.

[Paul ist wieder im Scan-Modus] Haben Sie mittlerweile jemand Berühmtes entdeckt?

Nein, aber ich kenne auch nicht alle Deutschen.

Haben Sie eigentlich Mitgefühl?

In unserer Branche heißt es: Schieß' erstmal, und dann frag'. Aber ich fotografiere die Leute ja so, dass sie es erst merken, wenn sie sich in den Zeitungen sehen.

Aber das ist doch heftig.

Nein. Es tut nicht weh. Es überrascht sie, und dann finden sie die Fotos schön. Verona Feldbusch [heute Pooth] hat mal gesagt: "Das erfahre ich erst Tage später, aber er schießt schöne Fotos."

Sie dokumentieren häufig Abstiege von Prominenten.

Paparazzi ermöglichen Menschen den Aufstieg, prominent zu werden, aber begleiten dann auch den Abstieg.

Ist das der Preis für den Aufstieg?

Ja. Irgendwann kommt immer der Abstieg.

Aber noch mal: Was fühlen Sie dabei?

Ich habe kürzlich Peter Alexander fotografiert, weinend, total verbittert am Grab seiner Frau. Die "Bild"-Zeitung hat die Fotos gedruckt. Als ich sie am nächsten Tag gesehen habe, habe ich sie sperren lassen. Vorher waren es Trophäen, exklusiv, er hat nichts gemerkt. Am nächsten Tag, als ich sie gesehen habe, war es ein Problem.

Schalten Sie die Empathie während der Arbeit also aus?

Da sehe ich nur eins: das Foto und die Idee darin. Für mich ist es eine Trophäe. Das ist mein geistiges Eigentum. Das große Erwachen kommt erst später, wenn man wirklich mal darüber nachdenkt, was man angerichtet hat. Aber ich habe jedenfalls kein Problem damit, George Clooney mit offenem Hosenstall abzuschießen. Und wer setzt überhaupt den Maßstab für Moral? Sind das unsere Leser? Oder wir Reporter? Wir liefern, was gekauft wird.

Bleibt die Frage, ob das Angebot nicht auch für die Nachfrage sorgt.

Ja, natürlich. Wissen Sie, wenn ich das alles durchdenke, dann dürfte ich kein Journalist sein. Aber ich sage mir: Ich mache simple Paparazzi-Abschüsse, bin lieb und nett zu den Menschen und versuche, mit den Stars zusammenzuarbeiten. Ich dränge mich nicht auf. Ich hasse es, die Menschen zu belästigen.

Aber in Ihrem Beruf müssen Sie doch immer wieder Grenzen übertreten.

Aber ich versuche, irgendwie mit philosophischem Humor drüber weg zu kommen.

In Ihrem Buch schreiben Sie: Wir sind alle Paparazzi. Heißt das, wir bringen gerade alle zusammen Britney Spears um?

Wir Paparazzi sind süchtig, wenn wir den ersten Scheck bekommen haben, 10.000 Dollar, 20, 30, 40. Das ist wie eine Sucht, wie Drogen. Und den Stars geht es genauso. Wenn die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen, kriegen viele von denen Depressionen. Britney, Paris, alle sind süchtig, fotografiert zu werden. Die wollen immer wieder auf die Titelseiten. Das ist ein regelrechtes Wettrennen. Diese Sucht der Stars bringt sie in die Psychiatrie. Und wenn Sie jetzt fragen: "Sind wir nicht alle schuld?", würde ich sagen: Ja.

Sie sagen auch immer wieder "abschießen" anstatt fotografieren. Fühlen Sie sich manchmal als Mörder?

Wir sind Jäger, aber wir schießen keinen tot. Unsere Trophäe ist nicht der Bock, sondern nur das Foto. Trotzdem versuche ich, wenn ich jemanden fotografiere, zu denken: "Wie fühlt er sich jetzt", und wenn er nichts merkt, dann fühlt er nichts, und das ist schön. Es ist unser Job als Journalist zu dokumentieren. Ob es den Leuten gefällt oder nicht. Und schließlich wussten sie ja, dass sie, wenn sie mal berühmt sind, fotografiert werden. Auch vom Paparazzo.

Manchmal hört es sich auch an wie ein Spiel.

Es ist ein Spiel. Das ganze Mediengeschäft, der Boulevard ist ein Spiel. Jeder arbeitet mit jedem zusammen. Die Promis rufen an.

Häufig?

Über 80 Prozent aller Geschichten sind abgesprochen.

Verachten Sie eigentlich Prominente?

Promi sein ist ein Beruf, ein lästiger Beruf.

Interessieren Sie sich noch für Menschen ohne Foto?

Wenn jetzt Til Schweiger hier säße, würde ich Hallo sagen und mit ihm reden, aber ihn nicht fotografieren. Aber wenn Til Schweiger jetzt mit seiner neuen Freundin hier wäre, und ich sehe das, dann bin ich nicht mehr zu halten.

Können Promis und Paparazzi Freunde sein?

Kein Star wird zugeben, dass er einen Paparazzo als Freund hat. Freundschaften wird es niemals geben. Ein Kollege hat mal zu mir gesagt "Wenn du erst mal mit einem Promi geredet hast, kannst du ihn nicht mehr abschießen".

Herr Paul, Sie leben die meiste Zeit in Ihrem Auto, das sie zur perfekten Beobachtungsstation umgebaut haben. Sie wollen gar keine Villa in Malibu?

Ich würde niemals in eine Wohnung oder ein Haus ziehen. Da drin verwelkt man. Leben heißt bewegen. Ich muss weitermachen, immer wieder was Neues. Ich liebe die deutsche Gemütlichkeit über alles, aber die kann zum Verhängnis werden. Man verschwindet schnell in Mauern. Das ist nichts für mich. Ich habe mein Flugzeug, meinen Gleitschirm, das ist die Freiheit. Wenn am Abend die Sonne untergeht, fliege ich im Tiefflug über Malibu: über Leonardo DiCaprios Strandhaus, ich sehe Pamela Anderson unten am Strand, dann bin ich im Tiefflug über Jennifer Anistons Haus. Es gibt nichts Schöneres als meinen Job. Ich wurde in meinem Leben zur Bedürfnislosigkeit erzogen. Ich weiß, wer ich bin, und ich weiß, es gibt nur ein Ziel: glücklich zu werden. Und für mich liegt das Glück in der Freiheit. Die meisten Menschen sind doch unter Zwang, aber ich bin frei.

Und Sie wollen nie aufhören, Prominente zu jagen?

Es gibt keinen Schluss. Die Shooters, die können vielleicht noch aufhören, aber wir Paparazzi, da ist das Ende nur noch der Tod. Irgendwann werde ich mit der Kamera in der Hand sterben. Ich könnte nicht irgendwo in ein Haus ziehen und bei meiner Frau bleiben. Man könnte sagen, mein Job ist mir zum Verhängnis geworden.

"Erwischt! Der Promi-Jäger von Hollywood packt aus" heißt Hans Pauls Autobiografie, die im Riva-Verlag erschienen ist

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