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Schreber, zur Sonne, zur Freiheit!

Millionen Kleingärtner freuen sich auf den Sommer – auf das Glück, sich die Erde ein bisschen untertan zu machen. Wir haben eine besonders unterhaltsame Kolonie besucht.

Von Uli Hauser

  Die Kolonie Dornröschen in Hannover-Herrenhausen. Hier kann jeder nach seiner Fasson selig werden – in diesem Fall mit "Wikinger-Schach"

Die Kolonie Dornröschen in Hannover-Herrenhausen. Hier kann jeder nach seiner Fasson selig werden – in diesem Fall mit "Wikinger-Schach"

Jetzt, wo das Licht da ist und die Wärme und man keine Socken mehr braucht, ist auch mit den Heidelbeeren alles gut. Wenn du nicht bald vernünftig wächst, hatte Petra ihren jüngsten Strauch, den in der Mitte, ermahnt, dann komm ich mit der Säge, und du fliegst hier raus. In ihrem Garten herrscht Ordnung, und der Strauch parierte: Sieben Kilo Heidelbeeren waren es im letzten Sommer, die Enkel hatten ihre helle Freude. Auch die Möhren waren ziemlich dick, der Kohlrabi eine Superknolle. Was Petra in die Hand nimmt, wächst, sagen ihre Gartenfreundinnen. Kichern sich eins und genehmigen sich eine weitere Runde Likörchen. Sie nennen sich "Saufziegen": wenn Alkohol, dann draußen.

Willkommen im Dornröschenland. Vor mehr als hundert Jahren aus tiefem Schlaf erwacht, nachdem hier vorher nur Schutt und Pferdemist aus der Stadt ein Zuhause fanden, ackern seitdem Generationen Hannoveraner. Das Gelände ist unterteilt in sogenannte Kolonien, neben Dornröschen gibt es den Wiesengrund und das Rosendorf, Georgengarten und Königsworth.

Niedersachsens größte Schrebergartensiedlung liegt gleich hinter den weltberühmten Herrenhäuser Gärten. Da, wo der Kurfürst Ernst August in barocker Gartenlandschaft Europas erstes Heckentheater etablierte, darf sich der Plebs jetzt auf Parzellen austoben, nach eigener Vorstellung.

Für weniger als 400 Euro Jahrespacht hat sich im Schwemmgebiet der Leine mit den Jahren ein neuer Landadel etabliert: Menschen, die den in der Großstadt wuchernden Preisen für knapper werdenden Raum trotzen, auf durchschnittlich etwa 350 Quadratmetern eigenes Gemüse pflanzen und das Gemüt pflegen. Die sich strecken hinter Hecken, welche Spalier stehen für die große Freiheit, sich die Erde ein bisschen untertan zu machen.

Vor ein paar Jahren noch galten Kleingärtner als Leute von gestern; Spießer, deren Nagelscheren Rasen stutzten und die mit Glaslack Gartenzwerge polierten. Heute ist "Urban Gardening" ein Trend, Gartencenter und Baumärkte melden regen Abverkauf. Der Handel mit Jungpflanzen boomt: Für vergleichsweise wenig Geld kann man sich so ins Private schleichen. Und sich dann an vollen Büschelzweigen die Früchte zeigen lassen, wie Gartenfreund Goethe dereinst der Liebsten empfahl.

Namensgeber der deutschen Gartenbewegung war vor 150 Jahren aber ein anderer: der Leipziger Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber. Im Kampf gegen die "Verkümmerung" regte er zur Ertüchtigung der Stadtjugend Plätze für Leibesübungen an, mit Beeten drumherum. Es entwickelten sich Parzellen und später die Kolonien. Weitgehend vergessen, dass Schreber alles andere als entschleunigt war. Ein Reaktionär war er, ein schwarzer Pädagoge: Er verlangte Unterwerfung und dass Kinder mit "elterlichem Blick regiert" werden sollten. Der Zuchtmeister empfahl das "Gehen mit durchgestecktem Stabe" ebenso wie Schulterriemen, Kinnbänder und Kopfhalter als "Erinnerungsmittel" für eine straffe Kopfhaltung.

Von solcher Disziplin sind die Dornröschen-Schreber weit entfernt. Vom sauberen Heckenschnitt ganz zu schweigen. Man sitzt hier zu gern und zu lange beisammen, die Herren beim Skat oder mit eigenem Knobelbecher, die Damen beim Schlager. Sie singen und lachen und werfen Stäbe auf den Rasen, was sie "Wikinger-Schach" nennen. Stellen Tische auf die Wege und schauen, was passiert. "Wir haben hier immer die meisten Feste gehabt", sagt Marianne. Sie sieht mit ihren 82 Jahren am jüngsten aus, ihre Chilenische Schmucktanne ist wohl die exotischste Pflanzung unter Dornröschens Sonne. Gerade war der Mann mit der Wünschelrute da, wegen der neuen Pumpe; die Wasserader fand sich gleich unter dem Rhabarber. Jeder, der hier was auf sich hält, hat eigenes Wasser und muss es so nicht vorn am ehemaligen Kolonialheim zapfen.

Marianne, früher Industriekauffrau, hat sich richtig hochgeackert: erst Wegewart, später zweite, noch später erste Schriftführerin und dann nach der Stellvertretung 15 Jahre Leiterin der Kolonie. Die Sätze der Altvorderen hat sie noch im Ohr, die, im Krieg ausgebombt, hier eine neue Heimat fanden. Das waren noch richtige Gemüsegärtner, die Angst hatten vor schlechten Zeiten. Gras könnt ihr nicht essen, sagten sie immer, wenn wieder mal ein Kartoffelacker unter Zierrasen verschwand.

Die Jungen chillen und grillen

Aber Kartoffeln gibt es heute im Supermarkt. Großes Thema, immer wieder: Ist ein Drittel des Gartens wirklich dem Gemüse gewidmet? So wie es das Bundeskleingartengesetz vorschreibt? Und die hannoversche Gartenordnung? "Obst, Sträucher, Gemüse, Blumen und Rasen", heißt es da, sollen in "ausgewogenem Verhältnis" zueinander stehen, "einseitige Kulturen" seien "untersagt". Die Alten haben ihre Zweifel, dass die "Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen" noch im Vordergrund steht; zu sehr setzen die Jungen auf Chillen und Grillen. Lassen das Obst an den Bäumen faulen und die Brombeeren liegen. "Schmarotzer, keine Gartenfreunde" seien das, sagt Udo, 1. Vorsitzender des "Vereinigte Steintormarsch e. V." und damit Hausmeister im Paradies.

Udo ist verantwortlich, dass sein Verein für die mehr als 800 Gärten auf dem etwa 360.000 Quadratmeter großen Gelände Pacht an die Stadt überweist; Hannover kassiert jährlich 2,5 Millionen Euro von seinen Kleingärtnern. Wie auch Marianne ist er der Meinung, dass die Gemeinschaft in den letzten Jahren doch ein wenig gelitten habe; manche Gartenfreunde grüßten sich nicht mal mehr. Zusammenhalten müsse man, denn nicht nur Giersch oder Gänseblümchen sind die natürlichen Feinde eines jeden Schrebers: Das Dornröschen liegt in bester Lage, ein Filetstück für Spekulanten, die sich auf der anderen Seite des Flusses gefährlich nah den Lauben genähert haben. Hunderte Gärten seien da in den Jahren zuvor verschwunden, die Reihen sollten geschlossen sein, bevor Reihenhäuser entstehen.

Damit die Gärten trotz aller Privatheit "Bestandteil des öffentlichen Grüns" bleiben und damit einen gewissen Bestandsschutz genießen, müssen Regeln eingehalten werden. Waschmaschinen sind verboten, Sickergruben auch; eine Laube darf nicht größer sein als 24 Quadratmeter, und höchstens "ruhen" darf man in ihr, nicht wohnen. Dennoch gab es Beschwerden, als der Hahn krähte, was vor Jahren passierte. Ein Gartenfreund hatte Platz geschaffen für Gockel nebst Hennen; war auch nicht erlaubt und nach dem Anruf beim Veterinäramt schnell erledigt. Diese Art von Krach fällt dann doch auf, obwohl sich die Kolonisten seit dem Bau der Schnellstraße durch ihre Siedlung an Lärm gewöhnt haben.

Seitdem heißt das Gebiet jenseits des Damms "Ostzone", es ist durch einen Tunnel zu erreichen. Und so weit ab vom Schuss, dass die wenigsten Wind bekamen von der Abwicklung der Parzelle 48 durch das Rauschgiftdezernat. Hier war die Stromrechnung plötzlich irre hoch und jedes Fenster verbarrikadiert; hier wuchs Gras, das man rauchen konnte. Und das nicht für Christa von den "Saufziegen" bestimmt war, obwohl ihr ein bisschen Cannabis bestimmt guttäte, wegen ihres Rheumas. Ihre Gartenfreundinnen nennen sie "Rheuma-Raupe"; es gab auch den "Hecken-Erich", und es gibt noch "Igel-Dieter" aus der Kolonie nebenan. Er sammelt nachts Igel ein, die sich verlaufen haben. Er schläft im Winter schon mal neben seiner Katze, damit die nicht friert.

"Wir kümmern uns", sagt Tina, die Krankenschwester. Im letzten Jahr hatte sie beim Laubenfest zu einer spontanen Poolparty geladen, in ihr Becken gleich neben Mariannes Garten, 3,50 Meter breit, 90 Zentimeter tief. Das war eine dolle Sause; nackt waren bis dahin in der Kolonie allenfalls die Schnecken. Leider aber auch die letzte Sause mit Pool und so: Der Pachtvertrag wurde nicht verlängert, und das Herz am Gartentor wird bald wohl einen neuen Besitzer finden.

Bewerber sind da genug, vor allem junge Familien mit Kindern drängen in die Kolonie, wie überall. Sie haben sich einer Kommission vorzustellen und dem Vorbesitzer Abstand zu zahlen, für jede Knolle, für jeden Haken. Was krank, schief und überaltert ist, muss weg; was geduldet ist, wird auf Klemmbrettern mit einem "Schätzungsprotokoll" vermerkt. Sträucher dürfen nicht höher sein als 3,50 Meter, und zu beseitigende Gehölze sind mit Stubben oder Wurzelballen zu entfernen.

Wider die Unordnung der Natur!

Mag die Welt da draußen aus dem Lot sein – hier wird dem Chaos Paroli geboten. Man kann es drehen und jäten, wie man will: Die wahre Bestimmung eines Kolonisten ist sein Kampf gegen die Unordnung. Denn die Natur macht, was sie will, und der Kleingärtner ist auf die Welt gekommen, diesem Willen Herr zu werden. Kontrolle zu erlangen über aussichtslose Lagen, schlechten Boden oder Schatten, wo man Sonne braucht. Die Hoheit zu haben über den Lauf der Dinge, das Wasser, die Wurzeln und den Kompost.

Wie mit diesem Dünger umgegangen wird, ist der heimliche Stolz eines jeden Pflanzers. Nicht jeder schafft es immer rechtzeitig auf die Toilette des früheren Kolonieheims, das sich heute zu einem veritablen Ausflugslokal entwickelt hat, wo rüstige Rentner von Mitte Oktober bis Mitte März ihre Pension in Grünkohlessen- satt und im Frühling in Spargelsuppe investieren.

Die Älteste war 104 und ist vor einem halben Jahr gestorben. Das "Radieschen" in der Mitte der Kolonie wird auch häufig von Vegetariern angelaufen, die auf der Google-Suche nach Grünzeug über diesen Namen stolpern und dann von der Speisekarte einigermaßen enttäuscht sind. Doch wer mal muss, dem bieten die Besitzer für zehn Euro im Monat eine Art "Flatrate" für so oft man will. Oder Gruppenrabatt ab 14 Besucher. Das kommt manchen billiger, als im eigenen Garten zu entsorgen.

Die Alten pflegen den Abort noch mit chemischer Keule, manche mit Wasser; die Jungen nehmen Sägespäne oder Stallstreu oder Asche mit Laub. Galt früher das erste Hallo einer akkuraten Hecke, so hat heute der Umgang mit der Notdurft bei den Jungen endlich eine ihr angemessene Bedeutung. Punkt 5 der Gartenordnung im Beschluss vom 6. März 2004 allerdings gewährt der Fantasie keinen allzu großen Spülraum: Toiletten müssen "innerhalb der Laube in einem dafür vorgesehenen separaten" Bereich untergebracht sein.

Trotz all der Regeln aber zieht es immer mehr Volk ins umzäunte Gehölz. Knapp eine Million Kleingartenpächter gibt es in Deutschland einig Gartenland. Die meisten in Berlin, Hamburg und Leipzig, Hannover hält mit 19 000 Parzellen den fünften Platz.

Hier ist mittlerweile fast jede Szene vertreten: Esoteriker bauen Schwitzhütten und pflanzen Buddhas, Ökos Hochbeete hinter Hängematten. Auch Migranten mischen mit. Karim aus Afghanistan zupft Kümmel, Kresse und Koriander, gut gegen Diabetes. Sein Stolz sind ein Maulbeerbaum aus Italien und Damaszener-Rosen, die so himmlisch duften und deren Öl die Schönheit fördert.

Parviz aus Persien, der Sozialarbeiter, hat zwischen Sauer- und Süßkirsche einen Zaubergarten angelegt, mit Spiegel und Skulpturen. Wenn er kein Saxofon spielt, überlegt er, seine Ernährung auf Gemüse und Fisch und vor allem Licht umzustellen. Und rezitiert Texte vom persischen Dichter Hafis, der Goethe zu seinen Gedichten im "West-östlichen Divan" inspirierte.

So versucht ein jeder, sein eigenes Märchen zu leben, in der Dornröschen-Kolonie zu Hannover-Herrenhausen. Die Beetchenfrage, was die Kartoffeln betrifft, haben Petra und ihr Mann Jürgen übrigens schon gelöst. Diese Saison versuchen sie es mit der rotschaligen Laura, leicht und cremig im Geschmack, das Fleisch schön gelblich. Mal was anderes. Der Weißkohl wird wohl von allein wachsen; so groß wie im vergangenen Jahr hat man ihn lange nicht mehr gesehen in der Kolonie.

Also, das Land ist bestellt. Petra sagt, wir lassen es dieses Jahr mal piano angehen.

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