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"Es war mein Land"

Tschechiens Kommunisten wollen den "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", doch Moskau wittert Konterrevolution: Der Prager Frühling ist lang und unruhig - erst im August 1968 wird er durch Truppen des Warschauer Paktes gewaltsam beendet. Josef Koudelka hat sich vom tragischen Bruderstreit sein Bild gemacht.

Von Philipp Gülland

In den Straßen Prags herrscht Krieg: Wo sonst Trams über das Kopfsteinpflaster rumpeln, rollen jetzt Panzer. Es riecht nach verbranntem Gummi und Benzin, Rauchschwaden verdunkeln den Augusthimmel der Moldau-Metropole.

Monatelang hat Moskau die Reformbestrebungen des Satellitenstaates argwöhnisch beobachtet, immer wieder zwischen Wohlwollen und Sorge wechselnd. Man hat sich getroffen, verhandelt, Druck ausgeübt, um den abtrünnigen Bruder wieder auf den verordneten Kurs zu bringen. Schließlich werden die Bündnispartner unruhig. Man will keine Konterrevolution riskieren. Am 21. August 1968 marschieren sowjetische, polnische, bulgarische und ungarische Truppen ein und besetzen das Land innerhalb weniger Stunden.

Militärisch wehrt sich die Tschechoslowakei nicht, aber aufgebrachte Bürger leisten erbitterten Widerstand - 148 Todesopfer auf beiden Seiten sind die blutige Bilanz der Straßenschlachten.

Von Neugier und Grenzen

"Ich wollte immer herausfinden, was ich am besten kann" erinnert sich Josef Koudelka an seine erste Begegnung mit der Fotografie. "Mit 14 wollte ich Flugzeuge bauen, also wurde ich Ingenieur. Ich mochte meinen Beruf, hatte viel Verantwortung, ich war gut. Aber nach sieben Jahren wurde mir klar, dass ich an meine Grenzen gestoßen war - ich konnte nichts mehr bewegen. Weiterzumachen hätte geheißen, einfach nur auf den Tod zu warten, das wollte ich nicht", sagt er. Gleichzeitig sei sein Interesse an der Fotografie gewachsen. "Also beschloss ich herauszufinden, was ich als Fotograf erreichen könnte."

1961 stellt Koudelka seine ersten Bilder im Prager Semafor Theater aus, kurze Zeit später arbeitet er als freier Fotograf für das Theatermagazin "Divadlo". Bald kündigt der knapp dreißigjährige Ingenieur seine Stelle und arbeitet als Fotograf und Bühnentechniker. Er hat seine nächste große Herausforderung gefunden.

Glück und Tragödie

Seit etwa drei Jahren ist Koudelka als Fotograf tätig, als der Prager Frühling sein gewaltsames Ende findet. Im Rückblick sagt er: "Die russische Invasion der Tschechoslowakei im August 1968 betraf mich unmittelbar. Es war mein Land." Er sei kein Reporter gewesen, er habe nie "Nachrichten" fotografiert. Aber plötzlich war sie da, diese Situation - zum ersten Mal in seinem Leben. "Ich habe darauf reagiert" so Koudelka später über das Chaos in Prags Straßen: "Ich wusste, dass es wichtig war, zu fotografieren, also fotografierte ich. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht, was ich da tat." Wie auf Autopilot habe er sich durch die goldene Stadt bewegt, Unruhen und Straßenschlachten dokumentiert.

"Ich habe diese Bilder für mich gemacht, nicht für ein Magazin. Dass sie veröffentlicht wurden, war Glück." Glück auch, dass die Bilder den Weg durch den Eisernen Vorhang gefunden haben - Eugene Ostroff, Kurator des Smithsonian Instituts in Washington D.C. und auf Dienstreise in Prag, schmuggelte die Aufnahmen ausser Landes. Die Fotografenagentur Magnum vertrieb Koudelkas Fotos, zunächst anonym, an Zeitungen und Magazine weltweit. In Koudelkas Heimat werden sie 22 Jahre später - im August 1990, ein Jahr nach der samtenen Revolution und an der Schwelle einer neuen Ära - abgedruckt. Unbequeme Bilder eines Bruderstreits.

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