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Der vergessene Schatz der Fotogeschichte

Es klingt wie ein Archäologen-Krimi: In einem Keller in Innsbruck tauchen zwei Kisten auf, die nicht weniger enthalten als die Bilder der ersten Gruppenausstellung der legendären Fotoagentur Magnum. In Wien ist der nach 50 Jahren gehobene Schatz nun zu sehen. Doch viele Fragen bleiben offen.

Von Sophie Albers

Dan-Brown-Fans hätten ihre Freude an dieser Geschichte: 50 Jahre lang liegen zwei unscheinbare Holzkisten im Keller des Institut Français in Innsbruck. Niemand sucht sie, weil sie offenbar niemand vermisst. Jahr um Jahr gehen Menschen einfach an ihnen vorbei, wenn sie stören, werden sie zur Seite gepackt. Dann, 2007, als das französische Kulturinstitut, in dessen Heizungsraum sie mittlerweile stehen, umzieht, wird der Keller ausgeräumt. Ein Mitarbeiter öffnet die Kisten und findet einen sensationellen Schatz.

Sorgfältig verpackt mit genauer Anleitung für Bildlagerung und -hängung kommt eine Gruppenausstellung der Fotoagentur Magnum aus dem Jahr 1955 zum Vorschein: "Gesicht der Zeit" besteht aus 83 Schwarzweiß-Abzügen von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Werner Bischof, Ernst Haas, Inge Morath, Erich Lessing, Jean Marquis und Marc Riboud. Kurze Zeit später klingelt bei Andréa Holzherr im Pariser Büro der Magnum-Agentur das Telefon. Sie und die Geschichtsschreiber der Agentur dachten bisher, die erste Magnum-Gruppenschau sei 1956 auf der Kölner Photokina zu sehen gewesen.

Die Frage, auf die sie keine Antwort weiß, und auf der Dan Brown nun herumreiten würde, ist das Wie und Warum. Wie konnten die Kisten vergessen werden? Warum ist diese Ausstellung weder bei Magnum noch in Zentralarchiven vermerkt? Wieso sind die Holztafeln, auf denen die Bilder aufgeklebt sind, so dilettantisch geschnitten, teilweise mit Löchern versehen, die Nummerierung mal ordentlich aufgemalt, mal mit Bleistift hingeworfen? Und warum scheinen Abzüge vom berühmtesten der Fotografen, Robert Capa, zu fehlen?

Alles ist möglich

"Es sind alle Spekulationen möglich, weil wir so wenig wissen", sagt Holzherr. Auch in ihr erwacht der Detektiv, während sie vor Henri Cartier-Bressons Aufnahmen der letzten Tage Gandhis steht, die wie all die anderen den Dornröschenschlaf erstaunlich gut überstanden haben. "Ich habe gedacht, wenn die Bilder erst einmal hängen, würden wir mehr verstehen, aber nein. Wir haben Spuren und Hinweise, aber wir wissen nicht einmal, wer der Initiator war. Vielleicht einer der Fotografen aus Österreich?" Sie hoffe auf den alten Katalog, sagt sie.

Den konnte allerdings bisher nicht einmal Christoph Schaden auftreiben, Kunsthistoriker und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Fotografie. Er wurde darauf angesetzt, die alte Ausstellung zu sichten, zu recherchieren und eine neue daraus zu machen: "Magnum's First" heißt sie und ist seit dem 8. April in der Wiener Galerie Westlicht zu sehen.

"Draw a blank"

1955/56 wurden die Bilder in Innsbruck, Wien, Bregenz, Graz und Linz ausgestellt. Doch nicht nur die Kisten, die ganze Schau scheint über die Jahre einfach vergessen worden zu sein. Selbst Zeitzeugen erinnern sich kaum: Erich Lessing, einer der drei noch lebenden Fotografen der Ausstellung, hat Schwierigkeiten, die eigenen Bilder wiederzuerkennen. Auch eine über 90-jährige ehemalige Magnum-Sekretärin in New York, die er mal kurz auf dem Handy anruft, kann nicht weiterhelfen. "Draw a blank", sagt sie. Keine Idee.

Man dürfe nicht vergessen, dass die Fotografen damals jung und dauernd unterwegs waren, "die haben sich nicht wirklich um Ausstellungen geschert", erklärt sich Schade den weißen Fleck in der Agenturgeschichte. Außer Cartier-Bresson, der sich von Anfang an als Künstler verstand. Der Wirkung der Bilder tut das keinen Abbruch. Auch den Profi packt die Magnum-Magie, wenn er vor den Abzügen der acht Reportagen steht, die für ihn in der Zeit nach dem Weltkrieg einen Aufbruch bedeuten: Capa zeigt ein baskisches Fest in Biarritz, Freude nach den Gräueln des Spanischen Bürgerkriegs, Lessing spielende Kinder im besetzten Wien, Riboud porträtiert Menschen in Osteuropa, genauso Marquis, Bischof ist mit seinem Reisetagebuch aus Südamerika, Japan und Indien vertreten, Morath zeigt Londoner Straßenszenen, Haas schließlich großes Kino in Ägypten am Set des Hollywoodschinkens "Land of the Pharaos".

Keine Lust auf Krieg

"Die hatten keine Lust mehr auf Krieg", resümiert Fotohistoriker Schade. "Diese Ausstellung war ein Testballon. Man wollte wissen, wie es angenommen wird." Wurde es dann ganz gut, wenn man sich die Erfolgsstory von Magnum anguckt. Drei Jahre später gingen bereits fünf Magnum-Ausstellungen um die Welt.

Doch hat "Gesicht der Zeit" auch herbe Kritik einstecken müssen. In alten Zeitungen fand Schade Beweise für die Existenz der Ausstellung - die zeugten nicht nur von Begeisterung: "Man hat manchmal die Vorstellung, lediglich in einer Illustrierten zu blättern", stand in der "Kleinen Zeitung" aus Graz. Eine "zur Ausstellung aufgebauschte Pariser Drucksachen-Sendung", ätzte die "Wiener Zeitung". Für die Kritiker hatte das Abbild des Lebens, das "nah dran sein", dem sich die Magnum-Fotografen verschrieben haben, im Raum der Kunst nichts zu suchen.

"Elitärer Haufen chaotischer Individualisten"

Magnum, diese Instanz des modernen Fotojournalismus, wenn nicht sogar Instanz für unser Bild von der Welt, wurde 1947 in New York gegründet. Der Name stammt von der großen Flasche Champagner, die zum feierlichen Anlass geköpft wurde. Es ging um "photographische Lauterbarkeit, Achtung vor der Wirklichkeit, eine aufgeschlossene Einstellung gegenüber dem Menschlichen, dem Suchen nach Gefühlswerten, dem Bemühtsein um Komposition und Layout sowie dem Bewusstsein gegenüber den Spannungsabläufen einer Bildgeschichte", so fasste Magnum-Gründungsmitglied David Seymour das Wesen dieses "elitären Haufens chaotischer Individualisten" (Lessing) einst zusammen. Vor allem aber ging es den Lichtbildnern darum, dass der Fotograf die Rechte an seinen Bildern hält und somit unabhängig arbeiten kann. Was mit der neuen/alten Ausstellung passieren wird, ob sie bleibt, wie sie ist, oder möglicherweise auseinander gerissen wird, ist noch unklar.

Große Nazi-Verschwörung

Doch zurück zu Dan Brown: Der hätte vielleicht einen kleinen österreichischen Hausmeister erfunden, der, um eine große Nazi-Verschwörung zu verdecken, eine ganze Ausstellung verschwinden lässt. Oder einen Streit zwischen den Magnum-Größen Capa und Bischof, die beide ein Jahr vor der Ausstellung ums Leben kamen. Oder vielleicht doch eine heftige Liebesgeschichte, deren Pfand zwei Holzkisten sind?

Es sind immer wieder solche Kisten, die zeigen, wie willkürlich unsere Geschichtsschreibung doch ist. Zwei davon reichen aus, dass die Chronolgie der berühmtesten Photoagentur der Welt ergänzt werden muss. Wer weiß, wie viele solcher Kisten noch unentdeckt in Kellern verstauben?

Ausstellung "Magnum's First" 8. April bis 18. Mai 2008 im Westlicht, Westbahnstr. 40, Wien

Bildband zur Ausstellung: "Magnum's First", Peter Coeln, Achim Heine, Andréa Holzherr (Hrsg.), Text von Christoph Schaden, Hatje Cantz Verlang, 216 Seiten, 39,80 Euro

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