Der New Yorker Architekt Peter Eisenman hat nicht locker gelassen. Nun ist sein wichtigstes Bauwerk fertig: das Berliner "Denkmal für die ermordeten Juden Europas". Vom 10. Mai an muss sich zeigen, wie die Besucher mit den 2711 Betonstelen zurechtkommen.

Peter Eisenman im Stelenfeld: "Es geht hier nicht um Schuld, sondern ums Erinnern an den dunkelsten Schatten der Menschheit"© Peter Rigaud
Wo gibt es so etwas noch? Ein internationaler Star, der keine Sekretärin hat, sondern selbst ans Telefon geht. Der einlädt: "Kommen Sie, wann immer Sie wollen." Und mehr noch, der fordert: "Begleiten Sie mich bei meiner Arbeit in Berlin, New York, Princeton, Wien, Santiago." Peter Eisenman heißt der gelassene Typ, der keine Berührungsangst kennt. 72 ist er, mit einer Energie wie ein 27-Jähriger. Am 10. Mai wird sein wichtigstes Bauwerk eingeweiht: das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" gleich neben dem Brandenburger Tor.
In Berlin scheint die Sonne, und die grauen Betonstelen sehen aus wie wankende Bäume im Wind. Peter Eisenman steht im schwarzen Mantel am Rand dieses Waldes, Hände in den Hosentaschen, lässig, stolz und ein wenig trotzig, als wollte er sagen: Schaut her, da ist das Mahnmal. Ich habe es gebaut, aber nun gehört es euch, und ihr müsst sehen, was ihr damit anfangt.
Er kann es selbst kaum glauben, dass das Bauwerk nun, nach mehr als 16 Jahren Streit, vollendet ist, pünktlich und nicht teurer als die vorgesehenen 27,6 Millionen Euro. Wie hat er gerungen um dieses 19 074 Quadratmeter große Areal mit den 2711 Betonstelen. "Fußballfeldgroßer Albtraum" und "Reichstrauerfeld" schimpften seine Gegner den Entwurf. "So viel Aufmerksamkeit habe ich noch nie bekommen", sagt Peter Eisenman. Und schwärmt: "Keine andere Nation der Welt hätte dafür so einen wichtigen Ort mitten in der Hauptstadt bereitgestellt."
Aber was sollen die Deutschen nun tun mit diesem riesigen Areal? Betrachten? Betreten? Benutzen? "Sehen Sie selbst", sagt Eisenman. "Laufen Sie herum, spüren Sie, was mit Ihnen geschieht." Wir stapfen los. Von außen sieht alles ganz harmlos aus. Niedrig sind die Stelen hier am Rand, als wollten sie zum Picknicken einladen. Ein paar Bäumchen verlieren sich zwischen den Reihen, Schwarzkiefern, Linden und Felsenbirnen. Je weiter wir uns aber hineinwagen in das Feld, desto unheimlicher wird es. Der Boden ist uneben. Steil bergauf und bergab geht es. Bald hört man den Straßenlärm nur noch dumpf und sehr entfernt. Die Betonquader scheinen zu wachsen, immer höher, bis zu 4,70 Meter. Klein fühlt man sich, verloren und gleichzeitig bedrängt, denn die Durchgänge sind nur 95 Zentimeter schmal. Zwei Menschen passen hier nicht nebeneinander, jeder ist auf sich gestellt.
"Und?", fragt Eisenman, als wir wieder bei ihm anlangen. Wir sind erst einmal sprachlos. Was soll man schon sagen? Gut? Schrecklich? Unfassbar? Hierfür gibt es keine Worte. "Das Mahnmal bildet nicht den Horror ab", sagt Eisenman. "Es geht auch nicht um Schuld, sondern ums Alleinsein. Ums Erinnern an den dunkelsten Schatten der Menschheit."

"Ich bin nicht schwierig. Architektur schon", behauptet Peter Eisenman auf seinem Pulli. Er trägt ihn am Tag der Eröffnung seiner Ausstellung in Wien© Peter Rigaud
Dagmar von Wilcken eilt herbei. Die Berlinerin entwarf die Ausstellungsarchitektur im unterirdischen "Ort der Information". Hier wird das Schicksal von 15 jüdischen Familien nachgezeichnet. "Wir haben daran gearbeitet, dass es kein Kitsch wird", sagt Eisenman. Eigentlich wollte er die Inforäume nicht. Er fürchtet, dass sie wichtiger werden als die Stelen. "Aber alle Architekten müssen mit Kompromissen leben."
Früher hätte Peter Eisenman solche Sprüche verachtet. Kundenwünsche? Nicht so wichtig. Wozu das führen kann, erfährt jeder, der Suzanne und Dick Frank in ihrem Haus nördlich von New York besucht. 1972, als sie Eisenman den Entwurf ihres Hauses anvertrauten, war der 40 Jahre alt, völlig kompromisslos und hatte noch fast nichts gebaut. Nun entwarf er ein Gebäude wie eine Skulptur: Mitten im Schlafzimmer klafft ein Schlitz. Alle Räume sind offen. Eine Klotür ist erst auf dringende Bitte der Franks eingebaut worden. Eine rostrote Treppe klebt nutzlos an der Decke über dem Esstisch. Der ist eingekeilt zwischen zwei Stützen, sodass ein Gespräch mit dem Tischnachbarn nur mit verrenktem Hals möglich ist. Die Küchenschränke hängen so hoch, dass man zum Öffnen auf eine Leiter steigen muss. Jedes Möbelstück ist ein Fremdkörper, jede herumliegende Zeitung stört das Gesamtkunstwerk.
"Unbewohnbar", würden die meisten Bauherren sagen und dem Architekten den Laufpass geben. Nicht so die Franks. Suzanne lächelt: "Viele Details sind ärgerliche Beweise von Eisenmans Arroganz. Und doch könnte ich mir kein schöneres Haus vorstellen."
Arroganz. Immer wieder hat man sie Peter Eisenman vorgeworfen. Wer ihn heute kennen lernt, findet nichts davon. Seine New Yorker Adresse ist alles andere als schick. Schlampiges Chelsea. Nebenan ein Möbelladen, gegenüber ein Hundehotel mit Spa. Kein Wachmann, kein Portier, keine Klingel. Ohne Anmeldung fährt man mit dem Aufzug in den 11. Stock - und landet direkt im Büro.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 16/2005