60 Jahre lang wurde mit Polaroid-Kameras das Lebensgefühl von Menschen auf der ganzen Welt eingefangen. Doch der Siegeszug von Digitalkameras stellt die Sofortbildfotografie in den Schatten und veranlasst das US-Unternehmen Polaroid zu einem folgenreichen Schritt: Es stoppt die Produktion seiner Instantfilme. Von Julia Stanek

In den 70ern war die Polaroid SX-70 überall dabei: Szene aus dem Film "Boogie Nights"© Picture Alliance
Es gehört schon fast zum Pflichtprogramm einer jeden Hochzeitsfeier: Während das Brautpaar über die Tanzfläche fegt, rüstet sich ein Foto-Team mit Polaroid-Kamera, Album und einem Klebestift, um eine rauschende Partynacht einzufangen. Entkommen wird den Hochzeitsfotografen nichts und niemand, weder Onkel Holgers Nummer mit der Luftgitarre noch der peinliche Sturz der Trauzeugin. Nach und nach nehmen sie einen Gast nach dem anderen vor die Linse, lassen ihn posieren und etwas Nettes ins Fotoalbum schreiben. Zwischendurch wird eifrig mit den frischen Polas gewedelt - angeblich trocknen die Bilder so schneller. Dass dies ein Irrtum ist, interessiert an diesem Abend niemanden.
Das Faszinierende an Polaroids ist die Spontaneität des Mediums, der Überraschungseffekt, wenn aus einer Situation ein Foto wird. Ein Klicken, ein Surren und als wolle einem die Kamera frech die Zunge rausstrecken, zuckelt das frisch geschossene Pola durch den schmalen Fotoschlitz. Noch ist nicht viel zu erkennen. Doch langsam sieht man diffuse Umrisse, zarte Schatten eines Augenblickes, fixiert für die Ewigkeit. Schließlich bekennt das Foto Farbe - und das nicht unbedingt zum Vorteil des Abgelichteten. Dann ist die Spannung vorbei. Zum Vorscheinen kommt eine Momentaufnahme, gemeißelt in ein Quadrat aus übersteigerten Farben, eingerahmt von dem typischen weißen Rand - was für ein nostalgischer Anblick!
Sechs Jahrzehnte lang haben Menschen auf dem ganzen Erdball mit ihren Polaroids die schönen Momente des Lebens eingefangen: Urlaubsfotos, Aufnahmen von Neugeborenen im Krankenhaus, Bilder von den nettesten Übernachtungsgästen, die sich über die Jahre im Gästebuch verewigt haben. Doch mit der Instantfotografie ist nun Schluss. Nachdem die Firma Polaroid vor gut einem Jahr die Produktion der Kameras eingestellt hatte, gibt sie im Februar 2008 bekannt, auch die Herstellung der Sofortbildfilme zu stoppen.
Die Sorge der Polaroid-Liebhaber ist groß, denn zukünftig wird es schwierig sein, an die Spezialfilme zu kommen. Unweigerlich wird der Nachschub versiegen. Einer, der bereits Hamsterkäufe getätigt hat, ist der 23-jährige Joe Howansky aus New York. Er hat das Ende des Instantfilmes kommen sehen und sich sofort mit Filmen im Wert von 800 Dollar eingedeckt. Die Fans der Sofortbildfotografie können allerdings noch hoffen: Das Unternehmen Adesso Albums aus Kalifornien hat die Lager noch gut gefüllt und wird noch bis mindestens Ende 2009 die Polaroid-Filme vertreiben. Ob ein anderer Hersteller die Nutzungsrechte für eine Fortsetzung der Produktion wird erwerben können, ist noch unklar.
Als der amerikanische Physiker Edwin H. Land 1948 die erste Sofortbildkamera sowie den dazugehörigen Polaroid-Film erfand, war die Generation der Baby Boomer begeistert: Von nun an konnte man sich den Umweg über das Fotolabor sparen und dabei zusehen, wie sich der gerade eingefangene Augenblick ganz von alleine zu einem Lichtbild entwickelte. Möglich wurde das Schnellentwicklungsverfahren durch spezielle Filme, die ein Negativ, das Positivpapier und den chemischen Fotoentwickler enthielten. Der innovative Tüftler Land, der es auf über 500 Patente in seinem Leben gebracht haben soll, hatte mit seinem Instantfilm ein eigenes Kapitel in der Fotogeschichte begründet und den Menschen etwas gegeben, das uns aus heutiger Sicht nur ein müdes Lächeln abringt: die augenblickliche Verfügbarkeit eines Fotos.
Der Legende nach hat der passionierte Bastler Land die Sofortbildkamera erfunden, weil seine Tochter nicht tagelang auf die entwickelten Fotos warten mochte. So inspirierte ihn die Ungeduld eines kleinen Mädchens, die symptomatisch war für die neuen Ansprüche der amerikanischen Konsumgesellschaft, zu einem riesigen Verkaufserfolg. Mit seiner Erfindung machte der Gründer der Polaroid Corporation ein Vermögen: Auf dem Höhepunkt seines Erfolges verzeichnete das Unternehmen Umsätze von etwa drei Milliarden Dollar in 60 Ländern und beschäftigte weltweit mehr als 20 000 Mitarbeiter. Ihr Rekordjahr erlebte die Firma Polaroid 1978, in dem Jahr wurden weltweit über neun Millionen Instantkameras verkauft. Der Name "Polaroid" war zum Begriffssynonym für Sofortbildkameras geworden, also zu dem, was die Marke "Tempo" in der Papiertaschentuchindustrie ist.