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Der Augenzeuge des Wandels

Von der Savanne in die klirrende Kälte der Arktis: Seit Ende 2011 ist Fotograf Markus Mauthe rund um den Erdball unterwegs. Im Interview erzählt er, was ihn berührt und was ihn wütend macht.

Herr Mauthe, Sie reisen seit einem guten Jahr mit der Kamera um die Welt. Wie ist bis jetzt Ihre Bilanz?
Ich bin sehr zufrieden. Sieben Reisen habe ich bereits hinter mir, von Kanada über die weiße Wüste in Ägypten bis hin zu Sibirien. Bei den ganzen Unternehmungen hätte ich mir schon zehnmal das Bein brechen können. Doch bis auf einen Schnupfen habe ich alles gut überstanden, da hat meine Kamera mehr gelitten. Zweimal habe ich sie geschrottet, einmal in Amazonien, wo sie auf einen Stein im Fluss fiel, und das nächste Mal in Patagonien, wo sie auf ein Eisfeld donnerte.

Welche Reise hat sie bis jetzt am meisten berührt?
Ich komme gerade von der Reise nach Patagonien zurück und bin noch völlig beeindruckt von der Schönheit dieses Landstrichs. Hinter den beiden markanten Bergen, dem Fitz Roy und dem Cerro Torre, an der Grenze zwischen Argentinien und Chile liegt die größte Eisfläche außerhalb der Arktis und Antarktis. In diesem eisigen Weiß gibt es keine Spuren des Menschen, keine Lichter, keine Luftverschmutzung. Hier erlebt man die Erde noch pur. Wir waren genau bei Vollmond dort und das war eines der Highlights in meinem Leben: Dabei zu sein, wenn Mond dort aufgeht und die Spitze der Berge bescheint, das war gewaltig.

In Ihrem Projekt "Naturwunder Erde" wollen Sie von beiden Seiten - der Schönheit und der Verletzlichkeit der Welt - erzählen. Wo ist Ihnen besonders deutlich geworden, wie sehr der Mensch in die Natur eingreift?
Erst bei der letzten Reise in Patagonien. Vor dem Gebirge liegt ein kleines Dorf, El Chaltén. Als ich zum ersten Mal dort war, führte eine ungeteerte Straße in das verschlafene Nest, außer ein paar Rucksacktouristen fuhr niemand dorthin. Acht Jahre später gelangt man über eine große geteerte Straße nach El Chaltén, der Ort hat sich vergrößert, Hotels wurden hochgezogen, Busse mit Touristen kommen vorbei. Verglichen mit den Dingen, die anderswo passieren, ist das zwar immer noch kein immenser Eingriff. Aber das Beispiel zeigt, wie rasch der Mensch vielerorts in den vergangenen Jahrzehnten das Bild der Erde verändert hat. Auch die Serengeti hat sich stark gewandelt. Das Afrikabild, das viele im Kopf haben, gibt es außerhalb von Schutzgebieten kaum mehr.

Ist unsere Welt also mehr Naturwunder oder mehr wunde Natur?
Wenn man die Erde von heute mit der Erde vor einigen hundert Jahren vergleicht, haben wir schon viel verloren: an Ursprünglichkeit, an Artenreichtum. Es gibt zwar noch immer eine unglaubliche Fülle, Vielfalt und Schönheit, so dass unser Planet rein optisch für mich ein Naturwunder bleibt. Doch wer genau hinsieht, begreift auch, dass die Zukunft düster ist. Wenn man täglich sieht, was auf der Welt passiert, kann man nicht mehr glücklich sein. Wir gehen mit Riesenschritten einer Zukunft entgegen, in der ich nicht mehr leben möchte.

Das klingt sehr apokalyptisch.
Und wird sicher auch von vielen belächelt. Allerdings erlebe ich den Wandel intensiv. Einerseits reise ich gezielt an die schönsten Stellen der Erde, wo ich eine unglaubliche Pracht erlebe. Doch zugleich sehe ich den Niedergang. Das macht wütend, traurig und engagiert. Ich kann das alles wohl nicht ändern. Aber ich kann es festhalten und bei meinen Dia-Vorträgen im Anschluss an die Reisen auf die Bühne steigen und meinen Zuschauern beide Extreme zeigen.

Wann verarbeiten Sie die Eindrücke, die Sie auf ihren Reisen gewinnen?
Ich sauge momentan alles auf wie ein Schwamm. Damit nichts verlorengeht, versuche ich zeitnah nach den Reisen mein Blog zu schreiben. Ab Oktober 2013 beginnt meine Vortragstour, die zweieinhalb Jahre geht. Das ist ein Ventil, da verarbeite ich.

Wie viele Festplatten füllen denn ihre Aufnahmen bereits?
Ich bin sehr konsequent im Wegschmeißen. Noch vor Ort, am Abend sortiere ich aus und werfe gut zwei Drittel der Bilder weg. Insgesamt sind so bis jetzt etwa 5000 Bilder übrig geblieben.

Für alle Büromenschen, die ganz neidisch werden, wenn sie ihre Aufnahmen sehen und denken: Mensch, was hat der Mann für einen coolen Job! Was waren ihre größten Strapazen?
Was ich aktuell mache, Reisen, Fotografieren und im Umweltschutz arbeiten, ist tatsächlich mein Traumjob. Aber er hat seinen Preis. Ich führe ein unstetes, ein Nomadenleben. Ich bin immer auf der Suche nach dem idealen Licht, die Jagd nach dem perfekten Motiv treibt mich an. In Patagonien habe ich zum Teil nur zwei Stunden geschlafen. Bis halb zwei in der Nacht war ich mit der Kamera unterwegs, beim ersten Morgenlicht bin ich wieder aufgestanden. Das fordert seinen Tribut, auch körperlich. In Tasmanien wollte ich die Regenwälder von oben fotografieren und habe daher einen Berg erklommen. Vier Tage lang war ich allein unterwegs, mit 30 Kilo Ausrüstung und Proviant auf dem Rücken. Die Wanderung hat mich an meine Grenze gebracht, danach brauchte ich zwei Tage Ruhe.

Haben die Reisen den Mensch Markus Mauthe verändert?
Wie die Welt funktioniert, wie alles zusammenhängt, habe ich in den vergangenen Jahrzehnten durch meine Reisen verstanden. Das hat mich geprägt, die Veränderungen der Erde treiben mich um. Wenn die Zuschauer meine Vorträge verlassen und emotional berührt sind von der Schönheit der Natur, dann habe ich schon viel erreicht. Vielleicht setzt sogar beim Einzelnen ein Umdenken ein. Im Laufe seiner Geschichte hat der Mensch immer wieder bewiesen, dass er zu Großem fähig ist. Aber der Wille muss da sein. Es gibt Alternativen, die uns ein gutes Leben ermöglichen und den Planeten nicht zerstören. Davon bin ich überzeugt.

Lea Wolz

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