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Vom Tempel ins Bordell

Es heißt, sie würden Göttinnen geopfert - doch tatsächlich werden sie von Männern sexuell missbraucht: Allein in Südindien enden jährlich 5000 junge Mädchen in der Prostitution.

Von Shaikh Azizur Rahman, Mumbai

Es ist ein Uhr morgens, und der Strom der Besucher in Mumbais Rotlichtbezirk wird allmählich dünner. Ramani wartet, auf einem Stuhl in dem hell erleuchteten Eingang des Bordells sitzend, seit mehr als sechs Stunden vergeblich auf ihren ersten Kunden der Nacht. "In den letzten drei Tagen hatte ich nur einen Kunden. Bin ja nicht gerade ein hübsches Mädchen. Aber was soll ich tun? Auf den Straßen betteln?", vertraut mir die 27-jährige Prostituierte mit dem in grellen Farben geschminkten Gesicht an.

Von den Eltern einer Göttin geopfert


Ramani wurde nicht aus freien Stücken zur Prostituierten. Im Alter von drei Jahren wurde sie, was man in Indien "Devadasi" nennt: ein Mädchen, das von seinen Eltern einer Tempelgöttin als Dienerin geopfert wird, um so ihrer Familie Glück und Segen zu bringen. "Devadasi" heißt Dienerin Gottes, doch in Wirklichkeit bedeutet es, den Tempelpriestern und wichtigen Persönlichkeiten des Dorfes sexuelle Dienste zu erweisen.

"Als ich drei Jahre alt war, opferten mich meine Eltern der Göttin 'Yellamma' (Göttin in Südindiens Karnataka), und so wurde ich zu einer 'Yogamma', einem heiligen Mädchen. Mit siebzehn wurde ich wegen meiner zwei außerehelichen Kinder Prostituierte, und nun, mit siebenundzwanzig bin ich am Ende - ich habe Aids."

Ein Viertel der Prostituierten sind Devadasis


Tausende von Mumbais Prostituierten in Kamathipura, wo etwa 60.000 Frauen und Kinder arbeiten, teilen Ramanis Geschichte. Ungefähr ein Viertel sind ehemalige Devadasis und mehr als die Hälfte der Prostituierten sind HIV-positiv.

In den vier südindischen Staaten Maharashtra, Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu arbeiten nicht weniger als 250.000 ehemalige Devadasis als Prostituierte. Das Ministerium für Frauen- und Kinderentwicklung reagierte auf einen Bericht der Indischen Menschenrechtskommission (NHRC) mit dem Auftrag an alle Bundesstaaten, die Einhaltung des Gesetzes gegen die Opferrituale streng zu überwachen. Die Statistik sagt aus, dass 50 Prozent der Devadasis in der Prostitution enden. 95 Prozent jener, die im ländlichen Raum arbeiten, verdienen nicht mehr als 1000 Rupien, das sind rund 16 Euro im Monat.

Der Priester und der Dorfälteste teilten sich das Geld


Veerappa Unoor, ein Landarbeiter aus Bijapur im Norden Karnatakas, hat vier Töchter. Er hat seine jüngste Tochter, die dreijährige Channamma, an einen Tempel in Saundatti geopfert. Dadurch erhoffte er sich Reichtum für seine Familie und die Geburt eines Sohnes. Channamma erhielt den Namen "Renuka" und viele Dorfbewohner kamen, um sich von ihr segnen zu lassen. Nach und nach verbesserte sich hierdurch der soziale und finanzielle Status der Familie.
Gemäß der Tradition wurde sie, als sie die Pubertät erreichte, zu sexuellem Verkehr mit Männern gezwungen. Ein 57-jähriger Geschäftsmann ersteigerte sie auf einer Auktion zum Preis von 5000 Rupien. Der Priester und die Dorfältesten teilten sich das Geld.

"Der alte Mann hatte schon eine Ehefrau und zwei andere Yogammas mit denen er schlief", erzählt Renuka, "es ist erniedrigend, die dritte Geliebte eines Mannes zu sein, der älter als mein Großvater ist." Kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes warf der Mann sie aus seinem Haus. Bald blieb ihr nur die Prostitution als Alternative. "Vom Tempel bekam ich keine finanzielle Hilfe und auch mein armer Vater war nicht in der Lage, mich zu unterstützen. Erst arbeitete ich als Dorfhure und dann gab ein Zuhälter meinem Vater Geld und brachte mich in ein Bordell in Mumbai, wo ich mein Leben quasi als versklavte Prostituierte friste. Ich kann weder lesen noch schreiben und habe und auch sonst keine Ausbildung."

All das für einen Platz im Himmel


Das System der Tempelopferung existiert seit Jahrhunderten. Ein Buch, geschrieben von dem indischen Gelehrten Chanakya im 4. Jahrhundert vor Christus, erzählt die Geschichte der Devadasis in indischen Tempeln. Das Ritual findet vorwiegend im Süden Indiens statt und die Hindus glauben, durch das Opfer zu Glück und Reichtum zu kommen, ihre Familien vor Unglück zu bewahren und einen Platz im Himmel zu finden. "Um möglichen rechtlichen Verfolgungen zu entgehen, finden die Opferungen meist in abgelegenen Dörfern oder im Hause des Priesters statt", erklärt eine Sprecherin des Ministeriums für Frauen- und Kinderentwicklung. Bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts gab es Devadasis in den meisten Tempeln Südindiens. Sie mussten in den Tempeln tanzen und singen, religiöse Rituale ausführen oder andere Arbeiten erledigen. Fast immer wurden die Mädchen von den Priestern missbraucht. Eine Devadasi darf nicht heiraten, kann jedoch ihre sexuellen Dienste Männern anbieten.

Einige Soziologen vertreten die Meinung, dass dieses System von der Elitekaste eingeführt wurde, um einen religiös abgesegneten Zugang zu den Frauen der unteren Kasten, zu denen die Devadasis fast immer gehören, zu bekommen. Den Mädchen versichert man, dass sie durch ihre Dienste an der Göttin Yellamma und an den Priestern im nächsten Leben als "Brahmin", als ein Mitglied der höheren Kaste wiedergeboren werden.

Rehabilitierungsprogramm der Regierung


Die indische Regierung hat durch ein Angebot von 10.000 Rupien an jeden Mann, der gewillt war, eine Devadasi zu heiraten, versucht, den Abstieg der Devadasis in die Prostitution aufzuhalten, leider ohne Erfolg. Narayan Huggar, ein Blumenverkäufer in Saundatti fragt dazu: "Welcher Mann hat schon Lust, eine Hure mit ein paar unehelichen Kindern zu heiraten?" Die Regierung bietet außerdem mithilfe von NGOs Rehabilitierungsprogramme in Form von Nähkursen, Weben oder Kerzenziehen an, die aber keinen Anklang bei den jungen Devadasis finden.

"Als junge Prostituierte verdienen sie viel Geld und leisten sich einen verschwenderischen Lebensstil, während Nähen nicht viel einbringt", bedauert Palanisami Muthupandian, eine Sozialarbeiterin aus Chennai. "Da die Mädchen denken, sie hätten einen göttlichen Auftrag, spüren sie auch nicht den moralischen Druck, ihr Leben zu verändern, und dies macht eine Rehabilitation fast unmöglich."

Ein Problem der Armut


Fast alle sind der Meinung, dass Armut der Hauptgrund für das Weiterbestehen des Systems ist. "Schlechte Ernten und Krankheit - sie glauben, all dies sei das Ergebnis von Gottes Vergeltung", sagt Dr. K. G. Gurumurthy, ein Anthropologe, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat und auch ein Buch über das Devadasi-System geschrieben hat. "Wegen wiederkehrender Dürren, weit verbreitetem Alkoholismus unter Männern und lauernder Geldhaie bleiben die Missstände bei den Dalits (Hindus der niedrigen Kaste) unverändert. Solange wir nicht in der Lage sind, das sozio-ökonomische Bild dieser Dörfer zu verändern, können wir auch nicht die armen Eltern davon abhalten, ihre Kinder zu opfern."

Laut "Vimochana", einer sozialen Organisation, die für die Rehabilitation der Devadasis und ihrer Kinder arbeitet, werden in Südindien jährlich noch immer ungefähr 5000 Mädchen als Devadasis an Yellamma und andere indische Göttinnen geopfert.

Korrektur


Liebe Leser, leider uns ist im fünften Absatz ein Fehler unterlaufen. Wir haben geschrieben, 1000 Rupien seien umgerechnet zwei Euro. Das ist falsch. 1000 Rupien entsprechen rund 16 Euro. Wie bitten den Fehler zu entschuldigen, d. Red.

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