Unmittelbar nach dem Abpfiff eines Spiels haben die Schweizer Mathias Braschler und Monika Fischer die Stars der WM fotografiert. Ihr Bildband "Faces of Football" zeigt Gesichter, die von Sieg und Niederlage erzählen, von Glück und Wut, von Lust und Müdigkeit. Von Ulrike von Bülow

Die Helden des Fussballs© Mathias Braschler und Monika Fischer
Das Ganze dauert keine zehn Minuten, dann ist er wieder weg. Was von ihm bleibt, sind ein paar Grasbüschel, die sich von den fingerdicken Stollen seiner Schuhe verabschiedet haben, eine Schweißpfütze, die etwa so groß ist wie ein Zwei-Euro-Stück, und ein Bild, das alles sagt.
Es zeigt ein Gesicht mit glanzlosen Augen und kantigen Wangen, fast ein bisschen ausgemergelt sieht es aus. Ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich höre auf, steht darin geschrieben.
Am 25. April hat Zinédine Zidane seinen Rücktritt angekündigt, aber das Bild, das diesen Rücktritt erklärt, entstand im März in Madrid, in den Katakomben des Stadions Santiago Bernabéu.
Real hatte gegen Betis Sevilla gespielt, ein müdes 0 : 0. Kurz nach dem Abpfiff betrat Zidane einen Raum, der vermutlich nicht halb so groß war wie das Gästeklo bei ihm zu Hause. Dort hatten Mathias Braschler und Monika Fischer ihr mobiles Fotostudio aufgebaut, das sie nun schon seit Monaten durch die Fußballwelt schleppen. Zinédine Zidane, 33, trug Drei-Tage-Bart, Drei-Tage-Haar und das weiße Trikot mit der schwarzen 5 darauf. "Bonjour", sagte er, angenehm sonor war seine Stimme, und er blickte sich kurz um.

Monika Fischer während des Spiels Real Madrid gegen Betis Sevilla auf der Pressetribüne des Estadio Santiago Bernabéu. Und Mathias Braschler in den Katakomben beim Einrichten des Studios, in dem Zinédine Zidane nach dem Abpfiff fotografiert wird.© Mathias Braschler und Monika Fischer
Vor der Leinwand, einer dunkelgrauen Pappe, gehalten von zwei Ständern, waren mit hautfarbenem Klebeband zwei Rechtecke am Boden markiert, "da bitte mit den Füßen reinstellen", sagte Mathias Braschler auf Französisch. "Okay", sagte Zinédine Zidane. "Und jetzt einfach in die Kamera gucken, ganz ruhig, okay?", sagte Braschler. "Kein Problem", sagte Zidane. Braschler machte ein Polaroid und gab es Monika Fischer, dann verschoss er fünf Filmkassetten mit jeweils zwei Bildern - und das war's.
Mathias Braschler und Monika Fischer kommen aus der Schweiz, sie sind Partner im Leben und im Beruf, und ihre Idee ist grandios. Die Großmeister des Fußballs, direkt nach dem Spiel in Schwarzweiß fotografiert. Kein Makeup, keine Hochglanzinszenierung. Die männlichen Supermodels unserer Zeit, reduziert auf das, was sie sind: Typen, die Sport treiben. "Es geht um den Moment", sagt Braschler, "der Spieler ist quasi nackt, wehrlos."
In ihrem Bildband "Faces of Football" zeigen Braschler und Fischer 30 Männer, deren Gesichter von Sieg und Niederlage erzählen, von Freude und Wut, von Lust und Müdigkeit, offen und ehrlich.
Man sieht Andrej Schewtschenko mit der Miene eines ukrainischen Auftragskillers auf dem Weg zur Arbeit; der Schiedsrichter hatte ihm kurz vor Schluss des Spiels Milan gegen Sampdoria einen Elfmeter verwehrt, so blieb es bei einem 1 : 1, und Schewtschenko fluchte immer noch, als er zum Shooting kam. Oder Ronaldo, Schweißperlen auf der Haut, Schatten unter den Augen, der stinkig guckt, weil er eine halbe Stunde früher als erwartet vor der Kamera auflaufen musste; Reals Trainer hatte ihn gegen Alavés in der 60. Minute ausgewechselt, und Ronaldo motzte hinterher, er wolle den Verein verlassen. Und man sieht Ronaldinho; der hatte mit Barcelona 5 : 0 gegen Real Sociedad gewonnen, bevor er bei Braschler vorbeischaute, sehr gesprächig: "Ihr seid aus der Schweiz? Mein Bruder hat mal beim FC Sion gespielt. Hab ihn besucht, schön da! Ich muss jetzt nicht ernst gucken, oder?"
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2006