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Bert Stern - Der Pop-Fotograf

Bert Stern fotografierte Marilyn Monroe wenige Wochen vor ihrem Tod. "Es sollten Modefotos werden, aber sie fragte: Wollen Sie mich nackt?" Mit der Fotoserie "Last Sitting" wurde Stern zum ersten Pop-Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Von Jochen Siemens

  • Jochen Siemens

Manchmal macht man im Leben eine Tür auf, schaut dahinter und weiß, dass der Weg der falsche ist. Bei dem 20-jährigen Art Director Bertram Stern war das so an einem Tag im Jahr 1949. Er hatte sich seine erste Kamera, eine Contax, gekauft und wusste nicht so genau, wie sie eigentlich funktionierte. Stern hatte die vergangenen drei Jahre damit verbracht, Fotos auf Layouts hin und her zu schieben, Ausschnitte zu suchen und Doppelseiten zu komponieren. Fotografen, das waren für ihn eine Art Lieferanten eines Stoffes, aus dem er dann schöne Seiten machte. Aber nun hatte er diese Contax, nahm sich einen Tag Zeit und wanderte in der Bowery, diesem armen Stadtteil Manhattans, entlang Chinatown und Little Italy, eine Gegend mit Bordellen und Obdachlosen, und Stern fotografierte diese Hobos in den Hauseingängen und Hinterhöfen. In seinem Büro ließ er große Abzüge der Bilder machen, hängte sie auf, starrte ein paar Tage lang darauf - und warf sie weg. Das sollte Sterns einziger Besuch in der Wirklichkeit der Straße - oder besser, in der Wirklichkeit überhaupt - bleiben. "Die Fotografie", sagte er später einmal, "ist auch die Macht, das Hässliche auszublenden."

Nein, ein dokumentarischer Fotograf sollte Bert Stern nie werden. Auch wenn sein später berühmtestes Werk beinahe ganz dokumentarisch war, aber diese Geschichte des Zufalls und der Champagnerflaschen sei später erzählt. Damals, Anfang der 50er Jahre, war die Bilderwelt der Zeitungen voll von Wahrheitsfotos, die Fotografie war ein unermüdlicher Transporteur von Wirklichkeiten. Kriege, Expeditionen, Armut, Katastrophen oder der ganz normale Alltag - die Fotografie rückte die Welt näher zusammen, weil sie sie betrachten ließ. Die andere Fotografie, das manipulierte Umsetzen visueller Fantasie in der Glamour- und Modefotografie, war noch jung, und Zeitschriften wie die "Vogue" gestalteten ihre Seiten auch immer noch mit Illustrationen, um die Wunschwelt Mode zu betonen. Raue Wirklichkeit auf der einen, überhaupt keine Wirklichkeit auf der anderen Seite. Es sollte der junge Art Director Bert Stern sein, der als einer der Ersten diese Grenzen überschritt und damit zu einem jener Fotografen wurde, die im 20. Jahrhundert ein ganz neues Genre erfanden: die Popfotografie.

Glückliche Amerikaner mit glücklicher Zahncreme

Es gab sie damals schon, die Starfotografie. Hollywood hatte Helden, und die Menschen kauften sich Zeitschriften, um Bilder von Spencer Tracy, John Wayne oder Lauren Bacall zu sehen. Doch das waren Ikonenabbildungen in steifen Posen, gemacht für kleine Poster und Autogrammkarten, fast immer in Schwarz-Weiß, Leben hatten sie nicht. Und daneben gab es Werbung. Selten mit einem Foto, meistens illustriert, glückliche Amerikaner mit glücklicher Zahncreme oder glücklichem Waschpulver.

In der Poststelle der "Look"

Werbung war in den 40er und 50er Jahren noch eine Art Bekanntmachung der Produktvorteile, nichts weiter. In diese Welt kam der junge Bert Stern, geboren 1929 in Brooklyn und schon als kleiner Junge Verteiler von Werbezetteln für das Fotostudio auf der anderen Seite der Straße. Seinen Vater überraschte Stern eines Tages mit einem ganzen Stapel selbst gezeichneter Comics. Davon wolle er leben, verkündete der Junge. Der Vater, ein großer Skeptiker in Sachen Kunst, brachte seinen Sohn - Bert war 17 - nach Manhattan und verschaffte ihm eine Arbeit in der Poststelle der Zeitschrift "Look". Soll er doch mal sehen, wie sie hier leben, die armen Künstler und Maler in Greenwich Village, dachte er sich.

Schon nach ein paar Tagen, Stern lieferte die Post in der Redaktion von "Look" aus, blickte er auf ein Layout, das auf dem Tisch lag, schaute den Art Director an und sagte: "Das kann man besser machen." Hershel Bramson, der Art Director, war amüsiert, und es entwickelte sich eine intensive Arbeitspartnerschaft zwischen dem Mann und dem Jungen. Nächtelang tüftelten sie im Büro an Fotos, komponierten Bildstrecken, und immer wieder fiel der Satz: "Wenn wir einen Fotografen hätten, der das könnte." Das fand auch ein anderer Mitarbeiter von "Look" - mit dem Namen Stanley Kubrick. Dabei gab es Fotografen genug, große Fotografen. Horst P. Horst fotografierte Mode wie Kunstbilder, Irving Penn schuf in seinem Studio Fotoklassiker, Feininger war da, Kertész kletterte im Hafen umher, bei "Life" und "Look" standen sie Schlange. Aber keiner sollte so respektlos mit der Wirklichkeit verfahren, wie der junge Bert Stern es dann tat. Schon 1953, mit seinem ersten Foto, setzte er diese Respektlosigkeit bildhaft um. In einem Werbefoto.

Und, auch das noch, für eine Wodkamarke, einen russischen Schnaps also, der in den ersten frostigen Jahren des Kalten Kriegs in den USA wie Feindmunition in den Läden stand. Stern, nach zwei Jahren in der US-Armee aus Japan zurückgekehrt, saß in einer Werbeagentur mit der eigentlich unlösbaren Aufgabe, einen Wodka zu bebildern. Die heute alltägliche Kunst der Werbung, nicht auf das Produkt zu zeigen, sondern Suggestionen, Stimmungen, herzustellen, war 1953 noch völlig unbekannt. Stern abstrahierte und kombinierte, russischer Wodka konnte nur über den uramerikanischen Martini-Cocktail positiv besetzt werden, und ein Martini-Cocktail musste immer "dry", trocken, sein. Also, ein Amerikaner mit einem Cocktail an einem trockenen Ort, in der Wüste eben.

Nachdem viele Fotografen den Auftrag abgelehnt hatten, sagte Stern: "Dann mache ich das eben selbst", und fuhr mit einer Kamera und etlichen Flaschen Smirnoff-Wodka in die Wüste von New Mexico, heuerte ein männliches Modell an und scheiterte erst mal, weil er das schnelle Licht am frühen Morgen nicht bändigen konnte. Drei, vier Tage fotografierte er gegen die eilig aufgehende Sonne an, bis ihm die Idee kam, das Sonnenlicht des Abends zu nutzen, dessen allmähliches Verdämmern viel besser geeignet war. Das war der Beginn von Bert Sterns Fotoschule. "Ich habe deshalb später fast nie mit Blitzen gearbeitet", sagt er.

Das Smirnoff-Foto war ein Meilenstein. Die Werbewelt überschlug sich, die Fotografenwelt auch, aber aus Entrüstung. Denn Werbung war damals immer noch der "Feind", das Wort Reklame kam gestandenen Fotografen wie Galle über die Lippen. "Ich habe damals nie über den Unterschied nachgedacht", sagt Bert Stern heute, "ein Foto war ein Foto, und die Kamera wurde mein Werkzeug. Ich habe sie seitdem nie wieder aus der Hand gelegt."

"Der Mann, der Ideen ein Bild gibt"

Stern lebt heute außerhalb von New York und hat nur noch ein kleines Arbeitsbüro direkt am Hudson-River. Hier arbeitet er, um sein großes Archiv zu digitalisieren, Fotos macht der 78-Jährige nur noch gelegentlich, dann aber mit großer Energie. Seine Haare sind hellgrau geworden, er bewegt sich langsam, seine Stimme ist leise. Was damals, 1953, begann, sollte schon bald zu einem Schaffensorkan werden. Über Jahre war Bert Stern einer der gefragtesten Fotografen Amerikas, aus seinem Auge wurde ein Studio, bald eine Bilderfabrik, dann noch eine Filmproduktion, ein eigenes Fotogeschäft und, und, und.

Aber der Reihe nach. "Der Mann, der Ideen ein Bild gibt", wurde oft über Stern gesagt. Alexander Liberman, der frühere Art Director der amerikanischen "Vogue", beschreibt es so: "Bert konnte in ein italienisches Hotel gehen und mit seinen Fotos das Gefühl einer Frau auf der Suche nach einem romantischen Abenteuer einfangen." Egal, was er wirklich in dem Hotel sah - Stern baute sich seine Geschichten schon irgendwie und fotografierte mit klaren grafischen Linien. Das Ergebnis: Bildarchitektur. "Mir war die Form immer wichtiger als der Inhalt", sagt er, auch so ein Satz, für den andere Fotografen nur die Nase rümpfen. Aber die Zeiten gaben Stern, zumindest im Erfolg, recht. Er hatte früh eine gewisse kreative Rücksichtslosigkeit entwickelt, das Foto war sein Ziel, nichts anderes.

Stern wurde selbst zum Popstar

Schon bald nach der Smirnoff-Werbung stand das Telefon bei Stern nicht mehr still. Die von ihm geschaffene Emanzipation des Werbefotos zum ästhetischen Wert war wie eine Revolution, und auf einmal entdeckten beide Seiten, die Werbung und die Zeitschriftenredaktionen, die suggestive Kraft, die Stern erzeugen konnte. Schon bald waren Marken wie Pepsi-Cola, VW, United Airlines genauso seine Kunden wie die "Vogue", "Life" und andere Zeitschriften. Und Stern selbst wurde zum Popstar und inszenierte sich in dieser Rolle mal als rastloser Workaholic mit der Kamera, mal als stiller Porträtist im Hintergrund von Louis Armstrong, Audrey Hepburn oder Liz Taylor und Richard Burton. Stern wusste immer "how to push the right button", welchen Knopf er drücken musste.

Anders als viele andere Fotografen seiner Zeit versuchte Stern gar nicht erst, irgendeinen künstlerischen oder theoretischen Nerv seiner Arbeit zu formulieren. Es gab keinen, er arbeitete für Massenmedien, und dafür schrieb er sich eigene Gesetze. "Wenn ich ein Porträtfoto mache, versuche ich mich in den hineinzuversetzen, der das Bild sehen wird, und denke dabei, was ich genau jetzt fühle, soll auch der Betrachter fühlen." Das war nicht nur in der Werbung neu, sondern auch in der Glamourfotografie Hollywoods. Stern simulierte eine Nähe, die es nicht gab, die aber auf seinen Bildern entstand. Und Hollywood, schon damals ein Menschenberg platzender Egos, spielte mit, weil der Film genau diese Inszenierung brauchte.

Allein mit der Monroe - drei Tage lang

Käme heute ein Fotograf auf die Idee, Tom Cruise oder George Clooney zu fragen, ob sie sich einmal als der jeweils andere verkleiden könnten, wäre das Gespräch schneller beendet als die Frage ausgesprochen. In den Sechzigern fragte Stern das Leinwandstars für die Zeitschrift "Life", und weil man sich lieber umbrachte, als Stern eine Bitte abzuschlagen, machten sie mit. Cary Grant als Charlie Chaplin, Paul Newman als Errol Flynn - Stern hatte zielsicher den Nerv getroffen und mit einer Technik und Finesse spielerisch genutzt, von der Starfotografen wie Annie Leibovitz oder Mark Seliger immer noch zehren. Und so kam es, dass Sterns Ruf und Ruhm ihm 1962 eine Verabredung einbrachten, die bis heute sein Lebenswerk markiert. Im Triumph wie in der Tragödie.

Die "Vogue" wollte, dass Stern Marilyn Monroe erstmals für das Heft fotografiert. Man verabredete sich im Hotel Bel Air, die Monroe wusste, welch mächtigen Fotografen sie vor sich hatte, und Bert Stern wusste, wen er vor sich hatte. "Ich kann sagen, dass ich einfach wahnsinnig in sie verliebt war", sagt er heute. Fotograf und Star blieben allein, drei Tage lang, nur eine Kiste Champagner, 53er Dom Perignon, kam in das Zimmer, und sie fragte: "Wollen sie Nacktfotos?" Marilyn Monroe war in jenen Tagen schon in der tief depressiven Phase ihres Lebens angekommen, sie taumelte seelisch. Ein paar Tage zuvor war sie vom Set des nie beendeten Films "Something's Got to Give" gefeuert worden. Sie zog sich aus, und Stern fotografierte. Wieder mal eine Suggestion, wie er glaubte, in Wahrheit eine Dokumentation, wie die Monroe sie wollte. Es entstanden 2600 Fotos, sechs Wochen später war Marilyn Monroe tot.

Stern fühlte sich nie im Unrecht

Stern nannte seine Bilder "The last Sitting", was nicht ganz stimmte, denn Monroe ließ sich noch mehrmals fotografieren, allerdings nicht in dieser Intensität. Und nicht nackt. Und sie versuchte noch, die Bilder zu kontrollieren, mit einer Haarnadel und mit Nagellack durchkreuzte sie auf den Kontaktbögen die Aufnahmen, die sie nicht veröffentlicht haben wollte. Dass Bert Stern nach Monroes Tod alle, auch die zensierten Fotos, in einem Buch und unzähligen Zeitschriften veröffentlichte, führte erstmals zu hitzigen Diskussionen über die Rechte am eigenen Bild und ob diese über den Tod hinaus gelten. Doch 1962 gab es noch keine Gesetze dafür, und es gab auch keine Kläger - die intime Prominentenfotografie war noch unschuldig, und auch Stern fühlte sich nie im Unrecht. Im Gegenteil, die Seelenansichten der Monroe hätten der Welt ihre Verletzbarkeit gezeigt, sagt er, sie seien auch ein Dokument der Zerstörung. Seltsam bleibt nur, wie sehr der Illusionsfotograf Stern hier auf einem Realismus beharrte, den er sonst so konsequent ignorierte.

Aber was sollte er machen? Die Wucht, mit der die Monroe zur Ikone wurde, konnte auch Bert Stern nicht bremsen, die Bilder entglitten ihm an ein Publikum, dessen Hunger immer größer wurde und das immer mehr sehen wollte. Dass aus heutiger Sicht Fotos über ihre entlarvende Wirkung auch Schuld tragen können, fällt ihm schwer zu akzeptieren. Sein Konzept der Fotografie war anders: "Es ist meine Art, mir eine Kinderwelt zu erhalten, die aus Fantasie und Wundern besteht. Ich bin noch heute beeindruckt, wie schön und aufregend die Welt durch eine Kamera aussehen kann."

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