Bert Stern - Der Pop-Fotograf

18. September 2007, 17:14 Uhr

Bert Stern fotografierte Marilyn Monroe wenige Wochen vor ihrem Tod. "Es sollten Modefotos werden, aber sie fragte: Wollen Sie mich nackt?" Mit der Fotoserie "Last Sitting" wurde Stern zum ersten Pop-Fotografen des 20. Jahrhunderts. Von Jochen Siemens

Bert Stern bei Werbeaufnahmen in der Wüste bei Kairo, 1959©

Manchmal macht man im Leben eine Tür auf, schaut dahinter und weiß, dass der Weg der falsche ist. Bei dem 20-jährigen Art Director Bertram Stern war das so an einem Tag im Jahr 1949. Er hatte sich seine erste Kamera, eine Contax, gekauft und wusste nicht so genau, wie sie eigentlich funktionierte. Stern hatte die vergangenen drei Jahre damit verbracht, Fotos auf Layouts hin und her zu schieben, Ausschnitte zu suchen und Doppelseiten zu komponieren. Fotografen, das waren für ihn eine Art Lieferanten eines Stoffes, aus dem er dann schöne Seiten machte. Aber nun hatte er diese Contax, nahm sich einen Tag Zeit und wanderte in der Bowery, diesem armen Stadtteil Manhattans, entlang Chinatown und Little Italy, eine Gegend mit Bordellen und Obdachlosen, und Stern fotografierte diese Hobos in den Hauseingängen und Hinterhöfen. In seinem Büro ließ er große Abzüge der Bilder machen, hängte sie auf, starrte ein paar Tage lang darauf - und warf sie weg. Das sollte Sterns einziger Besuch in der Wirklichkeit der Straße - oder besser, in der Wirklichkeit überhaupt - bleiben. "Die Fotografie", sagte er später einmal, "ist auch die Macht, das Hässliche auszublenden."

Nein, ein dokumentarischer Fotograf sollte Bert Stern nie werden. Auch wenn sein später berühmtestes Werk beinahe ganz dokumentarisch war, aber diese Geschichte des Zufalls und der Champagnerflaschen sei später erzählt. Damals, Anfang der 50er Jahre, war die Bilderwelt der Zeitungen voll von Wahrheitsfotos, die Fotografie war ein unermüdlicher Transporteur von Wirklichkeiten. Kriege, Expeditionen, Armut, Katastrophen oder der ganz normale Alltag - die Fotografie rückte die Welt näher zusammen, weil sie sie betrachten ließ. Die andere Fotografie, das manipulierte Umsetzen visueller Fantasie in der Glamour- und Modefotografie, war noch jung, und Zeitschriften wie die "Vogue" gestalteten ihre Seiten auch immer noch mit Illustrationen, um die Wunschwelt Mode zu betonen. Raue Wirklichkeit auf der einen, überhaupt keine Wirklichkeit auf der anderen Seite. Es sollte der junge Art Director Bert Stern sein, der als einer der Ersten diese Grenzen überschritt und damit zu einem jener Fotografen wurde, die im 20. Jahrhundert ein ganz neues Genre erfanden: die Popfotografie.

Glückliche Amerikaner mit glücklicher Zahncreme

Es gab sie damals schon, die Starfotografie. Hollywood hatte Helden, und die Menschen kauften sich Zeitschriften, um Bilder von Spencer Tracy, John Wayne oder Lauren Bacall zu sehen. Doch das waren Ikonenabbildungen in steifen Posen, gemacht für kleine Poster und Autogrammkarten, fast immer in Schwarz-Weiß, Leben hatten sie nicht. Und daneben gab es Werbung. Selten mit einem Foto, meistens illustriert, glückliche Amerikaner mit glücklicher Zahncreme oder glücklichem Waschpulver.

In der Poststelle der "Look"

Werbung war in den 40er und 50er Jahren noch eine Art Bekanntmachung der Produktvorteile, nichts weiter. In diese Welt kam der junge Bert Stern, geboren 1929 in Brooklyn und schon als kleiner Junge Verteiler von Werbezetteln für das Fotostudio auf der anderen Seite der Straße. Seinen Vater überraschte Stern eines Tages mit einem ganzen Stapel selbst gezeichneter Comics. Davon wolle er leben, verkündete der Junge. Der Vater, ein großer Skeptiker in Sachen Kunst, brachte seinen Sohn - Bert war 17 - nach Manhattan und verschaffte ihm eine Arbeit in der Poststelle der Zeitschrift "Look". Soll er doch mal sehen, wie sie hier leben, die armen Künstler und Maler in Greenwich Village, dachte er sich.

Am Ende vom "Last Sitting" fotografiert Stern sich und Marilyn in einem Spiegel im Hotel Bel Air, 1962©

Schon nach ein paar Tagen, Stern lieferte die Post in der Redaktion von "Look" aus, blickte er auf ein Layout, das auf dem Tisch lag, schaute den Art Director an und sagte: "Das kann man besser machen." Hershel Bramson, der Art Director, war amüsiert, und es entwickelte sich eine intensive Arbeitspartnerschaft zwischen dem Mann und dem Jungen. Nächtelang tüftelten sie im Büro an Fotos, komponierten Bildstrecken, und immer wieder fiel der Satz: "Wenn wir einen Fotografen hätten, der das könnte." Das fand auch ein anderer Mitarbeiter von "Look" - mit dem Namen Stanley Kubrick. Dabei gab es Fotografen genug, große Fotografen. Horst P. Horst fotografierte Mode wie Kunstbilder, Irving Penn schuf in seinem Studio Fotoklassiker, Feininger war da, Kertész kletterte im Hafen umher, bei "Life" und "Look" standen sie Schlange. Aber keiner sollte so respektlos mit der Wirklichkeit verfahren, wie der junge Bert Stern es dann tat. Schon 1953, mit seinem ersten Foto, setzte er diese Respektlosigkeit bildhaft um. In einem Werbefoto.

Und, auch das noch, für eine Wodkamarke, einen russischen Schnaps also, der in den ersten frostigen Jahren des Kalten Kriegs in den USA wie Feindmunition in den Läden stand. Stern, nach zwei Jahren in der US-Armee aus Japan zurückgekehrt, saß in einer Werbeagentur mit der eigentlich unlösbaren Aufgabe, einen Wodka zu bebildern. Die heute alltägliche Kunst der Werbung, nicht auf das Produkt zu zeigen, sondern Suggestionen, Stimmungen, herzustellen, war 1953 noch völlig unbekannt. Stern abstrahierte und kombinierte, russischer Wodka konnte nur über den uramerikanischen Martini-Cocktail positiv besetzt werden, und ein Martini-Cocktail musste immer "dry", trocken, sein. Also, ein Amerikaner mit einem Cocktail an einem trockenen Ort, in der Wüste eben.

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