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14. März 2005, 18:16 Uhr

Elliott Erwitt

Alle Fotografen sind Jäger des Sekundenbruchteils, aber was Elliott Erwitt auszeichnet, ist die Fähigkeit zu erahnen, was das Objekt seines fotografischen Interesses wohl als Nächstes tun wird.

Selbstporträt von Elliott Erwitt, East Hampton, New York, 1998© Elliott Erwitt

Es ist sehr lange her, irgendwann Anfang der 70er Jahre, da trafen sich in New York ein Journalist und ein Fotograf, und der Journalist sagte, er schreibe vielleicht ein Buch über Elliott Erwitt, "12 000 Wörter", so die damaligen Längenangaben für Texte. Der Fotograf stöhnte leise, "in all den Jahren, die ich ihn kenne, hat Elliott nicht einmal 12 000 Wörter gesprochen".

Elliott Erwitt ist heute 76 Jahre alt, und wenn man ihn nach dieser Geschichte fragt, lächelt er kurz, sagt "hmm" und "tja" und dann - nichts. Nun ist es nicht so, dass der Mann ein misanthropischer Einsiedler ist, der nicht mit Menschen reden will, im Gegenteil, wenn er spricht, dann immer mit einem Lächeln um den Mund. Aber warum soll er mehr sagen als nötig? Es gibt viel zu viele Menschen, die viel zu viel reden. Erwitt schaut ihnen zu, vertraut seinen Augen mehr als seinen Ohren und macht im Übrigen wenig Aufhebens um sich. So hat er seinen Beruf Fotograf schließlich mal gelernt. "Es war ja immer wichtig, dass die Menschen vergessen, dass ich sie fotografiere. Wenn ich immer geredet hätte, wäre ich der Mittelpunkt gewesen, und dann bekommen Sie kein gutes Foto. Als Fotograf muss man unsichtbar und lautlos sein", sagt er.

Elliott Erwitt lebt heute mit seiner vierten Frau Pia Frankenberg in einer großen Wohnung am New Yorker Central Park, aus seinem Fenster kann er fast den ganzen Park sehen, und wenn er sich umdreht, kann er einen großen Teil seines Lebens überblicken, denn die Wohnung ist bis unter die Decke voll mit seinen Bildern. Fragt man ihn, ob er irgendeine Ahnung hat, wie viele Aufnahmen er gemacht hat, überlegt er lange, "meinen Sie in der Werbung, als Reporter oder insgesamt ?" Also schön, als Reporter? "Hmmm", dann denkt er wieder nach, "vielleicht É, ich kann es nicht sagen." Man hätte ihn auch fragen können, wie viele Atemzüge er schon in seinem Leben gemacht hat. Fotografieren ist f…|r Erwitt so ähnlich wie atmen, er macht es immer, er hat immer eine Kamera in Reichweite, und er sagt, dass er viele seiner inzwischen klassischen Bilder erst entdeckte, als er die unzähligen Bögen mit den Kontaktabzügen durchsah. Manchmal, sagt er, wisse er auch nicht mehr ganz genau, wann und wo manches Bild entstanden sei, es seien einfach so viele.

Man kann gar nicht anders, als Erwitt beim Sprechen und Betrachten in seinen Bildern ganz genau zuzuschauen. Er ist eine Sorte Fotograf, die es bald nicht mehr geben wird. Einer, der sein Herz nahe am Auge hat und damit etwas sieht, was wir alle übersehen: die kleine Komik und kleine Leidenschaft des Alltags, die winzigen Momente, in denen Gesten und Mienen mehr sagen als alle Worte.

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