Heimweh, Heimat, Zuhause sind zentrale Themen der Bilder von Bruce Weber. Wirklich jedes der Motive habe etwas damit zu tun, sagt er: "Wieder dahin zu kommen, wo man herkommt, das ist doch bei uns allen so."

Bruce Weber© Picture-Alliance
Er spricht nicht, er erzählt in langen Sätzen, holt noch eine Geschichte hervor, dann lacht er, denkt nach, und dann kommen wieder die Wörter Heimweh, Heimat, Zuhause. Ist es das, was aus seinen Fotos Bruce-Weber-Bilder macht? Ist es diese irritierend anziehende Aura, die wie ein Versprechen auf all seinen Bildern, egal ob von Hunden, Menschen oder Blumen, ruht? Man kann nicht einfach so auf ein Weber-Foto blicken, es hält einen immer fest, und man spürt, dass einem etwas durch den Kopf geht. Weber könnte auch eine leere Bierflasche fotografieren, sie hätte diesen melancholischen Glanz von Einsamkeit.
Heimweh. Ja, sagt Weber, jedes seiner Bilder, wirklich jedes habe etwas damit zu tun, "wieder dahin zu kommen, wo ich herkomme, das ist doch bei uns allen so". Aber dann, und da wird sein Blick ein bisschen verloren, zitiert er den Autor Thomas Wolfe, "You can't go home again", du kannst nicht noch mal nach Hause kommen. Und man denkt, das also ist Bruce Weber, Modefotograf, vielleicht der beste, sagen Fotokritiker. Kaum ein anderer prägte jedenfalls mit seinem Blick die 80er und 90er Jahre so sehr wie er. Mit seinen Bildern und Büchern wurde er zum Chronisten einer amerikanischen Lebenssicht, mit seinen Aufnahmen, vorwiegend in Schwarzweiß, machte er Models, Schauspieler und Sportler -zuletzt amerikanische Olympiateilnehmer - zu modernen Helden; mit seinen Filmen über Amateurboxer, die Jazzlegende Chet Baker und in diesem Jahr über seinen Hund True schuf er seinen eigenen Stil des Dokumentarfilms. Webers Bilder erzielen bei Sammlern Höchstpreise, viele seiner Bücher wie der Bildband über Rio de Janeiro sind vergriffen und nur sehr teuer auf Auktionen zu ersteigern. Sein Bildstil formte auch die moderne Werbung, markant setzte er Charaktergesichter in Szene und verschaffte Firmen wie Calvin Klein, Ralph Lauren und der Textilkette Aberchrombie & Fitch eine optische Sprache, von der sie bis heute leben. Manche sagen, Weber habe dem realen Amerika ein fotografiertes Amerika entgegengesetzt, angefüllt mit Schönheiten, Sehnsüchten und Träumen. Und dieser Mann, gemütlich wie ein alter Bär, sitzt vor einem und spricht von Heimatsuche? Man kann versuchen, mit Weber über die Technik seiner Fotografie zu sprechen, und kommt über Sätze wie "Ich benutze eine Kamera und einen Film" eigentlich nicht hinaus, denn seine Technik hat er in seinem Kopf. Es ist sein Blick und seine Suche, ein Amerika zu fotografieren, das ihn an seine Kindheit "oder an die Zeit vor zehn Jahren" erinnert.
Ehrlicher, direkter und vielleicht einfacher sei die Welt gewesen, hört man ihn denken. "Ich fotografiere heute das Land, in dem ich leben will", sagt er, und in seinen Bildern fühlt er seine Heimat. "Wenn ein Fotograf ein Porträt macht, dann macht er damit auch ein Porträt von sich selbst", und mit diesem Satz im Sinn sieht man Webers Bilder noch einmal anders, tiefer, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Ein Reisender sei er schon seit Jahren, sagt Weber, ein Reisender mit vielen Heimaten. "Wo ich bin, baue ich mir für ein paar Tage oder Wochen sofort ein kleines Zuhause", und dabei zeigt er auf den kleinen Hotelbungalow, vor dem er in Los Angeles sitzt. Sein meistbewohntes Zuhause hat er in Miami Beach, direkt am Strand, dort leben seine Hunde u nd seine Freunde, dort schaut er den Surfern zu. Ja, er braucht sie, die Welt des Strandes, der Sonne, die Ungezwungenheit und Freiheit und diese Körperlichkeit. Fragt man ihn, ob die vielen Bilder nackter Jungs auch einen homosexuellen Blick verraten, sagt er erst mal nichts und schließlich: "Ich fotografiere Männer gern ohne Kleidung, weil sie mit ihrer Körpersprache versuchen, ihre männliche Rolle zu finden." Außerdem waren es immer Männer, die seine Kindheit und sein Bild vom Leben bestimmt haben. Und dann spricht er von seinem Vater, und es klingt, als ob er wieder von dem Land erzählte, in dem er leben wollte. Mein Vater, diese Wörter fallen fast so oft wie Heimweh. Der Zweite Weltkrieg war ein Jahr vorbei, als Bruce Weber 1946 in Greensburg, Pennsylvania, geboren wurde. Sein Vater wollte eine große Karriere als Fotograf machen und reiste viel, nur an Sonntagen war er zu Hause, und Bruce Weber erinnert sich noch daran, wie er seinen Vater mit einer Kamera teilen musste, denn der Senior fotografierte alles: Menschen, Vögel, Bäume. Später sagte Weber einmal, dass er die Kamera liebte, weil sie ihn an die Seite seines Vaters brachte.