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14. Dezember 2003, 10:56 Uhr

Terry Richardson

Der Amerikaner fotografierte fettleibige Menschen in Nudisten-Camps, betrunkene Huren und Waffennarren, viel Nacktes, ungeschminkt und pickelig. Seine Bilder provozieren und bilden doch nur das normale Leben ab, sagt er.

Terry Richardson (MItte) mit 4 Doubles, 2000 (Sisley)© Terry Richardson

Herbst in New York, in ein paar Tagen ist Halloween, und es wird eine Gespensterparade geben, die hier, ganz in der Nähe von Terry Richardsons Studio, an der Bowery vorbeiziehen wird. Terry steht am Fenster, und er freut sich darauf, weil er gehört hat, dass - neben den üblichen Skeletten und Monstern - einige auch als Terry Richardson auftreten werden. Herrlich. Statt einer Sense oder eines Schaumstoffbeils werden die einen Fotoapparat schwingen, so einen billigen aus Plastik, wie Terry sie auch benutzt. Wunderbar. Wer kann schon von sich behaupten, so ein populärer Bürgerschreck zu sein. Irgendwann einmal hat sein größter Kunde, die italienische Mode-Marke Sisley, Terry-Masken aus Pappe verschenkt: In jedem von euch steckt ein Richardson, so die Botschaft. Und irgendjemand aus London hat ihm erzählt, dass dort Männer auf der Straße Mädchen ansprechen, sie seien Terry Richardson und wollten die Mädchen fotografieren. Und es gebe eine Agentur, die an ihre Kunden schlecht fotografierte Polaroids verschicke, angeblich von ihm. Hah!

Es gibt so viele Bilder auf der Welt, so viele Fotografen, die Menschen schauen und vergessen. Ihn nicht. Über ihn reden sie. Und diskutieren. Über jedes seiner Fotos. Über das nackte Mädchen, das weint. Über die Banane im Slip eines Jungen. Über das Intime, das er wie einen Jahrmarkt oder wie eine Autowerkstatt darstellt. Manche behaupten, dass seine Bilder wie der schlechte Atem alter Menschen röchen und ihr Produzent "mehr Sex als Verstand" habe. Andere wie die Weltfirmen Sisley, Gucci und Armani, die Londoner Designerin Katherine Hamnett und Zeitschriften wie "Vogue", "GQ" oder "Harper?s Bazaar" entdecken etwas anderes. Zeitgeist könnte man mit einem alten Wort sagen, Originalität, Schock und Schöpfung. Der große Helmut Newton hat auf die Frage, welcher lebende Fotograf ihn am meisten interessiert, gesagt: "Nur einer. Terry Richardson." Auf jeden Fall macht er Bilder zum Streiten. Endlich mal einer, der Grenzen überrennt, der uns unsere Moral überdenken lässt. Und unsere Toleranz.

Gut, bevor wir Antworten suchen, erst mal zu Terry selbst. Es ist leicht, von ihm irgendwelche Pappmasken zu machen, sein Gesicht ist rund, die Stirn ist hoch, er hat diese Koteletten, die fast bis zum Hals hinunterwachsen, und einen Schnauzbart, trägt ein Holzfällerhemd, und wenn vor der Tür jetzt ein Lkw schnaufen würde, hätte niemand Zweifel, dass Terry ein Trucker ist und sich Kaffee in einer Litertasse holt. So sieht er aus. Kein Model. Nicht wie ein Fotograf, überhaupt nicht, sieht man einmal von den Händen ab, die erstaunlich zart sind. In seinem Studio stehen ein Bett und eine Couch, und er hat oft gesagt, dass die Couch alle Körperflüssigkeiten kennt, die es gibt. Die Decke des Bettes in den Farben der US-Flagge kennt man von den vielen Bildern mit den nackten Mädchen, die er auf diesem Bett fotografiert hat. Von seinen Bildern weiß man auch vieles, was man jetzt nicht sieht. Die Tätowierungen auf Terrys Schulter, die Farbe seiner Unterwäsche, sein Geschlecht. Zu manchen Reporterinnen hat er gesagt, sie sollten doch bitte bis zum Abend bleiben und sich ausziehen, er werde das auch tun, und später würden sowieso alle mit allen rummachen. Heute sagt er das nicht, und man weiß auch nicht, wie ernst er so was meint. Er sagt, es sei alles Spaß gewesen und es habe ihm gefallen, wie die Mädchen rot wurden. Dann lachen Terry und seine Freunde, "yeah!"

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