Auf dem Weg zum Dach der Welt

2. Oktober 2012, 18:35 Uhr

Vor 60 Jahren erreichten erstmals zwei Menschen den Gipfel des Mount Everest. Der Fotograf George Lowe begleitete die Bergsteiger bis auf 8000 Meter Höhe. Vor kurzem öffnete er sein Archiv.

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Benedikt Böhm, Manaslu, Speed-Bergsteigen, Weltrekord, 8000er, Extremalpinist

Noch ist der Gipfel des Manaslu - links oben im Bild - weit entfernt: beim Aufstieg mit Skiern.©

Ich stehe am höchsten Punkt des Basislagers des Manaslu auf 4900 Meter", sagt Extrembergsteiger Benedikt Böhm über Satellitentelefon. "Ich sehe unten die Lager von etwa 30 anderen Expeditionen. Insgesamt rund 200 Bergsteiger." Bis zu dem verheerenden Lawinenabgang am vorletzten Wochenende waren es um ein Drittel mehr. Etliche Bergsteiger sind nach dem Unglück, das ein Dutzend Todesopfer forderte, abgezogen. "Aber es kamen auch immer noch neue Expeditionen hinzu. Das Wetterfenster für eine Besteigung ist nahezu ideal. Die Versuchung, den Gipfel zu machen, ist einfach sehr groß."

Benedikt Böhm und sein Partner Sebastian Haag wissen, dass nicht jedermann ihre Entscheidung verstehen wird, dass sie ihr Ziel trotz allem nicht aufgeben. "Aber in der Vorbereitung stecken sechs Jahre harte Arbeit. Mental, psychisch, physisch und auch finanziell. Sechs Jahre haben wir unser Leben diesem Ziel untergeordnet." Die beiden wollen nicht nur auf den 8163 Meter hohen Gipfel des Manaslu. Sie wollen es ohne künstlichen Sauerstoff schaffen. Nicht so wie fast alle anderen Alpinisten, die sich über vier Lager in fünf Tagen auf den Weg nach oben machen. Die zwei Bayern haben einen Weltrekord im Auge: In nur 16 Stunden wollen sie den Gipfel meistern. Und dann mit Ski wieder herunter.

"Das hat an diesem Berg vor uns noch keiner versucht. Das ist Neuland", sagt Böhm. Nur er selbst und sein Partner Haag haben es einmal gewagt. 2007 war das. "Wir waren super in der Zeit", sagt Böhm. Aber auf 7400 Metern Höhe mussten sie im Schneechaos umdrehen. 14 Tage waren sie eingeschneit, mussten alle zwei Stunden das Zelt freischaufeln, konnten es zwei Tage nicht verlassen. "Die Lawinengefahr war so groß, dass es genügt hätte, ein Streichholz anzuzünden, um Lawinen auszulösen. Die Enttäuschung war groß. Das nagt an uns seither."

In 15 Minuten an der Unglücksstelle

Damals drehten sie ungefähr dort um, wo am 23. September das Lawinenunglück seinen Lauf nahm. Vom Basislager aus sieht Böhm die vier Meter hohe Abrisskannte kurz unterhalb des Gipfelplateaus. Von dort donnerte die Lawine über 1000 Höhenmeter ins Tal, riss zwölf Menschen in den Tod. In der Nacht des Unglücks waren Böhm und Haag auf einer Akklimatisierungstour auf 6400 Metern Höhe. Sie schliefen im Zelt auf einer Erhöhung. Die Lawine rauschte an ihnen vorbei. Es war morgens, kurz vor 5 Uhr.

Benedikt Böhm, Manaslu, Speed-Bergsteigen, Weltrekord, 8000er, Extremalpinist

Der Weg der Lawine: Die Schneemassen verwüsteten das Lager 3. Rechts unten im Bild, das am Morgen nach dem Unglück entstand, die Helfer am Unglücksort.©

"Wir waren schon 15 Minuten später an der Unglücksstelle. Da ging gerade die Sonne auf", sagt Böhm. Per Funk und Satellitentelefon alarmierten sie Hilfe in Kathmandu. Bis sechs Stunden später die Rettungshubschrauber eintrafen, hatten sie bereits ein Dutzend halbverschüttete Bergsteiger ausgegraben, ihre Kleider und Schuhe zusammengesucht. Sie gaben ihnen zu trinken und guten Zuspruch. "Wir haben unser Bestes gegeben. Was passiert ist, können wir aber leider nicht rückgängig machen", sagt Böhm. "Dass wir helfen konnten, ist ein gutes Gefühl. Das hilft uns ungemein dabei, jetzt trotz allem weiter zu machen."

3300 Höhenmeter bis zum Gipfel

Zu verführerisch ist das Ziel Manaslu für Leute wie ihn. Böhm schwärmte schon im Vorfeld davon. "Ein wunderschöner Berg, sehr abwechslungsreich." Der lange Aufschwung über den Gletscher, dann der Eisbruch zwischen 5800 und 6500 Meter, darüber ein Kessel mit Hängen, wie fürs Skifahren gemacht, glatt, ohne Gletscherspalten, bis hinauf auf 7500 Meter, danach der Gipfelgrat. "Eine Speed-Begehung hier ist eine der härtesten Herausforderungen", sagt Böhm. "Es ist verdammt lang und es sind extrem viele Höhenmeter zu machen - über 3300."

Es ist Samstag der 29. September, als sie sich nach Wochen der Akklimatisierung auf den Weg machen, abends um 18 Uhr. "Jetzt sind die Wetterbedingungen nahezu ideal. Auch die Steilpassagen am Gipfel sind zugeschneit, sagt Böhm im letzten Gespräch über Satellitentelefon vor dem Abmarsch. Die Wetterprognose ist für die kommenden Tage gut.

Jedem Schritt wird zur Qual

In relativ hohem Tempo legen die beiden Münchener los. Aber schon bald zeigt sich, warum der Berg trotz bester Wettervorhersage unberechenbar bleibt. Solitär steht er in der Landschaft. Hier entlädt sich Schlechtwetter in all seiner Kraft und ohne Vorwarnung. "Es ist der Grund, warum es der einzige Achttausender ist, an den Hans Kammerlander nie wieder zurück kehren will", sagte Böhm noch vor dem Aufbruch.

Für die Kollegen im Basislager sind sie schnell außer Sicht. Immer stärker wird der Wind, der auch die Kälte unerträglicher macht. Dabei ist es ohnehin eine Tortur, auf dieser Höhe überhaupt zu atmen. Mit jedem Schritt wird es zur Qual. Als sie bei Lager 2 auf 6400 Meter Höhe ankommen, schließt sich den beiden ihr Freund Constantin Pade an. Der 26-jährige Memminger war schon zuvor aufgestiegen und hatte hier geschlafen.

Zu dritt gehen sie weiter. Doch aus dem Wind wird mehr und mehr ein Sturm. Constantin Pade und Sebastian Haag verlieren langsam den Anschluss an ihren Freund Benedikt Böhm. Sie können das Tempo von Böhm nicht mitgehen. Irgendwann stapft der alleine durch die Nacht nach oben. Doch der Wind wird immer stärker. Auf 7400 Metern ist es ein ausgewachsener Sturm. Messungen ergeben eine Geschwindigkeit von rund 100 Kilometer die Stunde.

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