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Ohne Dusche, Privatsphäre und Bett

Die Reise mit dem Zug ist eine günstige Alternative, doch sie verlangt ihren Passagieren auch einiges ab. Fotograf Sergej Bitsch ist insgesamt vier Wochen mit der Bahn quer durch die Ukraine gefahren und hat seine Reise fotografisch dokumentiert.

"Vogelperspektive im Zug. Um Geld zu sparen, kaufen Eltern keinen zusätzlichen Platz für Kinder und teilen den Schlafplatz miteinander", erzählt der Fotograf Sergej Bitsch.

"Vogelperspektive im Zug. Um Geld zu sparen, kaufen Eltern keinen zusätzlichen Platz für Kinder und teilen den Schlafplatz miteinander", erzählt der Fotograf Sergej Bitsch.

Beim Reisen mit der Bahn durch die Ukraine kann man ein Sprichwort wörtlich nehmen: "An jedem Halt verkaufen Omas hausgemachtes Essen. Oft schmeißt man das Geld buchstäblich 'aus dem Fenster' und kriegt auch die Tüte mit dem Snack wieder herein geschmissen", erzählt Fotograf Sergej Bitsch.

2013 reiste er vier Wochen lang für seine Abschlussarbeit mit der Bahn durch die Ukraine, jeweils eine Woche zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Seine Idee: "Ich war schon als Kind von den Zügen fasziniert, und nun hatte ich die Gelegenheit meine Eindrücke aus der Kindheit mit denen aus der Gegenwart zu vergleichen." Er wurde 1977 in der UdSSR geboren und zog erst als junger Mann nach Deutschland.

Privatsphäre adé

Vom Gefühl her sei die Fahrt vergleichbar mit der Transsibirischen Eisenbahn, sagt der Fotograf. Die Transsib fährt 9288 Kilometer und mit über 400 Haltestellen durch Russland. Die Züge seien ähnlich gebaut, nur die Strecken waren auf seiner Reise viel kürzer. Er schätzt, dass er insgesamt ca. 4000 Kilometer mit gefahren ist.

"Das Aufregende und Erschreckende zugleich ist die Tatsache, dass man nie vorhersagen kann, wie die Reise verläuft", erzählt er. "Für mehrere Tage teilst du deine Privatsphäre mit unbekannten Menschen und weißt nie, ob sie freundlich sein werden oder nicht."

Der Startpunkt seiner vier Zugfahrten war meistens Kiew. Von da aus ist er bis in den Süden des Landes nach Odessa (442 km), in den Westen nach Luhansk (595 km) oder nach Simferopol auf die Krim (667 km) gefahren. Einmal fuhr er von Lviv nach Charkiw 873 Kilometer quer durch das Land.

Reise in die Vergangenheit

Die Fahrt war eine Reise in seine Vergangenheit. "Touristen gibt es bei solchen Reisen nicht viele", erzählt er. "Denn normalerweise sind es die Einheimischen, die mit der Eisenbahn entweder in den Urlaub in die benachbarte Republik fahren oder ihre Verwandten und Freunde in der Nachbarstadt besuchen."

Bei seinen Mitreisenden hat der Fotograf meist positive Erfahrungen gemacht. "Oft war es einfach ins Gespräch zu kommen, vor allem mit den Männern. Denn wie so oft trinkt man während der Reise, und wenn man Glück hat, dann wird aus dem ganzen Wagen eine große Tafel. Jeder teilt sein Essen mit anderen, man trinkt und isst und redet miteinander." Die Passagiere waren oft neugierig wegen seiner Kamera, aber nicht alle wollten sich fotografieren lassen. 

Überleben ohne Dusche

"An sich ist es eine günstige Alternative zum Verreisen, wenn man genügend Zeit hat und dazu bereit ist, auf die Privatsphäre zu verzichten und mehrere Tage ohne Dusche überleben kann", sagt er. Doch trotz der Strapazen hat er vom Zugfahren noch nicht die Nase voll: "Irgendwann mache ich mich wieder auf den Weg und fahre mit dem Zug bis nach China."

Sergej Bitsch hat in Irkutsk (Russland) und Berlin studiert. Momentan arbeitet er als freier Fotograf auf Hochzeiten und nebenbei als Barkeeper in einem Restaurant. Sein neustes Projekt ist eine Fotoreportage über einen Berliner Dichter und eine Reise nach Weißrussland, um dort die Sportjugend zu fotografieren.

Weitere Bilder von Sergej Bitsch finden Sie auch in unserer VIEW Fotocommunity.

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