5. November 2012, 18:10 Uhr

Die Mischung macht's

Behinderte Kinder besuchen mit nicht behinderten zusammen eine Klasse - funktioniert das? Ja, zeigt eine Schule in Flensburg. Ein Beispiel, wie gemeinschaftliches Lernen gelingen kann. Von Lea Wolz

Inklusion, Schule, Waldschule Flensburg, Behinderte, zusammen lernen

Der geistig behinderte Mads (l.) lauscht gespannt dem Unterricht. Sonderschullehrerin Ive von Aspern (r.) erklärt, was die Kinder als nächstes in der Freiarbeit machen können.©

Es ist extrem ruhig in der Klasse 1 und 2 d der Waldschule Flensburg. Konzentriert blicken die Schulkinder nach vorne an die Tafel. Dort steht nicht der Lehrer, sondern ein Mitschüler: Jan-Ole, acht Jahre, schaut seine Schulkameraden der Reihe nach an. Wer angeblinzelt wird, darf nach vorne kommen - zur Morgenrunde, mit der jeder Schultag eröffnet wird. Irgendwann ist auch Mads an der Reihe. Zielstrebig bahnt er sich seinen Weg durch die Tischgruppen und stellt sich neben Jan-Ole. Der Neunjährige ist angekommen.

Was so selbstverständlich aussieht, ist es nicht: Mads ist geistig behindert. Seine Eltern, Lone und Fabian Sösemann, hatten sich bereits dafür eingesetzt, dass ihr Sohn gemeinsam mit seiner nicht behinderten Zwillingsschwester Stine den Regelkindergarten besuchen kann. "Warum sollten wir ihn nun plötzlich in der Schule von ihr und seinen Freunden trennen?", sagt sein Vater. Für die Eltern war daher klar: Mads sollte es auf der Regelschule versuchen.

Das Konzept der Waldschule gefiel den Sösemanns. Und so wurde Mads 2009 dort eingeschult. Möglich war dies, da der Schulleiter der Waldschule vor sechs Jahren einen radikalen Schnitt wagte. "Wir galten als Ausländerschule, viele Kinder hatten einen sozial schwachen Hintergrund", erinnert sich Volker Masuhr. Vor allem bildungsnahe Familien hätten der Schule den Rücken gekehrt.

Um das Ruder herumzureißen, entschied er sich, das Problem zum Prinzip zu machen. Masuhr änderte das pädagogische Konzept der Schule, fasste die ersten und zweiten Klassen jahrgangsübergreifend zusammen und öffnete die Schule für behinderte Kinder. "Es ist normal, verschieden zu sein, ist seitdem das Motto unserer Schule", sagt der Schulleiter. Für ihr innovatives Konzept und die gute pädagogische Umsetzung hat die Waldschule mittlerweile einige Preise eingeheimst.

Inklusion, Schule, Waldschule Flensburg, Behinderte, zusammen lernen

Gemeinsam mit seiner Schwester Stine besuchte Mads schon den Kindergarten. Nun sehen die beiden sich auch in der Schulpause.©

Denn hier wird bereits seit einigen Jahren erfolgreich praktiziert, was momentan vielerorts ein großes Thema ist: Inklusion, das gemeinsame Unterrichten von behinderten und nicht behinderten Schülern (s. Kasten). Knapp eine halbe Million Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gibt es hierzulande. Doch noch nicht einmal jeder Vierte davon besucht bundesweit eine Regelschule, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab.

"Dabei belegen Studien, dass vor allem Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen in inklusiven Schulen bessere Leistungen bringen", sagt Bildungsforscher Klaus Klemm, der die Studie erstellt hat. "Ist die Klasse richtig durchmischt, profitieren beide Seiten: Die Schwächeren werden mitgezogen und die Stärkeren in ihrem Lernfortschritt nicht gebremst."

Für eine gelungene Inklusion ist es Klemm zufolge nötig, alle mitzunehmen: die Kinder, die Eltern und nicht zuletzt die Lehrer. "Die Pädagogen, die eine gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern umsetzen sollen, müssen darauf anständig vorbereitet werden", sagt er. "Daran hapert es in vielen Bundesländern noch."

An der Waldschule in Flensburg ist es offensichtlich gelungen, alle Beteiligten von dem Konzept zu überzeugen. "Wir haben mittlerweile sogar Anfragen von Eltern aus dem Umland, die ihre Kinder hier einschulen wollen", sagt Masuhr. Die Schüleranzahl sei in den vergangenen Jahren gestiegen, auch Akademiker-Eltern, die früher einen weiten Bogen um die Schule gemacht hätten, habe das Schulkonzept überzeugt.

Momentan werden in der Waldschule 300 Kinder unterrichtet, 38 davon haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf - von der Sprache, über die geistige Entwicklung, bis hin zu Lernen, Hören, Sehen oder Motorik. Zusätzlich zu den Grundschullehrern sind fünf Sonderpädagogen an der Schule, dazu kommen sogenannte Integrationshelfer, die von der Stadt Flensburg bezahlt werden.

Inklusion Das Thema Inklusion gibt eine UN-Konvention vor: 2006 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, das drei Jahre später in Deutschland in Kraft trat. Demnach sollen Menschen mit Behinderungen am alltäglichen Leben teilhaben können - und dafür alle Unterstützung erhalten, die sie brauchen.

Beispiel Schule: Hier fordert die UN-Konvention eine Abkehr vom Sonderschul-Modell. Behinderte und nicht behinderte Kinder sollen zusammen lernen, kein Kind aufgrund von Handicaps vom Unterricht an der Regelschule ausgeschlossen werden. Die Theorie klingt gut, doch bei der Umsetzung hapert es in Deutschland noch in vielen Bundesländern.

In Schleswig-Holstein, dem Spitzenreiter, besucht einem Bertelsmann-Report zufolge fast die Hälfte aller Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine reguläre Schule. Auch in Berlin und Bremen ist der Anteil hoch. Auf dem letzten Platz liegt Niedersachsen: Hier werden lediglich 8,5 Prozent der Sonderschüler an Regelschulen unterrichtet.

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