Die Frau mit dem gewissen Biss

13. Dezember 2006, 14:57 Uhr

In Kochshows gibt sie gern den Paradiesvogel. Eine naive Küchenmamsell ist Sarah Wiener aber nicht: Ihr Leben vor dem Ruhm war ultrahocherhitzt - und es hat sie durchaus abgehärtet. Von Claus Lutterbeck

"Wenn der Kerner nicht mehr anruft, züchte ich halt Bioenten" - Sarah Wiener im ZDF-Kochstudio©

Die Schule war ein Martyrium, aufgepasst, sagt Sarah, habe sie in all den Jahren nur ein einziges Mal: "Als wir im Biologie-unterricht ein Schweineauge mit Skalpellen zerschneiden durften." Den Rest fand sie langweilig. "Meine Rechtschreibung war unter aller Sau" - die ist noch heute eigenwillig. Auch das Schulessen fand sie "zum Kotzen", die "widerlichen Semmelknödel" schmiss sie aus dem Fenster, einmal beschwerten sich Passanten, die getroffen wurden, bei der Direktorin.

Wien war "wahnsinnig spießig damals", sie dachte nur ans Abhauen. "Aus pubertärem Selbsthass hatte ich die absurdesten Ideen: Eine war, als weiblicher Robin Hood im Wald zu leben, frei und ohne Gesetz." Andere Eltern hätten warnend den Finger erhoben, "aber bei uns war alles anders. Meine Mutter hat gesagt: Okay, Kind, mach es!" Dann wollte das wilde Kind Schauspielerin werden, "aber in der Schauspielschule wurde mir klar, dass ich das nicht kann. Ich kann nur mich selbst spielen". Der Weg ins Fernsehen war vorprogrammiert.

Eine Woche vor dem Abitur überredete sie ein paar Klassenkameraden dazu, mit ihr nach Sizilien zu trampen. Die Jungs wurden von Interpol schnell wieder eingefangen, Sarah zog fortan allein durch Europa, ohne Abi- tur, Geld oder Sorgen. In Rom schlief sie unter einer Tiber-Brücke, "da hatte ich solchen Hunger, dass ich im Supermarkt klauen ging". In der südfranzösischen Landkommune Longo Mai hütete sie Schafe, landete irgendwann in Berlin, war mit 24 Mutter eines Sohnes und lebte von Sozialhilfe. Der zweite Versuch, das Abitur zu machen, ging wieder schief, sie schmiss kurz vor der Prüfung hin. "Das war lang mein Trauma: Du bringst nix hin." Da stand sie: ein Kind, kein Beruf, kein Geld, aber Krach mit dem Vater, in dessen Restaurant sie nun Kartoffeln schälte: "20 Jahre hat er sich nicht blicken lassen, jetzt wollte er mir sagen, was ich tun sollte." Sie mag ihn sehr; "ach, der Ossi", sagt sie, "sitzt mit einer dicken Zigarre mitten im Raum, und die Frauen kochen". Aber verzweifelt war sie nie. "Ich wusste immer, ich bin wie Unkraut, das vor sich hin wuchert, und auf einmal bricht eine wunderschöne rote Blüte auf."

Die Frauen wollen ihre Unterschrift, die Männer schreiben lieber Heiratsanträge©

Mit 25 backte sie dann einen Kuchen, der ihr Leben veränderte. Sie verkaufte ihn, er war so gut, dass sie gar nicht mehr nachkam mit dem Backen - und hatte ihre Berufung gefunden: Kochen. Fortan lernte sie von Ingrid, der zweiten Frau ihres Vaters, endlich etwas, "was mir Spaß machte: Beim Kochen ist man unterwegs und kommt nie an. Dauernd schafft man was Neues, und dann verschwindet es". Es geht chaotisch zu, wenn sie kocht. Zum Glück, sagt sie, habe sie immer Männer zum Aufräumen. Sie wohnt mit ihrem Sohn Artur zusammen in einer witzigen Mischung aus Design-Studio und WG-Bude.

Für den ersten eigenen Job sollte sie sich bei einer Werbeagentur in Kreuzberg vorstellen: "Ich dachte: Werbeagentur. Da brezelst du dich auf. Hab einen alten Unterrock angezogen, enge, hohe Stiefel, ein Russenjackerl, drüber einen lila Pelz. Die haben geschluckt: ,Wir suchen eine Köchin, kein Model."" Sie durfte trotzdem bleiben, hatte Erfolg und leckte Blut. Jetzt wollte sie eigenes Geld verdienen: Aus NVA-Beständen kaufte sie sich eine Gulaschkanone und kochte für Filmteams, die in Berlin und Umgebung drehten. Sie hatte keinen Führerschein für das olivfarbene Monstrum, das so laut war, dass die Nachbarn dauernd die Polizei riefen, aber sie steckte vergnügt den Kopf durch die Schießluke im Dach und hatte "ein Glücksgefühl wie selten, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo in dem Kasten der Strom, das Wasser oder Gas herkam".

Im Grunde segelt sie so noch immer durch ihr Leben. Hat kein Auto, aber eine Moto Guzzi. Kocht mal fürs Team Telekom bei der Tour de France, weil sie den Manager im Flugzeug getroffen hat. Richtig bekannt wurde sie 2004, als sie in der ARD-Serie "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus" die Küchenmamsell mit so viel Hingabe spielte, dass sie nachher nicht nur fünf Kilo leichter war, sondern "total fertig, ich sah aus wie 60".

Ihre zwei Restaurants in Berlin laufen gut. Ob sie nicht selbst staune, was aus der Rumtreiberin geworden ist? Sie denkt nach: "Eigentlich nicht: Wenn ich was will, dann bieg ich mir die Welt zurecht." Und wenn Kerner nicht mehr anruft? "Dann züchte ich halt Bioenten." Ein Grundstück dafür hat sie. Vom 8. Januar an ist sie in der Arte-Serie "Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener" zu sehen. Sie selbst wird die Serie wohl verpassen. Sie hat eh nie Zeit. Und keinen Fernseher.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 50/2006

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