HOME

Kolibakterien, fröhlich ausgeschenkt

Wer sich in den Biergarten setzt und eine Maß bestellt, bekommt mehr serviert, als ihm lieb sein kann: Auf dem Glasrand tummeln sich Bakterien, Keime und die Genspuren anderer Gäste. Was tun?

Von Maritta Harff und Lutz Kinkel

Es scheint ein Naturgesetz zu sein: Mit den Temperaturen steigt die Lust. Zum Beispiel auf ein frisches, kühles Bier. Gerne gleich im ganzen Liter, serviert in den schattigen Gefilden eines Biergartens. Das entspannt, jedenfalls solange man nicht allzu genau weiß, was neben dem Bier noch so alles die Kehle herunter wandert.

stern TV ließ für die Sendung am vergangenen Mittwoch die Hygiene in Biergärten von einem unabhängigen Labor testen. Und die Ergebnisse waren alles andere als appetitlich. Auf den Gläsern wurden Kolibakterien, Wasserkeime (sogenannte Pseudomonaden) und die Genspuren verschiedener Gäste nachgewiesen. Sechs von zehn getesteten Münchner Biergärten erhielten die Einstufung "hygienisch bedenklich", in Berlin fielen sogar alle zehn getesteten Lokalitäten durch. Stadtrat Eberhard Skrodzki, für Gaststätten-Hygiene zuständig, kündigte Konsequenzen an: "Wenn wir mehrfach solche Beanstandungen erleben, dann ist es natürlich so, dass diese Gaststätten erstens häufiger überprüft werden, zweitens die Bußgelder in ganz beachtliche Höhen steigen. Das kann bis zum Verbot des Bierausschankes gehen."

Prost auf das Immunsystem!

Bei dem Test untersuchte die bayerische Firma Genedia jeweils ein Weißbier- und ein normales Bierglas. Teilweise waren die Verschmutzungen schon mit bloßem Auge zu erkennen: Lippenstift und Fettschlieren zirkelten um den Glasrand. Aber erst die mikrobiologische Prüfung förderte das ganze turbulente Keimleben zutage - die möglichen Folgen für die Gäste reichen von Durchfallerkrankungen bis zu Wundinfektionen. Dass die Besucher in der Regel dennoch gesund und munter nach Hause gehen, haben sie offenkundig nur ihrem robusten Immunsystem zu verdanken.

Spülwasser als Bakterientümpel

Die Gründe für die Verschmutzung lagen für die Tester auf der Hand: Die Gläser werden in vielen Biergärten nicht richtig gereinigt. Teils werden die Gläser von Hand mit alten Bürsten in lauwarmem oder kaltem Wasser gespült - das obendrein aus Kostengründen viel zu selten gewechselt wird. Stehendes Spülwasser aber ist ein wahres Paradies für Bakterien und Keime. "Die Erreger aus der Mundschleimhaut können sich im Spülwasser anreichern und zusammen mit den typischen Wasserkeimen vermehren. Dann wird insgesamt eine hohe Keimzahl erreicht", erklärt der Hygiene-Spezialist Dr. Lutz Bader vom Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München. Der Alkoholgehalt des Bieres reicht nicht aus, um die Gläser auch nur halbwegs zu desinfizieren. Man müsste schon Schnaps trinken, um hygienetechnisch auf der sicheren Seite zu sein.

Automat schlägt Spülhände

Abhilfe verspricht die Technik. "Wir haben beobachtet, dass in Berlin überall mit der Hand gespült wird", sagte der Münchner Mediziner Klaus Waldenmeier, einer der Tester. "In München stehen Spülautomaten, und das scheint einen Einfluss zu haben." Diese Spülautomaten müssten die Gläser allerdings mit Wassertemperaturen von mindestens 70 Grad, einem guten Spülmittel und nachfolgender Klarspülung reinigen, um gute Ergebnisse zu erzielen. Und selbst wenn ein Gastronom den Kostenaufwand dafür nicht scheut, ist alles für die Katz, wenn die Bedienung gerade auf dem Klo war und sich danach nicht die Hände gewaschen hat.

Küsse für die Gäste

Hartnäckiger noch als die Keime halten sich die Genspuren der Gäste auf den Gläsern, denn sie würden sich nur mit Temperaturen ab 110 Grad und starkem mechanischen (Wasser-)Druck beseitigen lassen. Deswegen waren auf jedem Glas mehrere DNA-Spuren nachweisbar. Wer also im Biergarten sitzt, muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass er unwissentlich die ein Sammelsurium von Genen herunterschluckt - er "küsst" gleichsam die Trinkgenossen, die vor ihm am selben Glas hingen. Die Gesundheit gefährdet das nach dem Stand der Wissenschaft nicht, allerdings sollten sich Menschen, die einen Vaterschaftstest planen oder Verbrechern auf die Genspur kommen wollen, eine andere DNA-Quelle als ein Glas aus der Gastronomie aussuchen. Sie sind für spezifische Nutzernachweise genauso (un-)geeignet wie Türklinken.

... und auf dem Kindergeburtstag?

Nachdem der Beitrag bei stern TV gelaufen war, meldeten sich viele Zuschauer, denen die Biergärten allen Testergebnissen zum Trotz noch halbwegs unverdächtig erschienen. Das Spülwasser im Plastikbottich bei Kindergeburtstagen im Freien, so der Tenor, böte noch ganz andere Leckereien.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren