HOME

Zwischen Armut und herrschaftlicher Selbstversorgung

Im Laufe meines Selbstversorgerjahres durch meinen kleinen Küchengarten beschäftigte ich mich auch mit der Herkunft des Begriffes. So war ich höchst erstaunt davon zu lesen, dass der Küchengarten eine herrschaftliche "Erfindung" des 17. Jahrhunderts ist. Und nicht dort entstand, wo man ihn vermutet: nämlich als Antwort auf drohende Armut und Lebensmittelknappheit.

Der erste richtige Küchengarten, in dem Obst- und Gemüsekulturen, Treibhäuser und Fischteiche die Versorgung der Herrschaft mit Lebensmitteln gewährleistete, war ein Lust- und Küchengarten in Hannover. Aha, dachte ich mir. Deswegen versteht man mich in Österreich teilweise nicht, wenn ich von Küchengärten spreche.

Der Begriff ist kein österreichischer. Dort spricht man im Zuge der Küchengärten von Hausgärten oder Bauerngärten. Letztere schaute man sich von den Klostergärten ab.

Was ein Küchengarten ist, muss hierzulande wohl erst erklärt werden. Leider trägt er als Bauerngarten immer noch das Image von Armut in sich. Arme Menschen müssten ihr Gemüse selber anbauen, diejenigen, die Geld haben, kaufen es sich im Laden. Die richtigen Selbstversorger-Bauerngärten lagen nämlich in den entlegenen ländlichen Regionen. Gegenden, die man nicht unbedingt mit Reichtum verband. So ging ich auch von der Idee aus, dass der Küchengarten eine moderne Antwort auf sinkende Einkommen der Mittelschicht sein kann. Weil die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse sich direkt in einem Mehr in der Geldtasche ausdrückt. Neben dem Effekt, sich mit gesunden, biologisch produzierten Nahrungsmitteln zu versorgen.

Zurück zum Herzog Christian Ludwig, der diesen ersten Küchengarten auf 30 Morgen Land im Jahr 1652 errichten ließ. Zweihundert Jahre bestand dieser Nutzgarten. Und versorgte die Herrschaft mit Lebensmitteln. Erst als das Königshaus Hannover von den Preußen 1866 anektiert wurde, war eine Selbstversorgung mit dem Küchengarten damit obsolet geworden.

Wo ist dieser Platz des ersten Küchengartens heute in Hannover zu finden? Im Stadtteil Linden, Fössestraße. Der Gartenpavillon steht im Lindener Bergfriedhof und wurde vor dem Ersten Weltkrieg auf Betreiben von Bürgern umgesetzt. Heute kümmert sich ein Verein im Zuge der Stadtteilforschung um die Geschichte des ersten Küchengartens. Der Verein hat seinen Standort in eben diesem Pavillon.

Von seiner ursprünglichen Bedeutung her gesehen ermöglicht der Küchengarten also die Selbstversorgung jener Menschen, die einen solchen betreiben. Und damit stehen Haus- und Bauerngärten in ihrer Funktion dem herrschaftlichen Küchengarten um nichts nach. Allein die historische Herkunft unterscheidet diese Selbstversorger-Gärten voneinander. Der Bauerngarten ist ländlichen Ursprungs, der Küchengarten entstand in einem städtisch-herrschaftlichen Umfeld.

Was bedeutet aber Selbstversorgung? Sie bedeutet, dass man für sich selbst Sorge trägt. Dass man unabhängig ist von anderen. Und genau diesen Gedanken der Unabhängigkeit möchte ich mit dem Schreiben über Küchengärten nähren. Ein Engagement, von dem mir unlängst durch die Blume abgeraten wurde – im Land der Bauerngärten. Nahegelegt von jenen, welche die Wirtschaft als Institution vertreten, und darin eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Küchengarten-Selbstversorgung schädige das Business der Gärtner, teilte man mir mit.

Erstaunlich, wie schnell man am System rüttelt, indem man einfach nur über die Küchengarten-Selbstversorgung berichtet und das Thema vorantreiben will. Darin schon sieht so mancher Geist einen Angriff auf persönliche Interessen. Für mich das Zeichen für ein "Jetzt erst recht!".

Quelle:

http://archive.today/luUfN

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Neueste