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In der Stadt wird Wein gemacht

Teil 3: Weinmachen in der Stadt, geht das überhaupt? Klar. Jens Windisch lebt in Mainz. Sein Weinberg wächst nur 15 Minuten außerhalb. Genau dort betreibt er Fine-Tuning an seinen urbanen Tröpfchen.

Von Denise Wachter

Jens Windisch in seinem geliebten "Wingert". So sagt man zum Weinberg in Rheinland-Pfalz.

Jens Windisch in seinem geliebten "Wingert". So sagt man zum Weinberg in Rheinland-Pfalz.

Jens Windisch ist ein Draufgänger. Wieso sollte er Dinge so machen, wie sie von ihm erwartet werden? Wein macht man "ganz oder gar nicht", sagt Windisch. Und genau das setzt er auch um: ambitionierter Weinbau mit Hang zum Experimentieren. Sein Vater hatte jahrelang einen Mischbetrieb: konventioneller Ackerbau, Viehzucht, etwas Fasswein, der von Großkellereien gekauft und als Massenprodukt im Supermarkt angeboten wird. Der 28-jährige Jens Windisch hat "keine Lust auf Acker und Fasswein", deshalb konzentriert er sich auf reinen Weinbau. Genauer gesagt Flaschenwein. Denn da kommt es auf Qualität und nicht auf Masse an. Das Feld beackert nur noch sein Vater.

Mit der Liebe zur Natur und auch zum Wein ist Windisch aufgewachsen. Der Urgroßvater gründete den Hof "Weingut Werther Windisch" in Mommenheim in Rheinland-Pfalz. Seitdem liegt der 13 Hektar große Mischbetrieb in Familienhand: "Das Zusammenarbeiten mit meiner Familie macht mir sehr viel Spaß. Ich mag die Leute, die Region. Abends fahre ich zurück nach Mainz. Kann abschalten und auch mal ein Bier trinken gehen mit Freunden am Rhein", sagt der urbane Winzer.

"Das Leben in der Natur ist super schön, aber extrem stressig." Das musste er auch am eigenen Leib erfahren. Eine Nacht im Frühjahr hatte er fast nicht geschlafen, weil er ständig die Wetterstation auf seinem Laptop aktualisieren musste (es gab Bodenfrost). "Wenn Hagel oder Gewitter die jungen Reben zerstört, kann in fünf Minuten alles hin sein - fürs ganze Jahr!" Als Winzer ist man immer abhängig von der Natur. Denn die ist unberechenbar und man muss schnell reagieren. Das macht jeden Wein-Jahrgang besonders.

Die Liebe zum "Wingert"

Nach dem Abitur ging Jens Windisch für neun Monate nach Neuseeland. In der Nähe von Wellington lernte er, was es heißt, ambitionierten Weinbau zu betreiben. Eigentlich hätte er sich auch vorstellen können, Maschinenbau zu studieren. Aber die Arbeit im Weinberg ist für ihn vielschichtiger und aufregender. "Ich liebe es, im Wingert zu stehen. Aber auch die Arbeit im Weinkeller und im Büro liegt mir und ebenso die Vermarktung", sagt Windisch. Zwei Jahre dauerte seine Winzer-Ausbildung, vier Jahre sein Studium im Weinbau an der Hochschule Geisenheim im Rheingau.

Sein erster Jahrgang war 2010. Es war ein hartes Jahr, Windisch noch mitten im Studium. Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökul in Island führte dazu, dass es im Schnitt ein bis zwei Grad kühler in Europa war, als gewöhnlich. Trotzdem füllte er seine ersten 3.000 Flaschen ab und biss sich weiter durch. In diesem Jahr wird er schon 30.000 Flaschen abfüllen können.

"Ich möchte das Beste aus meinen Weinen herausholen", sagt Windisch. Diese Weinreben in Mommenheim stehen für ambitionierten Weinanbau. Die Qualität ist das, was zählt.

"Ich möchte das Beste aus meinen Weinen herausholen", sagt Windisch. Diese Weinreben in Mommenheim stehen für ambitionierten Weinanbau. Die Qualität ist das, was zählt.

"Bio ist kein Vermarktungsargument"

Windisch liebt es zu experimentieren: "Man kann sich sehr verkünsteln. Aber es macht auch sehr viel Spaß alles Mögliche auszuprobieren." So tobt er sich beispielsweise in der Begrünung aus: 60 verschiedene Pflanzenarten reihen sich zwischen den Weinreben. Würzmischungen wie Kräuter, Fenchel, Kamille, wilde Möhren, aber auch blühende Kleearten, die wichtig gegen Bodenverdichtungen sind. Seit 2007 hat Windisch nicht mehr gedüngt. Die große Artenvielfalt tut dem Wein gut: Die Trauben haben kaum Pilzbefall oder Fäulnis. Diese ökologische Ausrichtung betreibt Windisch im vierten Jahr. "Ich könnte mich zertifizieren lassen, möchte aber nicht Bio müssen. Und ich habe keinen Bock darauf, dass es ein Vermarktungsargument ist. Für mich ist das der richtige Weg Wein zu machen. Es geht um die Qualität und nicht das ein Bio-Label auf der Flasche ist und dann bei Rewe im Regal steht", sagt Windisch.

Windisch steht für Innovation und Qualität. Auch in seinem Umfeld. Ambitionierter Weinbau ist hier eher selten anzutreffen. Deshalb investiert er in neue Techniken. Am Anfang hatte der Vater nur einfache Kunststofftanks und Schläuche zum Weinmachen. Erst seit der junge Sohn in den Betrieb eingestiegen ist, gibt es Tanks aus Edelstahl und alte Holzfässer. "Ich baue mir ein Puzzle aus verschiedenen Teilen auf. Es gibt ja nicht nur die Weinberge, die ich jeweils anders ausbaue, sondern auch den Keller. Verschiedene Weinlesezeitpunkte und Verarbeitungsmethoden geben Raum für Spielereien und Experimente. Das ist großartig." Windisch investiert in Dinge, die den Wein besser machen. Das ist auch sein Anspruch: Er möchte das Beste aus seinen Weinen herausholen. Erst dann kommt die gute Kundschaft.

"Pinot Grigio? Schmeckt nicht"

Seine Hauptrebsorte ist der Silvaner. Gefolgt von Riesling, der schmeckt nach Stachelbeere, Weißburgunder, etwas Dornfelder, Bacchus und Müller-Thurgau. Grauburgunder (Pinot Grigio) kommt ihm dabei nicht in die Flasche: "Aus ökonomischen Gründen wäre es sehr schlau Pinot Grigio, den wohl meistgetrunkensten Wein auf der Welt, anzubauen. Aber ich mag den nicht. Denn er ist meist kein anspruchsvoller, facettenreicher Wein wie beispielsweise Weißburgunder. Ich möchte komplexe Weine ausbauen. Also warum sollte ich was anbauen, was mir nicht schmeckt?"

Er liebt es, den Wein im Holzfass ausreifen zu lassen: "So ein altes Stückfass gibt dem Wein einen Charakter." Noch steht Windisch am Anfang, aber er möchte seine Weine immer weiter verbessern. Mithilfe von Social Media und vor allem Facebook versucht er seine Tropfen noch besser zu vermarkten. "Facebook gehört zum Leben dazu", sagt Windisch. Die sozialen Medien sind für ihn wichtige Kommunikationskanäle. Denn sie helfen dabei, ein breites Publikum zu informieren und Bilder, Videos und Texte zu seinen Weinen zu veröffentlichen.

Noch kann er vom Wein nicht leben, aber Windisch sieht auch das pragmatisch: "Erst muss das stimmen was in der Flasche ist. Dann kommt auch alles andere."

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