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So scheinheilig kaufen wir ein

Lebensmittel sollen günstig, von hoher Qualität und regional sein. Trotzdem kaufen wir Flugmangos und werfen Lebensmittel weg. In einem offenen Brief rechnet ein Bauer mit uns Verbrauchern ab.

Von Denise Wachter

  Billig, regional, gut? Das geht nicht immer. Ein Bauer äußert sich.

Billig, regional, gut? Das geht nicht immer. Ein Bauer äußert sich.

Dass der Umgang mit Lebensmitteln und unser Essverhalten sensible Themen sind, erfahren wir immer wieder, sobald Artikel genau darüber erscheinen. Normalerweise werden die konventionellen Landwirte, die Politik und die Wirtschaft an den Pranger gestellt. Bauer Willi aus dem Rheinland dreht den Spieß nun um und schreibt einen offenen Brief an uns Verbraucher auf dem neuen Portal "Frag den Landwirt", das seit Januar 2015 online ist.

Die Community "Frag den Landwirt" umfasst mittlerweile 150 Landwirte aus ganz Deutschland, die sich in einer Facebook-Gruppe organisieren. Sie möchten den Dialog zwischen Verbrauchern und Landwirten fördern und Fragen und Anfragen von Lesern klären, die wissen wollen, wie Landwirtschaft heute funktioniert. Aber nicht nur das: Vor allem wollen sie auch einen Blick in die Seelen der Landwirte gewähren.

Bauer Willi hat die Schnauze voll

Bauer Willi tut genau das: Er gewährt einen sehr intimen Einblick in seine Gefühlswelt, denn er hat die "Schnauze voll" von der Billig-Kultur:

"Heute habe ich dermaßen die Schnauze voll. Habe heute Morgen die Abrechnung meines Nachbarn von Pommes-Kartoffeln außerhalb des Vertrages gesehen: 1 LKW = 25 t = 250 €. Für die, die nicht rechnen können: das ist 1 Cent pro Kilogramm! Und was 1 Kilo Tiefkühl-Pommes kostet, wisst ihr ja. Irgendeiner macht sich da gewaltig die Taschen voll. Dann habe ich im Internet die Preise an der MATIF für Getreide und Raps für 2015 gesehen. Und gelesen, dass die Hersteller von Dünger die Preise deutlich angehoben haben. Konsequenz: mir werden in diesem Jahr wohl 25% Gewinn fehlen werden. Wenn´s reicht! Aber mir reicht´s! Drum habe ich mich entschlossen, dir, dem Verbraucher diesen Brief zu schreiben:

Billig

Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen! Deine Lebensmittel soll genfrei, glutenfrei, lactosefrei, cholesterinfrei, kalorienarm (oder doch besser kalorienfrei?) sein, möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch. Aber stinken soll es auch nicht, und wenn organisch gedüngt wird, jedenfalls nicht bei dir. Gespritzt werden darf es natürlich nicht, muss aber top aussehen, ohne Flecken. Sind doch kleine Macken dran, lässt du es liegen. Die Landschaft soll aus vielen kleinen Parzellen bestehen, mit bunten Blumen und Schmetterlingen. Am liebsten wäre es Dir wahrscheinlich, wenn wir noch mit dem Pferd pflügen würden. Sieht doch so nett aus und Pferde findest du so süß! Und die Trecker würden dich auch nicht beim Joggen auf unseren Wirtschaftswegen behindern.

Null Ahnung

Du hast keine Ahnung und davon ganz viel. Ist dir eigentlich bewusst, dass wir Landwirte von unserer Hände Arbeit leben müssen? Dass auch wir Anspruch auf Urlaub haben, (den wir selten genug machen), dass auch wir Kinder haben, die genau wie deine, ein Smartphone haben wollen und Designerklamotten? Und studieren wollen? Wie sollen wir das den leisten, wenn wir unsere Produkte verramschen (müssen)?

Erkläre du mir mal, wie ich anders reagieren kann, als mit noch mehr ausgefeilter Technik einen noch höheren Naturalertrag zu erwirtschaften. Klar kann ich auf Bio umstellen, aber da bekomme ich genau das an Mehrerlös, was ich an Minderertrag habe. Und von einem „guten Gefühl“ allein kann ich nicht leben. Darüber lässt sich gut reden, wenn man davon keine Familie ernähren muss. (…)"

Bauer Willi geht noch weiter, genauso, wie wir scheinheilig Ansprüche stellen und dabei so billig wie nur möglich einkaufen möchten, kritisiert der Landwirt unser Einkaufverhalten zu regionalen Produkten:

Regional

Du sagst, du würdest regional einkaufen? Stimmt doch nicht! Wer kauft denn jetzt, im Januar (!) die Weintrauben aus Chile, den Spargel aus Südafrika, die Mangos aus Brasilien und Äpfel aus China? Du doch! Sonst würden die beim REWE das längst nicht mehr anbieten. Aber unsere Möhren bleiben liegen. Schon mal was von Wirsing gehört, oder Weißkohl? Nein, Artischockenherzen müssen es sein. Falls du dein Essen überhaupt noch selbst zubereitest! Es gibt in der Tiefkühltheke ja so viele leckere Fertiggerichte mit so viel leckeren Zutaten wie E 222 = Natriumhydrogensulfit oder E 310 = Propylgallat. Da klingt ja schon der Name eklig.

Qualität

Auch sonst behauptest du viel: dass Du auf Qualität achtest, dir die Inhaltsstoffe auf der Packung jedes Mal durchliest, auf Nachhaltigkeit achtest und überwiegend fair einkaufst. Alles Quatsch: was du liest sind die Wurfzettel vom Discounter: 10 Eier für 1 Euro. Jetzt aber schnell los, bevor die weg sind. Freiland-Eier sind teurer? Egal, die billigen sind ja nur zum Backen. (…)"

Bauer Willi ist empört. Zu Recht, denn er möchte genauso arbeiten, wie andere Berufsstände auch. Er möchte seine Produktionsstätte weder nach Asien verlegen, noch seine Äcker und Böden zerstören. Er möchte nachhaltig landwirtschaften können. Mit diesem Brief möchte er sich Luft machen, um die verzwickte und komplexe Situation von Landwirten zu erklären. Dass dieser Brief eine große Debatte auslösen würde, war Bauer Willi nicht bewusst. Dennoch wurde der Brief bereits fast 150.000 Mal aufgerufen, Leser haben mehr als 300 Kommentare hinterlassen. Dort diskutieren nicht nur Verbraucher, sondern eben auch Landwirte. Passiert ist das, was die Community erreichen wollte: den Dialog zwischen Konsumenten und Bauern anzuregen.

Auf seinen Beitrag hat Bauer Willi bereits reagiert. Er entschuldigt sich beim Verbraucher, denn er sei "vielleicht doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Aber es gibt Tage, da bekommt man nur schlechte Nachrichten und gestern war so einer", sagt er und entschuldigt sich für die Pauschalkritik, denn er sei ja auch ein Verbraucher, der sich in der Non-Food-Abteilung gerne von Schnäppchen verführen lasse. Trotzdem appelliert er auch in diesem Beitrag noch einmal an die Verbraucher: "Kauft unsere Produkte. Kauft sie frisch und werft nicht so viel weg. Unsere Produkte sind gut, werden aufwendig kontrolliert und wurden mit Vernunft, ja, mit Liebe produziert. Sie sind ihr Geld wert."

Den Brief von Bauer Willi können Sie in ganzer Länge hier lesen!

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