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Die Frau mit dem gewissen Biss

In Kochshows gibt sie gern den Paradiesvogel. Eine naive Küchenmamsell ist Sarah Wiener aber nicht: Ihr Leben vor dem Ruhm war ultrahocherhitzt - und es hat sie durchaus abgehärtet.

Von Claus Lutterbeck

  • Claus Lutterbeck

Alle Hippies und Abhauer: Herhö ren! Sagt euren Eltern, dass es Hoffnung gibt. Auch in schwe ren Fällen. Selbst Schulversager können es schaffen, die mit 15 zum ersten Mal zu Hause ausreißen, LSD probieren und in römischen Supermärkten klauen. Herumtreiber, die in südfranzösischen Landkommunen Schafe hüten, in Spanien Orangen pflücken und in Berlin Kartoffeln schälen. Die von Interpol gesucht werden. Und sogar Sechserschreiber, die 25 Jahre lang keinen Gedanken verschwenden ans Erwachsenwerden oder Geldverdienen.

Sarah Wiener, 44, hat all das gemacht - und es trotzdem zu etwas gebracht.

Was kann man schon von einem Kind erwarten, das 1962 von Rebellen in die Welt gesetzt und dazu erzogen wurde, "immer das Gegenteil von dem zu tun, was die Gesellschaft von dir erwartet"? Wir sitzen in ihrem Berliner Restaurant im Museum "Hamburger Bahnhof", und wenn nicht ständig das Handy klingelte, könnte sie ihr halbes Schnitzel noch warm essen. "Meine Eltern waren, um es vorsichtig zu sagen, unkonventionell. Meine Kindheit war oft hart und das Leben abenteuerlich. Aber ich hab immer viel Glück gehabt."

Nun ist die schöne Köchin ein Star im deutschen Fernsehen, weil die Deutschen eine bizarre Leidenschaft entwickelt haben: Sie sind zu träge zum Kochen, können sich aber nicht sattsehen daran, wie andere am Herd stehen. Und obwohl die meisten zu geizig sind, sich ungespritztes Gemüse zu kaufen, bleiben sie bis Mitternacht wach, um Sarah Wiener dabei zuzuschauen, wie sie frisch eingeflogene Biomangos in dünne Scheiben säbelt, das Stück für sieben Euro. "So viel kostet eine gute Mango eben", sagt sie. "Ich kauf doch nicht für einen Euro so 'ne grüne Handgranate aus dem Supermarkt. Qualität kostet. Wenn ich nicht so viel ausgeben will, ess ich eben einen Apfel. Schmeckt auch gut."

Brot und Spiele machen Quote, die mageren Zeiten, in denen Fernsehköche rot gefärbtes Wasser trinken mussten, weil die Sender am Wein sparten, sind vorbei. Köche sind Showstars, inzwischen lockt das ultrahocherhitzte ZDF-Abendmahl mehr Zuschauer zu später Stunde an als jede Talkshow. In Kerners Küchentheater schwirrt die schlanke Wienerin wie ein Paradiesvogel umher, manchmal nabelfrei, manchmal in roten Jeans vom Flohmarkt. Mit ihren braunen Augen, den Grübchen und den provokanten T-Shirts ("Ich will Liebe") ist sie der Lichtblick in einem Mackerhaufen, der fröhlich am Induktionsherd rumdröhnt. Dem Fresskritiker der "FAZ" war sie zu sexy, er zeigte sich verstört, als bei ihr "Unterwäsche aufblitzte". Einem Großbauern aus dem Niedersächsischen dagegen wär sie so gerade recht: "Sehr verehrtes, gnädiges Fräulein Wiener", schrieb er in seinem Heiratsantrag, "ich lebe in meinem Gutshaus, mit meiner Hündin Cora, ländlich gesittet É" Sarah Wiener hat ihn nicht erhört. Dafür hat sie auf der letzten Silvesterparty ihren Freund kennengelernt, der Mann war auf der Feier der Einzige, der keine Ahnung hatte, warum man Sarah Wiener kennen könnte. Das fand sie so lustig, dass sie gern mit ihm ins Kino ging.

Sie lacht selbst dann noch, wenn sie mit fetttriefenden Blutwurstscheiben gefüttert wird. Fragt man sie dann: "Wie schmeckt's?", sagt sie: "Grauslig!" Ihre Augen blitzen vor Spott, wenn der manisch quasselnde Tim Mälzer ein Kartoffelpüree aus der Tüte anrührt. "Ungenießbar", sagt sie, "so was Schlechtes hab ich lange nicht gegessen." Neben einem Schrank wie Fernsehkoch Rainer Sass wirkt sie fast zerbrechlich. "Ich zerbrechlich?" Da verschluckt sie sich fast: "Sie ham ein falsches Bild von mir: I bin net des Naivchen, das süße kleine Mädel, ich bin auch hart und abgebrüht."

Kein Wunder, es war eine Kindheit der ganz schrägen Art. Ihr Vater Oswald war seiner Zeit immer so weit voraus, dass keiner Schritt hielt. Der Rebell und Jazztrompeter schrieb kryptische Bücher über "quantitative Semantik", verfasste ein Wörterbuch erotischer Wiener Kraftausdrücke und dachte über Datenverarbeitung schon nach, als niemand ahnte, was das mal sein könnte. Sein Roman "Die Verbesserung von Mitteleuropa" stand in jedem besseren 68er-Bücherregal, er teilte freilich das Schicksal mit einem anderen Bestseller jener Zeit, dem "Kapital" von Karl Marx: Gelesen hat es kaum einer, verstanden noch weniger. Die gutbürgerliche Familie seiner Frau beäugte den Radikalinski skeptisch: "Sagen Sie mal, Herr Wiener, sind Sie eigentlich Jude?" - "Nein", sagte er, "Neger."

Als Sarah ein Jahr alt war, verließ Oswald seine Familie. Er hatte drei Kinder in zweieinhalb Jahren gezeugt, dann rief die Revolution. Der Mai 68 war in Österreich etwas ganz Besonderes: Er fand am 7. Juni statt, er wurde nicht von Studenten, sondern von einer Handvoll Künstlern veranstaltet, und er war am nächsten Tag vorbei. Die "Sex-Orgien", wie ein Boulevardblatt tobte, brachten Oswald Wiener und seine Freunde "in den Häfen", wie man in Wien den Knast nennt. Denn sie hatten zu einem Happening rund um die rot-weiß-rote Nationalflagge gebeten, bei dem auf der Bühne gepisst, gekotzt, geschissen, gewichst, gepeitscht und geblutet wurde: "Wir brauchen Chaos. Nur das Zerbröseln von Institutionen schafft Luft." Es war der unerhörteste Skandal der Nachkriegsgeschichte. Als Wiener nach zwei Monaten aus der U-Haft freikam, floh er nach West-Berlin. Später eröffnete er dort das "Exil", ein legendäres Restaurant. "Der Ossi hat das weiße Tischtuch in Kreuzberg eingeführt", sagt seine Tochter heute, "das kannte man dort bis dahin nicht."

Mutter Lore, eine Malerin und Bildhauerin aus Westfalen, blieb 1964 mit drei Kindern, ohne Mann und ohne Geld zurück. Aber sie dachte nicht daran, nun ein braves Leben als Alleinerziehende zu beginnen: "Sie war Künstlerin und hat alles ihrer Kunst geopfert - die Familie, die Kinder, die Karriere", sagt Sarah. Die Mutter hatte Malerei studiert und nebenbei kochen in einem großen Hotel gelernt. "Sie war eine grandiose Köchin", erzählt die Tochter, "aber was Richtiges zu essen gab es bei uns selten; ich bin mit Rama-Broten und Extrawurst groß geworden." Die Mutter bestätigt: "Sarah ist nicht so harmonisch aufgewachsen. Viel zu essen gab es auch nicht, wir hatten ja nie Geld." Sarahs ältere Schwester Una, die heute Art-Direktorin einer Werbeagentur in Wien ist, erinnert sich: "Wir waren grauenhaft laut und selbstbewusst, der Schrecken aller Besucher." Ihre Schwester habe eine "große Klappe gehabt, nur für Essen hat sie sich nicht interessiert: Gekocht habe ich".

Die Schule war ein Martyrium, aufgepasst, sagt Sarah, habe sie in all den Jahren nur ein einziges Mal: "Als wir im Biologie-unterricht ein Schweineauge mit Skalpellen zerschneiden durften." Den Rest fand sie langweilig. "Meine Rechtschreibung war unter aller Sau" - die ist noch heute eigenwillig. Auch das Schulessen fand sie "zum Kotzen", die "widerlichen Semmelknödel" schmiss sie aus dem Fenster, einmal beschwerten sich Passanten, die getroffen wurden, bei der Direktorin.

Wien war "wahnsinnig spießig damals", sie dachte nur ans Abhauen. "Aus pubertärem Selbsthass hatte ich die absurdesten Ideen: Eine war, als weiblicher Robin Hood im Wald zu leben, frei und ohne Gesetz." Andere Eltern hätten warnend den Finger erhoben, "aber bei uns war alles anders. Meine Mutter hat gesagt: Okay, Kind, mach es!" Dann wollte das wilde Kind Schauspielerin werden, "aber in der Schauspielschule wurde mir klar, dass ich das nicht kann. Ich kann nur mich selbst spielen". Der Weg ins Fernsehen war vorprogrammiert.

Eine Woche vor dem Abitur überredete sie ein paar Klassenkameraden dazu, mit ihr nach Sizilien zu trampen. Die Jungs wurden von Interpol schnell wieder eingefangen, Sarah zog fortan allein durch Europa, ohne Abi- tur, Geld oder Sorgen. In Rom schlief sie unter einer Tiber-Brücke, "da hatte ich solchen Hunger, dass ich im Supermarkt klauen ging". In der südfranzösischen Landkommune Longo Mai hütete sie Schafe, landete irgendwann in Berlin, war mit 24 Mutter eines Sohnes und lebte von Sozialhilfe. Der zweite Versuch, das Abitur zu machen, ging wieder schief, sie schmiss kurz vor der Prüfung hin. "Das war lang mein Trauma: Du bringst nix hin." Da stand sie: ein Kind, kein Beruf, kein Geld, aber Krach mit dem Vater, in dessen Restaurant sie nun Kartoffeln schälte: "20 Jahre hat er sich nicht blicken lassen, jetzt wollte er mir sagen, was ich tun sollte." Sie mag ihn sehr; "ach, der Ossi", sagt sie, "sitzt mit einer dicken Zigarre mitten im Raum, und die Frauen kochen". Aber verzweifelt war sie nie. "Ich wusste immer, ich bin wie Unkraut, das vor sich hin wuchert, und auf einmal bricht eine wunderschöne rote Blüte auf."

Mit 25 backte sie dann einen Kuchen, der ihr Leben veränderte. Sie verkaufte ihn, er war so gut, dass sie gar nicht mehr nachkam mit dem Backen - und hatte ihre Berufung gefunden: Kochen. Fortan lernte sie von Ingrid, der zweiten Frau ihres Vaters, endlich etwas, "was mir Spaß machte: Beim Kochen ist man unterwegs und kommt nie an. Dauernd schafft man was Neues, und dann verschwindet es". Es geht chaotisch zu, wenn sie kocht. Zum Glück, sagt sie, habe sie immer Männer zum Aufräumen. Sie wohnt mit ihrem Sohn Artur zusammen in einer witzigen Mischung aus Design-Studio und WG-Bude.

Für den ersten eigenen Job sollte sie sich bei einer Werbeagentur in Kreuzberg vorstellen: "Ich dachte: Werbeagentur. Da brezelst du dich auf. Hab einen alten Unterrock angezogen, enge, hohe Stiefel, ein Russenjackerl, drüber einen lila Pelz. Die haben geschluckt: ,Wir suchen eine Köchin, kein Model."" Sie durfte trotzdem bleiben, hatte Erfolg und leckte Blut. Jetzt wollte sie eigenes Geld verdienen: Aus NVA-Beständen kaufte sie sich eine Gulaschkanone und kochte für Filmteams, die in Berlin und Umgebung drehten. Sie hatte keinen Führerschein für das olivfarbene Monstrum, das so laut war, dass die Nachbarn dauernd die Polizei riefen, aber sie steckte vergnügt den Kopf durch die Schießluke im Dach und hatte "ein Glücksgefühl wie selten, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo in dem Kasten der Strom, das Wasser oder Gas herkam".

Im Grunde segelt sie so noch immer durch ihr Leben. Hat kein Auto, aber eine Moto Guzzi. Kocht mal fürs Team Telekom bei der Tour de France, weil sie den Manager im Flugzeug getroffen hat. Richtig bekannt wurde sie 2004, als sie in der ARD-Serie "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus" die Küchenmamsell mit so viel Hingabe spielte, dass sie nachher nicht nur fünf Kilo leichter war, sondern "total fertig, ich sah aus wie 60".

Ihre zwei Restaurants in Berlin laufen gut. Ob sie nicht selbst staune, was aus der Rumtreiberin geworden ist? Sie denkt nach: "Eigentlich nicht: Wenn ich was will, dann bieg ich mir die Welt zurecht." Und wenn Kerner nicht mehr anruft? "Dann züchte ich halt Bioenten." Ein Grundstück dafür hat sie. Vom 8. Januar an ist sie in der Arte-Serie "Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener" zu sehen. Sie selbst wird die Serie wohl verpassen. Sie hat eh nie Zeit. Und keinen Fernseher.

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