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Schema S schmeckt immer

Millionen Franzosen gieren nach ihren Rezepten. Nun will Sophie Dudemaine mit genial einfachen Kuchen die Welt erobern.

Von Irmgard Hochreither

  • Irmgard Hochreither

Chipo hat eine Schwäche für Madeleines. Aber seine wahre Liebe gehört Sophie, der Erzeugerin jener butterzarten, goldgelben Küchlein. "Komm, mein Dickerchen", gurrt die Frau und massiert dem Genießer den Rücken, während der vergnügt vor sich hin mampft. Bedenkt man, dass Chipo ein vietnamesisches Hängebauchschwein ist und Sophie eine leidenschaftliche Köchin, könnte man der Dame durchaus mörderische Absichten unterstellen. Nichts wäre falscher. Niemand hat vor, den üppigen Vietnamesen in einen Schinken zu verwandeln. Er wird ausschließlich um seiner selbst willen verwöhnt.

So wie alle, die das Glück haben, in die Obhut der Französin Sophie Dudemaine geraten zu dürfen. "Willkommen in meinem Paradies", sagt sie zur Begrüßung. Der irdische Garten Eden liegt in der Normandie, im Dörfchen St. Etienne La Thillaye, direkt gegenüber der Kirche. "La Maison de Sophie" ist nicht nur eine stilsicher renovierte Pfarrei aus dem 17. Jahrhundert, umgeben von einem Hektar Land, sondern ein höchst lebendiges Gast-Haus.

Neben der Chefin gehören zur festen Besatzung: Ehemann Jacky, Tochter Ambre, Küchenjunge Michel, Rezeptionistin Sandrine, Zimmermädchen Maria, Gärtner und Tierpfleger Dominique. Und weil Madame Tiere mag: zwei Hunde, zwei Katzen, zwei Esel, drei Ziegen, ein Alpaka, ein Falabella (kleinstes Pferd der Welt), ein Känguru-Pärchen mit Baby, ein Kakadu, ein Papagei, Hühner, Enten, Turteltauben, Fasane - und das Süßmaul Chipo. An jedem Wochenende öffnet sich das Haus außerdem sechs zahlenden Gästen für einen exklusiven Kochkurs: Unter Anleitung von Sophie Dudemaine bereiten sie ein Acht- bis Zehn-Gänge-Menü zu.

Wer die Küche der Hausherrin betritt, bekommt auch eine Lebensphilosophie serviert: Liebe geht durch den Magen, Genuss ist Muss, Diät verlorene Lebenszeit und Sport Mord. Wenn Sophie kocht, fließen Milch und Honig, wird nicht gespart an Crème double und guter normannischer Butter. Die 40-jährige Sophie lässt einen liebevollen Blick über die Rundungen ihres Ehemanns gleiten, der aussieht wie eine Mischung aus Obelix und Indianerhäuptling, und sagt: "Eine Köchin ist doch wie eine gute Fee."

An ein Märchen erinnert auch ihre Erfolgsgeschichte. Die begann 1998, nach der Geburt ihrer Tochter. "Wir lebten damals in Paris. Ich kümmerte mich um mein Kind, hatte aber sonst nichts zu tun. Also ging ich shoppen und gab das Geld mit beiden Händen aus. Mein Mann reagierte säuerlich und meinte, entweder du hörst auf damit oder suchst dir einen Job." Da die Tochter einer Pariser Gastronomenfamilie immer gern gekocht hatte, begann sie also zu Hause mit Backrezepten zu experimentieren. Das Resultat waren "cakes", süße und pikante Kuchen, mit denen sie im Speckgürtel von Paris über die Märkte zog. Dank Mundpropaganda landeten die Backwaren schließlich in den Feinkostläden der Pariser Innenstadt - und auf dem Tisch einer Verlegerin, die so begeistert war, dass sie die Rezepte als Buch auf den Markt brachte.

Das geschah im Jahr 2000. Die Startauflage von 6000 Exemplaren war im Nu vergriffen - und bis heute hat sich der Bestseller "Cakes de Sophie" rund 1,6 Millionen Mal verkauft. Wie ist es nur möglich, fragen sich Experten, dass auf dem überbordenden französischen Kochbuchmarkt selbst nach sechs Jahren immer noch 200 bis 300 Franzosen pro Tag nach den Kuchenrezepten einer Frau verlangen, die nicht einmal zur Riege der "ma”tres de cuisine" gehört? Schließlich ist sie kein Profi, sondern hat lediglich bei Hauben-Königen als Praktikantin in die Töpfe geschaut. Ähnliche Erfolgsgeschichten sind auch in Deutschland zu beobachten: Zeitweise hieß hierzulande der bekannteste Koch Alfred Biolek, obwohl der Showmaster ist und das Gebrutzel zwar ambitioniert, aber doch nur als Hobby betreibt. Und auch sein Nachfolger Tim Mälzer ist zwar gut ausgebildeter Koch, von den Weihen eines Michelin-Sterns aber weit entfernt. Was, Frau Dudemaine, machen die Sterneköche falsch?

"Viele Kochbücher", sagt Sophie, "sind zu kompliziert. Allein all die exotischen Zutaten zu besorgen ist viel zu aufwendig." Ihre Rezepte müssen hopp, hopp gehen - und trotzdem raffiniert schmecken. Genau da liegt das Geheimnis der "Methode Sophie": Sie ist idiotensicher und funktioniert selbst dann, wenn der Hobbykoch zwei linke Hände besitzt. In diesen Tagen kann sich auch der Rest der Welt überzeugen lassen, denn jetzt erscheint "Sophies Cakes" in Deutschland, gefolgt von Italien, Spanien, Portugal, Kanada, den USA und Japan.

Mit ihrem Lieblingswort "simplifier", vereinfachen, köderte die Autorin auch den Papst der französischen Haute Cuisine, Alain Ducasse - und der ist immerhin der höchstdekorierte Koch der Welt. Gemeinsam mit ihm hat sie 120 seiner Gourmet-Rezepte ausgewählt und so entstört, dass auch die "Sardines farcie Riviera" oder das "Filet de sole tartiné de crevettes" für Normalsterbliche nachkochbar sind. Ducasse für Doofe sozusagen, ein außergewöhnliches Kochbuch, das es unter dem Titel "La Cuisine de Ducasse par Sophie" bisher leider nur in Frankreich gibt.

Sophie Dudemaine scheint auf dem besten Wege, es Martha Steward, "Amerikas bester Hausfrau", gleichzutun und aus den eigenen vier Wänden heraus ein Imperium aufzubauen: Insgesamt zwölf Bücher hat sie mittlerweile veröffentlicht, von "Les Terrines", "Les Desserts", "Les Buffets" bis "Les Crêpes de Sophie". Über eigene Fernsehsendungen erreicht sie Millionen. Ein Unternehmen in der Bretagne fabriziert in Lizenz ihre Cakes für große Supermarktketten, unter ihrem Namen werden Produkte wie Geschirr, Tischwäsche und Wohnaccessoires vertrieben. Nur das "Maison de Sophie" soll einzigartig bleiben. "Ich will unabhängig bleiben", beharrt sie sturköpfig, "und nur das machen, was mir gefällt."

Und ihr gefällt es in dem normannischen 300-Seelen-Dorf, in dem sie seit drei Jahren wohnt. Brutzeln und backen für die Familie, für Freunde, die Angestellten und die Gäste, "das verstehe ich unter Lebensart". Sie will für kein Geld der Welt gezwungen sein, irgendwann zwischen Tokio, New York und Toronto herumzujetten, um sich und ihre Produkte zu vermarkten. Die Initialen S. D. stehen für eine Frau, die sagt, sie wisse genau, was für sie unverzichtbar bleibt: die frische Brise, die vom Meer rüberweht, ein Zwiegespräch mit Kakadu-Dame Gaby, ein paar Versuche, dem vier Monate alten Berner Sennhund Beethoven etwas Benehmen beizubringen, ein Milchkaffee und frisch gebackene Brioche in der gemütlichen Küche. Ein Zigarettchen vielleicht - und die Frage: Was kochen wir heute?

Wir stehen im rot-gelb gekachelten Herzstück des Hauses vor dem rustikalen Küchenblock, über dem Pfannen und Kasserollen baumeln. Auf den Regalen, zwischen Töpfen und Geschirr, sitzen bunte Keramikhühner, an der Wand hängt ein Holzgehäuse, das nach Kuckucksuhr aussieht, aus dem aber zur vollen Stunde eine Kuh muht. Die Küche - das ist Sophies Welt. Sie ist Labor, TV-Studio, Kommunikationszentrum und Keimzelle aller Köstlichkeiten.

Jeden Tag werden alle, ob Hausmädchen oder Hausherr, bekocht. Heute Mittag sollen ein Zucchiniauflauf, ein "cake du soleil" und eine Rillette vom Hasen aufgetischt werden, dazu Salat, danach Käse und als Dessert eine "tarte aux pommes" mit einer "velouté de fraises au basilic", verziert mit kleinen "financiers", einer Art Mini-Muffins mit Mandeln. "Nur ein kleines Resteessen", sagt Sophie und drückt dem Gast mit einem aufmunternden Lächeln eine Art messerbewehrte Bohrmaschine in die Hand, mit der sich in einem Arbeitsgang Äpfel schälen und in hauchdünne Scheiben schneiden lassen. "Für die Tarte. Geht ganz schnell und einfach."

Madame Dudemaine outet sich als begeisterte Testerin von Hilfsutensilien aller Art. Jedes Gerät, das der Köchin Zeit und Mühe spart, ist willkommen. So auch die Porzellankuh, in deren Bauch 130 Milliliter Milch passen, die Menge für einen ihrer berühmten Cakes. Denn deren Grundrezept ist immer gleich: Milch, Eier, Mehl, Backpulver, Sonnenblumenöl und geriebener Gruyère. Die besondere Würze kommt von weiteren Zutaten - und die variieren gewaltig. Wir nehmen saftigen Bayonne-Schinken, eingelegte Tomaten, Mozzarella und frisches Basilikum aus dem Kräutergarten vor der Küche. "Den Teig nicht zu heftig umrühren", mahnt Sophie, "sonst hast du später Luftlöcher in deinem Cake."

Die Frau hat eine Mission. Und die geht so: "Ich will vor allem die Menschen glücklich machen, die das Kochen nicht mehr von ihren Müttern gelernt haben, die nur noch Verpackungen aufreißen und in die Mikrowelle stellen. Mit meinen Rezepten kann jeder sofort ein Erfolgserlebnis haben, sich fühlen wie ein begabter Koch." Für viele Franzosen sei Sophie mittlerweile so was "wie die gute Freundin, die Vertraute von nebenan, die man beim Vornamen nennt", versucht die Lektorin das Phänomen zu erklären. Und weil man eine gute Freundin auch mal anrufen kann, wenn man mit seinem Küchenlatein am Ende ist, steht die Telefonnummer der Bestsellerautorin ganz vorn in der Cake-Ausgabe. Für alle Fälle.

Einen Wunsch kann die Lieblingsköchin der Franzosen allerdings nur ganz wenigen erfüllen: einen Kochkurs im "Maison de Sophie". Denn das Paradies ist ausgebucht. Wer reinwill, kann reservieren - am besten ein Jahr im Voraus.

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