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Steinzeitdiät im Selbstversuch: "Ich war selten so besessen von einem Thema"

Vor lauter Ernährungsmythen wissen wir nicht mehr, was wir essen sollen. Was tun uns all die Essens-Gurus an? Der stern hat eine der aberwitzigsten Ernährungsformen ausprobiert: die Steinzeitdiät.

Steinzeitdiät

"Der Speiseplan aus dem Paläolithikum ahmt die Ernährung der Jäger und Sammler mit heute verfügbaren Lebensmitteln nach. Man braucht also keinen Speer. Kreditkarte reicht."

Ich bin 48, mein ist 25, mein Kung Fu passabel, und eigentlich geht's mir blendend. Aber könnte es mir nicht besser gehen? Wenn ich in mich reinspüre, dürfte mein Geist gern etwas aufgehellter sein, irgendwie pastellfarbener, und mein ganzer Metabolismus gern etwas sanfter schnurren. Wenn ich mein allmorgendliches Oben-Ohne-Selfie schieße, sehe ich Optimierungspotential.

Um mich rum überall Jogger. Mit ihren Kardio-Trackern am Oberarm sehen alle aus, als wären sie gerade aus der Notaufnahme abgehauen. An jeder Salatbar ist die Hölle los. Und ich schaufele immer noch rheinischen Sauerbraten mit Kartoffelbrei in mich hinein, als hätte ich gerade erst eigenhändig das zerbombte Nachkriegsdeutschland wieder aufgebaut. "Sättigungsbeilage!" heißt mein Schlachtruf am Büffet. So kann zeitgemäße Ernährung nicht aussehen.

Fest steht: Ich könnte mehr PS auf die Straße bringen. Und sollten wir das nicht alle in so unsicheren Zeiten wie diesen? Konkurrenzfähig bleiben. Am Nebenmann vorbeiziehen? Besseren Antritt hinlegen? Außerdem fehlt mir ein Glaube. Gott ist möglich. Aber ich spüre ihn nicht richtig. Ein System, die Welt zu ordnen in Gut und Schlecht, wäre schön. Ein klares Weltbild und Vitamin C schützen vor Sommergrippe. Eine Essensreligion wäre wunderbar. Wechseljuicer, Flexitarier, Flexiganer – egal: Irgend ein Foodamentalismus muss her.

Bewusst essen als Statussymbol

Aber originell müsste es sein. Je ausgeklügelter die Lehre, desto interessanter der Adept. Bewusst essen ist das neue Statussymbol. Wer sich gut nährt, erntet Anerkennung, hat was zum Smalltalken und erhöht seine Chancen auf den Dating-Portalen. Außerdem predige ich gern. Weiß aber meist nicht, worüber. Der große Goji Beeren-Sermon wäre ein Ausweg.

Die Essensreligionen sind auf den ersten Blick unübersichtlich. Der Optimierungswahn boomt und treibt schillerndste Blüten. Ich könnte zum Beispiel auf Nachtschattengewächse verzichten. Langweilige Story irgendwie. Dann schon eher Beyoncé-Diät: Mit Reis, Kartoffeln und Nudeln zur Diva. Oder eine von Paltrows Detox-Kuren. Wundermittel Grünkohlsaft! In Kalifornien ist Grünkohl das neue It-Gemüse. Und Detox ist immer gut. Wer fühlt sich nicht vergiftet, schmutzig, unrein? Gerade jetzt im Frühjahr. Oder ist schon Sommer? Sehen Sie: Ein undurchdringlicher Schleier liegt über meinem Bewusstsein.

Leider hat meine spirituelle Nähe zu Gwyneth Paltrow etwas nachgelassen, seit sie die Vagina-Reinigung mit Wermutkraut-Dampf propagiert. Dazu kommt, dass ich langsam in die Midlife Crisis komme. Da ist es wichtig, seine Männlichkeit noch einmal neu zu fokussieren. Bin ich nicht viel zu metrosexuell? Ist mein Lachen nicht genau eine Oktave zu hoch? Sind das vielleicht all die Kälberhormone in der Milch? Ich bin kein Kälbchen! Ich bin ein Stier!

Was wäre für einen Stier besser als Steinzeitdiät? Kurz vor dem Viagra-Abo noch einmal alles Animalische hervorkitzeln. Sich so ernähren wie damals, bevor der Mensch sesshaft wurde. Kein Getreide, keine Milchprodukte. Im Herzen sind wir doch immer noch Jäger und Sammler! Sesshaftigkeit ist der Beginn allen Übels. Jeder Büroarbeiter weiß das.

Zurück in die Höhle

Ach was, Büro. Die ganze Zivilisation müsste man hinter sich lassen. Zurück in die Höhle. Ich bin der Steinzeitmann. Fell um die Lenden, Knochen im Haar. Jagdinstinkt kenne ich: Gerate ich in Bedrängnis, renne ich zum Süßigkeiten-Automaten und hole mir einen Schokoriegel, damit ich neue Energie bekomme zur Bewältigung der Gefahrensituation. 

In den USA ist Steinzeitdiät ganz groß. Sie heißt dort Paleo, von Paläolithikum, jener Epoche der Urgeschichte, als die Menschen nur Standmixer aus Feuerstein hatten. In Deutschland hat Nico Richter Paleo populär gemacht. Sein Buch "Paleo-Power" ist ein Bestseller. Mehr als 300.000 Menschen besuchen jeden Monat sein Blog. Richter ist auf dem besten Wege, der neue Attila Hildmann zu werden. Jener Ernährungs-Guru, der die Veganer-Bewegung aus der Öko-Ecke geholt und mit dem Selbstoptimierungstrend abgeschmeckt hat. Heute scheffelt Hildmann Millionen mit Kochbüchern und Spiralschneidern (Zucchini-Spaghetti!). Nico Richter ist Diplom-Wirtschaftsingenieur und hat langjährige Erfahrung mit Start-Ups und E-Commerce. Er kennt sich also bestens aus in der Steinzeit.


Der Speiseplan aus dem Paläolithikum ahmt die Ernährung der Jäger und Sammler mit heute verfügbaren Lebensmitteln nach. Man braucht also keinen Speer. Kreditkarte reicht. Alles, was erst mit Ackerbau und Viehzucht verfügbar wurde, kommt nicht mehr auf den Tisch. Der Paläolithiker argumentiert, schließlich habe sich der Organismus seit Einführung von Getreide und Milchprodukten vor 10.000 Jahren noch nicht entsprechend anpassen können. Deshalb führten Getreide und Milchprodukte zu chronischen Entzündungen im Körper, gar zu Alzheimer und Krebs. Das wollen wir nicht.

Die Ausgangsthese meiner neuen Lehre scheint mir im ersten Moment noch etwas wackelig. Schließlich kann man sich schon innerhalb einer Nacht an Chrystal Meth gewöhnen. Andererseits schien mir Brot schon immer hinterhältig. Kann es nicht sogar Enten töten?

Steinzeit jedenfalls lässt meine Fantasie entflammen. Und ich bin froh, mit klaren Lebensleitlinien versorgt zu werden. Erlaubt: Fisch, Fleisch, Eier, Gemüse, Obst, gute Fette (Olivenöl, Kokosfett, geklärte Butter). Alles frisch, am besten bio. Meiden: Zucker, Hülsenfrüchte, verarbeitete Milchprodukte, Industrieprodukte und schlechte Fette (verarbeitete Öle, Butter). Richter sagt, Paleo sei "im Einklang mit unseren Genen". Wer wäre das nicht gern? "Werde, der du bist", sagte schon der alte Pindar. Ich mache die 30-Tage-Challenge mit E-Mail-Support vom Steinzeit-Schamanen höchstpersönlich. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Vielleicht werde ich ja essgestört. Ein Spiel mit dem Feuer. Egal. Am Anfang war das Feuer. Spannend. Fahret dahin, Ihr Schlacken! Weichet, Ihr Gifte! Endlich hat das Leben einen Sinn.

"Ich werde dich aus der Sklaverei befreien!"

Noch ein letzter Kaffee mit einem halben Löffel Zucker. Herrliche Explosion im Belohnungssystem. Armes Belohnungssystem: Jahrzehntelang hatte dich die Lebensmittelindustrie in ihren Klauen. Hat dich mit Geschmacksverstärkern und Zucker gegängelt. Nun aber werde ich dich aus der Sklaverei befreien! Mich neu programmieren. Nur noch das Wahre, Schöne und Gute soll meinen Körper jubilieren lassen. T-Bone-Steak! Rote-Beete-Nutella! Zucchini-Spaghetti (Attila Hildmanns Spiralschneider)!

Was wird das für ein Tag, wenn ich die Kantinenkraft frage, ob ihre Lamm-Bratwurst mit gesättigtem oder ungesättigtem Öl gebraten wurde. Am besten vor den Augen des versammelten Vorstands! Zeugnis meiner Willenskraft wird die Frage sein, meiner Radikaleffizienz. Ich bin ein kleiner McKinsey, der in seinem eigenen Körper aufräumt. Fortan trete ich auf als exquisites Leistungsmodul, das nur mit den allerbesten Nähr- und Schmierstoffen läuft.

Ich pilgere in diverse Bio-Läden und kaufe in drei Stunden die Basiszutaten meines neuen Kultes. Insgesamt zahle ich 200,00 Euro. Kokos-Öl extra virgin: 18,99 Euro. Kokosmehl: 10 Euro. Geklärte Ayuverda-Butter: 5,50 Euro.


Einfach mal nichts essen

Leider fängt jeder Tag mit Frühstück an. In Frühstück waren sie in der Steinzeit nicht so gut. Diplom-Steinzeitingenieur Richter empfiehlt "Intermittent Fasting. Einfach mal nichts essen." Super Idee, Nico. Aber ich habe Hunger. Was gibt's noch? Bulletproof-Kaffee. Wird angereichert mit geklärter Butter und Kokosfett. Soll so reichhaltig sein, dass er das ganze Frühstück ersetzen kann. Ich braue und koste. Kann sein, dass nach einer harten Wanderung durch sturmumtoste mongolische Steppe ein mit Butter angereicherter Kaffee beim Verschnaufen in einer gastfreundlichen Jurte ein willkommener Trunk sein kann. Ich allerdings muss an diesem freundlichen Julitag in Norddeutschland fast kotzen.

Immerhin soll das Kokosfett gleich in die Zellen gehen und dort arbeiten. Keine Ahnung, was genau es da arbeitet. Auf jeden Fall soll es den direkten Energieschub liefern und sicher in Ketonkörper umgesetzt werden. Außerdem soll es die Ketose vertiefen. Klingt nach altem Kung-Fu-Wissen: "Vertiefe deine Ketose, und du wirst deinen Gegner mit einem einfachen Hand-Stoß auf ewig lähmen."

Die Ketose ist allerdings kein chinesisches Kampfkunstwissen, sondern der ersehnte Zustand der Paleo-Diät. Ketose ist ein anderes Wort für Hungerstoffwechsel. Der ist eigentlich eine Körperreaktion auf Kohlehydratmangel. Aber für nudel-, kartoffel- und reisverachtende Steinzeitköstler ist es das Nirwana.

Normalerweise gewinnt der Körper aus Kohlenhydraten Glucose, die dann das Gehirn mit Energie versorgt. Aber der Organismus kann auch hereinrauschendes Eiweiß (Steak! Omelett!) und Fette (Ghee, 5,50 Euro) in Glucose umwandeln. Da das nicht besonders effizient ist, greift der Körper erst auf Glucose-Vorräte zurück, die in Muskeln und Leber gespeichert sind. Sind diese verbraucht, produziert der Organismus dann Keton-Körper aus Fettsäure (Kokosöl, 19,99 Euro!).

Grippe vom Essen?

Diese Keton-Körper sind die Blaue Blume aller Paleo-Jünger. Sie dienen dem gesamten Körper nun als Energiequelle. Nicht mehr die ollen, glutenverklebten Spaghetti-Molekülketten. Damit diese Umwandlung aber überhaupt funktionieren kann, muss der Körper erst einmal neue Enzyme bilden. Das dauert einige Tage. Während dieser Stoffwechselumstellung bekommt man die Low-Carb-Grippe – eine Müdigkeit, die der niedrigen Zufuhr von Kohlehydraten geschuldet ist.

Die Grippe wird danach aber mit einem biochemischen Wunder belohnt, das sich Heidi Klum nicht besser hätte ausdenken können. Denn ist der Körper endlich auf Ketose umgestellt, verbrennt er neben Omelett und Kokos-Öl auch das eigene Körperfett. Der Körper ist nun im begehrten Fettstoffwechsel, nicht mehr im Kohlehydratstoffwechsel.

Ich freue mich schon sehr auf die Umprogrammierung meines Stoffwechsels. Ist der Körper nicht das interessanteste Experimentallabor von allen? Anfänger pimpen ihr Auto, ich tune meinen Organismus. All mein Hüftspeck wird dahinschmelzen wie Kokosfett in der Pfanne. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht irgendwann weg bin.

Nun könnte man einwenden, die Verteufelung der Kohlehydrate mit Hilfe von Steinzeit-Argumenten sei nichts anders als ein pseudowissenschaftlicher Überbau einer banalen Low-Carb-Diät, wie sie schon Dr. Atkins vor Jahrzehnten verbreitete. Aber das ist mir grad egal. Ich habe diesen verdammten Butter-Turbo im Bauch, und davon will ich jetzt profitieren.

"Ich bin der Fettverbrenner aus dem Paläolithikum"

Ich jogge durch den Park. Weg da, ich bin der Fettverbrenner aus dem Paläolithikum. Auf einer Bank sitzen drei Bauarbeiter, trinken Kaffee, essen Brötchen und rauchen. Arme Wichte! Schnell weiter. Ich bin die verunsicherte Mittelschicht, die sich durch Selbstoptimierung gegen Abstiegsängste wappnet. Runde um Runde renne ich, bis alle Ängste weg sind. Nie war ich klarer. Wohlig richte ich mich im Runner's High ein. Askese ist meine Droge. Auf dem Rückweg kommen mir Menschen mit Brötchentüte entgegen. Bedauernswerte Weizen- und Milchsklaven! Ich bin bester Sektierer-Laune. Ich könnte 500 Konterrevolutionäre zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilen.

Als Steinzeitmann ernte ich leider auch sehr viel Spott. Meine Frau nennt mich nur noch Fred Feuerstein. Die Kollegen wollen mich in ein Fell zwingen. Sobald Kollegen die Steinzeit überwunden haben, haben sie nur noch Scheiß-Ideen. Bei allem Hohn und Spott komme ich aber auch sehr oft in den Genuss von erhebenden Momente: Während der EM sitze ich mit getrockneten Apfelringen vor dem Fernseher. Verächtlich schaue ich auf die Chips-Teller von Frau und Kind. Wir Asketen kennen nur geistigen Genuss. Kein Zucker kann so süß sein wie die ehernen Gesetze der wahren Lehre. Wozu hat man einen Willen? Am fünften Tag bin ich in einem Motivationsloch. Low-Carb-Grippe, ganz klar. Muss ich jetzt durch. Ich fotografiere mein Frühstück (Steinzeit-Pfannkuchen aus Kokosnuss-Öl, Mandelmehl und Eiern) und poste es auf Instagram. Augenblicklich verliere ich fünf Fans meiner nüchternen Architekturfotografie, die mir seit Jahren für Aufnahmen von verregneten Parkhauseinfahrten Herzchen schenken.

"Ich brauche jetzt Motivation"

Aber ich brauche jetzt die Paleo-Community. Sie muss dringend Aufbau-Arbeit leisten. Und das funktioniert ganz wunderbar. Schnell habe ich neue Freunde: Durchtrainierte junge Frauen, die geköpfte Kokosnüsse vor die New Yorker Skyline halten. Gestählte Männer, die Avocado-Smoothies in kalifornische Sonnenuntergänge halten. Kunstvoll tätowierte Hipster-Frauen aus Portland, die mich mit Fotos von selbstgemachten Süßkartoffelchips auf ihr Blog locken. Nirgendwo ist es so schön, wir auf Food-Blogs aus Portland.

Ist mir egal, dass mir die meisten irgend etwas verkaufen wollen: Glutenfreie Brötchen aus Utah. Nutrition-Coaching aus Sidney via Skype. Ist mir auch egal, dass die meisten reden wie ein billiger Motivationstrainer in einer schäbigen Mehrzweckhalle im Speckgürtel von Hannover. Ich mag all die schönen Körper. Und ich brauche jetzt Motivation. Also freue ich mich über jedes Herzchen. Und sie fliegen mir nur so zu. Certified Health Coaches, Yoga Teacher, Foodblogger, Tough-Mudder-Adepten – alle senden mir Herzchen.

Und natürlich ist da @bend_it_like_rob, Spezialist gewagter Smoothie-Rezepte. Rob haut alles in den Mixer, was der Garten Eden hergibt: 150 g roher Broccoli, Apfel, Banane und Wasser bis zur Max-Linie. Ohne Standmixer ist der moderne Steinzeitmann nichts. Es lebe die Regression! Zurück zum Baby-Brei!

ist bester Motivationscoach und Diätratgeber. Ich fürchte, bald bin ich all meine alten Architekturfoto-Freunde los. Egal. Streif das alte Ich ab! Höhenflug. Für kein noch so avantgardistisches Brückenfoto habe ich je so viele Likes bekommen wie für eine Schüssel mit Paleo-Frühstücksbrei (gemahlene Mandeln, Leinsamen, Kokos, Kürbis- und Sonnenblumenkerne). Mit jedem Posting vergrößere ich meine neue Familie. Vielleicht wartet eine strahlende Zukunft als Foodblogger auf mich.

Die folgenden Tage gehen locker von der Hand. Die Mahlzeiten schmecken durch das viele Kokosfett und die Mandeln leider immer so, als kämen sie aus Rolf Zuckowskis Weihnachtsbäckerei. Dafür erwache ich jeden Morgen mit kristallklarem Kopf. Alle Gedanken flattern so luftig locker daher wie Kokosflocken im Standmixer. Nichts ist durch Gluten oder Süßstoffe verklebt. Meine Frau sagt: Einbildung. Mag sein. Aber dass diese Selbstsuggestion funktioniert, ist doch allein schon ein wahres Wunder, das nur mit meiner umgestülpten Biochemie zu erklären ist.


Auf Spott reagiere ich gar nicht mehr. Sondern präpariere trotzig eine Avocado nach dem Rezept meiner neuen Instagram-Bekanntschaft, der strahlenden @ewagolan1 aus London: Frucht halbieren, Kern entfernen, die Aushöhlung etwas vergrößern und ein rohes Ei eingeben. 20 Minuten im Ofen garen. Ich spüre förmlich, wie die guten Fettmoleküle in die Zwischenräume meiner Körperzellen gleiten. Einbildung? Papperlapapp. Ich bin mir sicher, dass Ewa Golan mich verstehen würde. Sie ist übrigens Zumba-Instruktorin. Ihre Performance zu "Light It Up" von Major Lazor ist bemerkenswert.

Jetzt landet nichts mehr auf den Hüften

Hoch motiviert bestelle ich mir Ketose-Teststreifen, mit denen ich prüfen kann, ob ich mich schon im Fettverbrennungsstoffwechsel befinde. Aber die Streifen kommen nicht. Nach zwei Tagen sagt meine Frau, ich röche nach Stoffwechselkrankheit. Endlich! Ich bin in der Ketose! Mein Leben hat nun einen tiefen Sinn: Energie direkt in meine Zellen schaufeln, ohne dass etwas auf meine Hüften landet. Oder um es in den Worten meiner neuen Instagram-Freundin @pencilyourselfin zu sagen: "The best project you'll ever work on is YOU!"

Abends mäandere ich nicht mehr ziellos zwischen Facebook, Spiegel Online, Tagesschau und hoffnungslos nichtsnutzigen Romanen – deren fragwürdig vertrackter Stil ist sowieso nur ansteckend. Sondern ich schreibe klar strukturierte Speisepläne und Einkaufslisten. Auch neue Anregungen wollen begrübelt werden: Nico Richters Challenge-Motivationsmail entnehme ich, ich solle doch einfach mal CrossFit ausprobieren, der neueste schrei im Fitness Business. Auch sollte ich blaues Bildschirmlicht vor dem Einschlafen meiden und wieder mehr Zeit barfuß verbringen. Schließlich ist Paleo ein ganzer Lifestyle, nicht nur eine Diät. In unterschiedlichen Fitness-Foren studiere ich das Für und Wider von Barfuß-Schuhen.

Mein Leben ist Optimierungsrausch. Nach 12 Tagen führe ich das optimale Leben. Leider hat es keine anderen Inhalte als noch mehr Optimierung. Außerdem ist Steinzeit anstrengend. Das kohlehydratarme Essen verbrennt im Nu. Alle zwei Stunden habe ich Hunger. Ständig muss man kochen, denn Snacks gibt es nirgendwo. Man fragt sich, wie der Steinzeitmensch noch Zeit für die Erfindung der Mikrowelle finden konnte. Und woher kommen jetzt die dauernden Kopfschmerzen? Habe ich meinen Stoffwechsel zerschossen?

Ich komme kaum noch zum Arbeiten. Durchforste das Internet nach Standmixer-Tests. Vegan-Guru Attila Hildmann empfiehlt einen 900-Euro-Blender mit 2,2 PS-Motor und einer Drehgeschwindigkeit von bis zu 434 km/h. Zu teuer. In einer Übersprunghandlung bestelle ich mir beinahe den paleokonformen Kokosfett-Deo-Stick meines Instagram-Freunde coco_pits.

Während ich an Kokos-Chips kaue, trage ich Häppchenwissen über Ernährungswissenschaft zusammen. Ich bin hocherfreut zu lesen, dass auf der Website von "Paleo Mom" gerade 5 Tests angeboten werden, mit deren Hilfe man seinen eigenen Stuhlgang nach Entzündungen im Körper untersuchen kann. Wer weiß, was in mir gärt und schwärt nach all den Pizza-Jahren. Mit der gedanklichen Energie, die ich gerade ins Essen stecke, könnte ich einen neuen Hauptstadtflughafen planen.

An einem Tag mit Neumond – wir Steinzeitmenschen leben nur nach dem Zyklus von Mutter Natur – finde ich im Netz die "Düsseldorfer Orthorexie-Skala" der Psychologin Friederike Barthels. Orthorexie ist der Fachausdruck für die Besessenheit vom gesunden Essen. Mit Barthels Fragebogen kann man herausfinden, wie gestört das eigene Essverhalten schon ist. Ergebnis: Ziemlich.

Alle Symptome des Krankheitsbildes treffen zu: Dass ich gesunde Nahrungsmittel zu mir nehme, ist mir wichtiger als Genuss. Ich habe eiserne Ernährungsregeln aufgestellt. Ich kann Essen nur genießen, wenn ich sicher bin, dass es gesund ist. Ich finde es positiv, mehr als andere Menschen auf gesunde Ernährung zu achten. Meine Gedanken kreisen ständig um gesunde Ernährung, und ich richte meinen Tagesablauf danach aus. Nur dass ich mir große Vorwürfe mache, wenn ich etwas Ungesundes esse, stimmt nicht. Denn ich esse nichts Ungesundes.

Der entscheidende Tag

Dann kommt der Tag, an dem ich einen Marmeladenlöffel ablecke, den meine Familie auf dem Küchentisch hat liegen lassen. Als ich den herrlichen Geschmack im Mund verspüre, gerate ich in Panik: Zucker! Ich fühle mich wie ein Schriftsteller, der zusehen muss, wie sein vollendetes Romanmanuskript bei einem Hausbrand vernichtet wird. Mein Meisterwerk droht zu verpuffen. 12 reine Tage werden gerade durch 40g Zucker pro 100 Gramm Fruchteinwaage unwiderbringlich beschmutzt. Ich erinnere mich an einen Satz meiner Instagram-Freundin mileena_fox, New Yorker Stripperin und Fitness-Prophetin: "Mein Körper ist ein Tempel, an dem ich wie ein Sklave arbeite. Dafür darf ich auch in ihm leben – als jener Gott, dem er gewidmet ist." Ich habe den Tempel geschändet!

Ich renne Richtung Klo, um die Marmelade wieder auszuwürgen. Dann halte ich inne. Nico! Alter CrossFit-Quastenflosser! Es reicht! Kein Guru darf mit pseudowissenschaftlichen Argumenten an meinem Stoffwechsel herumdoktern. Wer weiß, was so ein geschäftstüchtiger Start-Up-Nerd noch alles mit meiner Biochemie anrichtet. Musste der australische Star-Koch Pete Evans nicht sogar sein Paleo-Kochbuch für Babys "Bubba Yum Yum" vom Markt zurückziehen? Sein Rezept für steinzeitkonformen Babymilchersatz aus Hühnerleber und Knochenbrühe wurde von der australischen Gesundheitsbehörde als lebensgefährlich eingeschätzt. Die Leber-Brühe überschritt die maximal zulässige Menge für Vitamin A um das Zehnfache und hätte die Fontanelle eines Babies zu tödlichem Anschwellen bringen können. Ich möchte nicht, dass meine Fontanelle platzt.

Ich habe in den letzten Wochen wundervolle Menschen kennengelernt: @pencilyourselfin, @bend_it_like_rob und vor allem @ewagolan1, die zauberhafte Londoner Zumba-Instruktorin. Ich habe während dieser Challenge einige der ekelhaftesten und leckersten Speisen probiert. Das ist begrüßenswert. Eine Erweiterung der Sozialkontakte und der Geschmackspallette ist immer gut. Aber ich war selten so besessen von einem Thema. Obsessionen sind schlimmer als Milch und Getreide. Außerdem ist der Küchenmixer immer dreckig.
Seit drei Tagen esse ich wieder Croissants, Mayo und Schokolade. Der Darm rumort, der Kopf schmerzt, die Laune ist im Keller. Endlich habe ich wieder mein altes Leben zurück.


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