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Interview

"Mutti wollte keinen Schweinebraten mehr"

Unsere Art zu essen, hat sich nach dem zweiten Weltkrieg vehement verändert. Damals sollte Essen im Wesentlichen den Hunger stillen. Heutzutage wird Essen als Lebensstil verstanden. Ein Ernährungs- und Gesundheitspsychologe nimmt uns auf eine Zeitreise.

Essen

Aber bitte mit Sahne! In den Fünfzigern wurde üppig aufgetischt

Christoph Klotter ist Professor für Ernährungs- und Gesundheitspsychologie an der Hochschule Fulda.

Herr Klotter, wir wollen uns durch die Jahrzehnte futtern, auf kulinarische gehen. Doch zu Beginn, nach der Gründung der Bundesrepublik, herrschten Hunger und Mangel. Wie hat das unsere Großelterngeneration geprägt?

KLOTTER: Die ganze Menschheitsgeschichte ist geprägt vom Mangel, es gab kaum eine Generation, die nicht gehungert hat oder von Hunger bedroht war. Wer Hunger kennt, ist dankbar für jedes Essen und klagt meist nicht über irgendwelche Zusatzstoffe. Er hortet auch später möglicherweise Essen. In Berlin wurde während der Kubakrise, als ein dritter Weltkrieg drohte, der Vorratsschrank auch "Kubakrise" genannt. Heute hat fast niemand mehr den Keller voller Kartoffeln oder Äpfel. Einwecken, haltbar machen – das war in Vergessenheit geraten, kommt jetzt aber wieder als "neuer" Trend.

In den 50er Jahren begannen die Menschen, wieder fett aufzutischen. Aber bitte mit Sahne!

Man zeigte, was man hatte, das Essen war ungeheuer reichhaltig, man präsentierte Käseigel, Schinkenröllchen und Schwarzwälder Kirschtorte.
Bei meiner Mutter gab's immer einen Cognac, wenn Besuch kam – auch um zehn Uhr morgens wurde der kredenzt. Fett war noch nicht böse, und auch auf den Zucker war noch kein Bannfluch geworfen. Im Gegenteil: Zucker war total attraktiv. Historisch gesehen war Zucker lange ein Luxusprodukt, er stand für Wohlstand und Überleben. In den 50er Jahren hat man geschlemmt. Damals durfte auch der Blutdruck jedes Jahr steigen, und man galt trotzdem noch als gesund.

Das Wirtschaftswunder-Bäuchlein trug man stolz vor sich her?

In einer Untersuchung 1962 war die mehrheitliche Meinung: Ein deutscher Mann muss wohlbeleibt sein, hatte quasi die Idealfigur. Wenn jemand Bürgermeister werden wollte und er war schlank, hatte er schlechte Chancen. Auch Frauen sollten üppiger sein. Marilyn Monroe war in den Fünfzigern im "Playboy", zehn Jahre später wäre sie auf kein Titelbild mehr gekommen, weil: viel zu dick. Das Schlankheitsideal hat sich im 20. Jahrhundert radikalisiert, das Idealgewicht wurde immer weiter nach unten abgesenkt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte ich bei einer Körpergröße von 1,76 noch 95 Kilo wiegen dürfen, um als normalgewichtig zu gelten – heute würde ich damit sofort in die Klinik eingewiesen werden.

Das Schlankheitsideal hat sich im 20. Jahrhunder radikalisiert

In den 60er Jahren kam Twiggy. Ein neuer Frauentyp, knabenhaft schlank. Und die deutsche Hausfrau wollte ihr Leben nicht mehr länger in der Küche verbringen.

Den heutigen Maßstäben würde Twiggy nicht genügen. Heute sollen wir nicht nur schlank, sondern auch gestählt sein, einen trainierten Körper haben – und Twiggy war nicht trainiert. Damals stand sie mit ihren kurzen Haaren für ein neues Frauenbild. Auch Mutti wollte sonntags nicht mehr drei Stunden in der Küche einen Schweinebraten zubereiten.
Männer stellten sich aber auch nicht in die Küche. Bis heute sind 90 Prozent der Küchenarbeit Frauenarbeit.
Männer sind eher Showköche, wenn Freunde kommen, im Alltag kocht meist die Frau. Frauen arbeiten nun, sie haben weniger Zeit, darum traten seit den 60er Jahren Fertig- und Tiefkühlgerichte ihren Siegeszug fest.

Spürte man nach dem Krieg den Einfluss der Siegermächte auf die Speisen in Ost und West?
Jeder Krieg verändert das Essen. Ein besonders schönes Beispiel: 1683 belagerten die Türken das zweite Mal und wurden vernichtend geschlagen.
Daraufhin hat sich in Wien die Kaffeehauskultur etabliert, als Kopie der türkischen Kaffeetradition – und das Kipferl wurde kreiert als Kopie des türkischen Halbmonds, der ständig gegessen und damit vernichtet wird. Auch für uns heute gilt: Viele Lebensmittel lägen nicht auf unseren Tischen, wenn es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hätte. Wir hätten heute vielleicht weniger Coca-Cola, weniger Hamburger. Ab den 60er Jahren kam immer mehr amerikanisches Essen nach Europa, Anfang der Siebziger dann die Hamburger-Ketten. Das Essen in der DDR war deutlich anders.
Es gab mehr osteuropäische Einflüsse und dramatisch weniger internationale Produkte.


Sie haben sich auch mit den 68ern beschäftigt. Was gab's in der Studenten- WG – Nicaragua-Kaffee, dazu ein Müsli?

Es wurden Landkommunen gegründet, der ökologische Gedanke wurde forciert. Der echte Revolutionär war schlank, weltlichen Genüssen abgeneigt.

Essverhalten wurde politisch – das ist ja heute wieder so. Das deutsche Müsli aber ist von einem überzeugten Nationalsozialisten kreiert worden, der später auch Einfluss auf die Reformhausbewegung hatte. Auch der Erfinder des Schweizer Müslis, Max Bircher, war Fan von Hitler und Mussolini. Die Verehrung der Mutter Erde, der heimischen Scholle – das war NS-Gedankengut. In der NS-Zeit gab es einen "Reichsvollkornbrotausschuss".

Vollkornbrot für die Kampfkraft an der Front?

Die Ernährung sollte das deutsche Volk, die arische Rasse, um die damaligen Begriffe zu verwenden, überlegen machen. Helles Brot galt als verweichlichend. Der Arier ernährt sich vollwertig, so hieß es.

Das "Dritte Reich" hat Ernährung zum Leitthema in der Gesellschaft gemacht. Da gibt es durchaus Parallelen: Auch heute ist Gesundheit erste Bürgerpflicht. Nicht mehr die Geburt bestimmt, welchen Stand wir haben – sondern wir müssen uns unablässig bewähren. Dazu braucht man einen leistungsfähigen Körper, damals im Dienst der Volksgemeinschaft, heute, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Wir zwingen uns zu Gesundheit, sind von Pflichten und Zwängen umgeben: Iss das nicht, iss mehr davon. In der Sexualität sind wir heute freier als früher – beim Essen nicht.

Wir sind von Pflichten und Zwängen umgeben: Iss das nicht, iss mehr davon!

Wir leben gesünder, aber nicht glücklicher?

Die Lebenserwartung steigt permanent, auch bei Männern, die holen gerade auf. Es stimmt auch nicht, dass wir dafür vor dem Tod länger krank sind, im Gegenteil: Wir sind vor dem Tod kürzer krank. Aber es kann sein, dass wir dieses lange, großenteils gesunde Leben nicht so genießen. Wir überfrachten das Essen, definieren uns darüber.

Leute fotografieren ihr Essen und stellen es im sozialen Netzwerk zur Schau. Was soll das?

Essen wird präsentiert, als Statussymbol: mein Haus, meine Reise, mein Mittagessen. Das ist eine neue historische Entwicklung. Nicht etwa Parteizugehörigkeit definiert meine Identität, sondern mein ganz persönlicher Ess-Stil.

Du bist, was du isst.

Ja – und: was du nicht isst. Essen als Abgrenzung gegenüber den anderen.
Der Vegetarier isst keine Tiere, der Veganer isst keine Eier, ist also in seiner Definition kein Kükenesser in spe. Wer Bio kauft, kauft eben nicht den billigen Kram. Bio ist zur Marke geworden, zum Signal, dass ich einer höheren sozialen Schicht angehöre.

Wie hat sich der Fleischkonsum entwickelt?

Schon in Persien, 1000 Jahre vor Christus, sagte man, rotes Fleisch sei gefährlich. Eine kleine Gruppe von Vegetariern gibt es seit Pythagoras.
Nach dem hat sich der Fleischkonsum in Deutschland verdreifacht, seit einigen Jahren nimmt er leicht ab.

Sie selbst sind Vegetarier, achten auf regionale Lebensmittel. Sie denken also auch nicht nur beruflich ständig übers Essen nach.

Ja, und ich freue mich immer den ganzen Tag darauf, was wir abends kochen – weil es den Tag so schön abrundet. Heute machen wir Gulasch mit Serviettenknödeln, das Fleisch kommt vom Hof eines befreundeten Bauern. Da bin ich heute eben für einen Abend mal kein Vegetarier. Ich plädiere für Gelassenheit.

Eigentlich ist es toll, dass sich immer mehr Menschen mit Essen beschäftigen, aber es kann eben auch kippen. Ich habe kürzlich mit Slow- Food-Aktivisten drei Stunden lang im Auto gesessen, auf der Fahrt von einem Bauernhof zurück nach Berlin. Die haben sich drei Stunden lang darüber gestritten, welcher Mörser sich besser fürs Zerkleinern welcher Gewürze eignet. Das war zwar interessant, aber auch ein bisschen verkrampft.



Interview: Nikola Sellmair

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