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Essen nach Farben

Ein Roman von Paul Auster hat drei Autoren dazu inspiriert, zwölf Monatsmenüs zu kreieren, bei denen alle Speisen und Getränke einer Farbe gewidmet sind. Schräg? Zweifellos. Aber charmant.

Von Sonja Helms

  Das Juni-Menü ist in blassrot gehalten - mit Zutaten wie Erdbeeren, Wassermelone, Lachs, Gambas, Rhabarber, Feigen und Schinken.

Das Juni-Menü ist in blassrot gehalten - mit Zutaten wie Erdbeeren, Wassermelone, Lachs, Gambas, Rhabarber, Feigen und Schinken.

Der Juni schmeckt blassrot: Eine Melonensuppe eröffnet das Menü, es folgen ein Serrano-Erdbeer-Carpaccio an Feigensauce, ein Lachsfilet mit rosa Meerrettichkruste an Rote-Bete-Risotto mit Gambas und Rhabarber-Relish und eine Erdbeer-Sahne-Biskuitrolle. Selbst die Getränke folgen dem strengen Farb-Code: eine Erdbeer-Bowle vorweg, eine Rhabarberschorle zwischendurch, ein Rosé hinterher, alles Ton in Ton in Ton.

Bei dem Anblick der zwölf einfarbigen Menüs drängt sich die Frage auf: Ist das Kunst oder kann man das essen? Richtig ist: beides. Die Autoren dieses ungewöhnlichen Kochbuchs sind Profis im Umgang mit der Farbe und der Kunst näher als der Küche: Caro Mantke und Tim Schober sind Designer und Tatjana Reimann ist Architektin. Keiner von ihnen kocht professionell. Dennoch kam es ihnen darauf an, dass die Menüs nicht nur gut aussehen, sondern auch schmecken.

Das Kochbuch für eine Romanfigur

Inspiriert wurde das Projekt dennoch von der Kunst, genauer gesagt, von einem Roman, den Reimann und Mantke vor Jahren gelesen hatten: "Leviathan" von Paul Auster. Darin beschreibt er eine Künstlerin, Maria Turner, die sich gewisse Zwänge schafft, um ihren Alltag zu bereichern. So verbringt sie zum Beispiel ganze Tage im Zeichen eines Buchstaben, "unter dem Bann des B, des C oder des W", schreibt er, oder isst eine Woche lang jeden Tag nur Speisen in einer Farbe.

Als Vorbild diente ihm die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle, mit der Auster befreundet ist und die einige der genannten Aktionen tatsächlich umgesetzt hatte. Es entstand ein Kreislauf: Auster bediente sich bei Calle, erfand Neues hinzu, sie griff seine Ideen auf, etwa das Essen nach Farben.

"Im Buch beschreibt Auster das aber knapp und nennt nur Rohzutaten: bei Orange Karotten, bei Rot Tomaten und Tatar", sagt Caro Mantke. "Sophie Calle wiederum hatte es genau so inszeniert. Wirklich lecker war das nicht, das hat sie selbst gesagt." Es müsse doch möglich sein, ein einfarbiges Gericht oder Menü so hinzubekommen, dass es schmeckt, dachten sich Reimann und Mantke. Sie wollten das ausprobieren - so entstand die Idee für das Kochbuch.

Der Januar ist weiß, der Mai gelb

Reimann, Mantke und Schober gründeten eine Kochgruppe und legten einen Zeitraum für ihr Projekt fest: ein Jahr. Pro Monat wollten sie einmal gemeinsam kochen. "Das ergab zwölf Farb-Menüs und deckte ein gewisses Spektrum ab", sagt Mantke. Sie begannen im Frühjahr, mit Gelb. Die Farbauswahl orientierte sich am saisonalen Angebot.

Im Januar fiel die Wahl auf Weiß, weil noch Schnee liegt und kein Blatt am Baum ist. In diesem Monat gibt es unter anderem Seezunge in Weißweinsauce und Panna cotta. Der Februar folgt mit Schwarz, weil noch alles kahl ist. Dann wird es bunter: Beige, Hellgrün, leuchtendes Gelb im Mai mit Tortilla, Linsensuppe, Ravioli und Zitronentarte, bis hin zu den Knallfarben im Sommer, mit sattem Grün und kräftigem Rot in Juli und August. Es folgen abgetönte Farben, Violett für die Beerenzeit, Orange für den Oktober, was an Herbstlaub und Kürbis erinnert, schließlich Dunkelrot mit Steak und Rote-Bete-Carpaccio im November und schließlich Braun mit Rehbraten im Dezember.

Die Farben legten die Autoren mithilfe eines Farbfächers fest, damit alle Beteiligten dieselbe Grundlage hatten. "Das war wichtig, weil man hierbei sehr genau arbeiten muss", sagt Mantke. Es zeigte sich, dass Menschen ein und denselben Tonwert durchaus unterschiedlich wahrnehmen. Außerdem kamen Farben doppelt vor, etwa Hell- und Dunkelgrün oder Blassrot und sattes, kräftiges Rot. Es musste deutlich unterscheidbar sein, damit es wirkt.

Widerspenstiges Violett

Lebensmittelfarbe wurde nicht eingesetzt, um eine gewünschte Farbe zu erreichen. Doch die Umsetzung war nicht immer einfach. "Rot war dankbar, weil die Zutaten ihre Farbe behalten: Tomaten bleiben rot, Paprika auch", sagt Mantke. Grün ebenso. Violett hingegen war schwerer und erforderte zwei Kochdurchgänge: Die Gerichte unterschieden sich beim ersten Mal nicht deutlich genug von Dunkelrot.

  Diese Zutaten wanderten ins September-Menü: Rotkohl, violette Kartoffeln und Möhren, Rote Bete, Blaubeeren und Brombeeren, Lavendel und viele mehr.

Diese Zutaten wanderten ins September-Menü: Rotkohl, violette Kartoffeln und Möhren, Rote Bete, Blaubeeren und Brombeeren, Lavendel und viele mehr.

Oder Orange. Da passte es geschmacklich nicht. "Wir sind keine Profi-Köche, trotzdem hatten wir den Anspruch, innerhalb eines Menüs eine Bandbreite an Geschmäckern zu bieten", sagt Mantke. "Wir haben uns auch gefragt: Schmeckt es eintönig, wenn alles eine Farbe hat? Und stellten fest: Überhaupt nicht, im Gegenteil!"

Kochen und Kunst

So schließt sich der Kreis zur Kunst. Auf die Frage, wie man seinen Alltag bunter gestalten könnte, antwortet dieses Buch: indem man sich reduziert, beschränkt. "Die Rezepte lassen keinen Raum für Beliebigkeit und verlangen peinlich genaue Aufmerksamkeit für Details", warnen die Autoren. Das ist nichts für Pi-mal-Daumen- und Schnell-mal-eben-Köche, eher für Pedanten und passionierte Hobbyköche mit Farb-Tick, die gewillt sind, sich auf das Experiment einzulassen und Zeit mitbringen. Der mögliche Lohn: ein neuer Blick auf die Dinge.

Sie hätten in dem Jahr jedenfalls viel über das Kochen gelernt, sagt Mantke. "Es hat unsere Sinne geschärft, für Zutaten, Geschmäcker und Kochprozesse. Wir haben vieles ausprobiert, für das im Alltag immer die Zeit gefehlt hatte."

Maria Turner hätte dieses Kochbuch sicher gefallen. Ob es auch Paul Auster und Sophie Calle gefällt, ist noch unklar. Die Autoren versuchten, Kontakt aufzunehmen und ihnen über die Verlage ihr Werk zuzuschicken - bisher ohne Erfolg. Dieser Kreis hat sich noch nicht geschlossen.

Sie können der Autorin hier auf Twitter folgen: @shelmss.

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