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Der erste Laden ohne Plastikmüll

Nur Stoffbeutel, Mehrwegflaschen, Dosen: In Berlin hat ein Lebensmittelgeschäft eröffnet, das komplett auf Plastikmüll verzichtet. stern-Mitarbeiterin Lisa Ksienrzyk war vor Ort und begeistert.

Mausgraue Fassade, ein schwarz-umrahmtes Schaufenster mit einem unauffälligen, roten Logo darüber. "Das sieht man ja gar nicht", sagt eine Kundin, die zuerst zwei Mal mit dem Fahrrad vorbei gefahren ist bis sie das Geschäft entdeckt. Unscheinbar reiht sich der Laden von Sara Wolf und Milena Glimbovski zwischen einem Sanitätshaus und einer Fair Trade Boutique in Berlin-Kreuzberg. "Original Unverpackt" verkauft Tomaten, Nudeln und Rotwein - wie jeder Bioladen im Kiez. Trotzdem lockt der Supermarkt zur Neueröffnung zahlreiche Schaulustige an, die ein einzigartiges Konzept mit eigenen Augen sehen wollen: ein Lebensmittel-Laden ohne Eigenverpackungen.

Kunden von "Original unverpackt" verlassen den kleinen Supermarkt nicht mit Beuteln voll Tetrapacks, Joghurt-Bechern und Reistüten, sondern stapeln gefüllte Dosen und Drahtbügelgläser in ihren Taschen. Die Inhaberinnen Sara Wolf, 31, und Milena Glimbovski, 24, wollen dem Verpackungswahn ein Ende setzen und haben eine außergewöhnliche Geschäftsidee erschaffen. In ihrem Laden wird kein Produkt mit Einwegverpackung angeboten, stattdessen setzen die Berlinerinnen auf wiederverwertbare Hüllen. Eine Revolution gegen den Plastikmüll.

Tante Emmas Laden im minimalistischen Stil

Rund 350 Produkte liegen derzeit in den Regalen oder hängen in durchsichtigen Rohren an der Wand. Nach zwei Jahren Tüfteln und Telefonieren haben die Unternehmerinnen an diesem Wochenende ihren ersten Kunden bedient. Bircher Müsli ging als erster Einkauf über die Ladentheke. "Das werde ich im Leben nie vergessen", sagt Glimbovski in ihrer weißen Schürze und bedient währenddessen den nächsten Kunden. Der Shop liegt mitten in Kreuzberg, einen Steinwurf vom Görlitzer Park enternt. Früher war das Geschäft eine Metzgerei. Heute sucht man Fleisch vergeblich. Für lose Hähnchenkeulen oder Gehacktes muss das Team noch eine Lösung finden, die den Hygienevorschriften entspricht.

Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis die beiden Frauen diese Immobilie gefunden haben. "Original unverpackt" verbindet den sterilen Charakter seines Vorgängers mit originärem Kreuzberger Charme. Der Eingangsbereich und gleichzeitig vordere Raum ist bis oben hin gekachelt mit blauen Fliesen aus Tante Emmas Zeiten. Stuck zieht sich an den Wänden der hohen Decken entlang. Links steht eine lange Theke, rechts warten Obst und Gemüse darauf, in den Jutebeutel zu verschwinden. Ein hoher, breiter Rundbogen führt in den hinteren Ladenbereich. Weiße Fliesen, glänzendes Metall, Plastikspender und Glasbehälter: eine sterile Linie, die NAU-Architekt Michael Brown gezeichnet hat. An der rau verputzten Wand hängen transparente Rohre gefüllt mit Haferflocken und Schokolade. Gegenüber stehen Metallgefäße voll Wein und Essig.

Der Einkauf wird zum kleinen Erlebnis

Die Gründerinnen von "Original unverpackt" wollen, dass jeder Kunde seine eigenen Gefäße mit in den Laden nimmt. Dort wird jede Dose zuerst abgewogen und bekommt ein Etikett mit dem jeweiligen Leergewicht aufgeklebt. Die Sticker sollen mehrere Waschgänge haften bleiben. Dann beginnt das Abenteuer. Mithilfe eines schwarzen Hebels laufen Linsen oder Bananenchips aus der überdimensionalen Flasche in die Behälter – bis der Kunde genug davon hat. An den Gewürzgläsern hängen kleine Löffel, die Flüssigkeiten werden mit einem Zapfhahn abgefüllt. Im "Original unverpackt" herrscht Selbstbedienung. Ob lediglich 200 Gramm Pasta oder 2 Kilo Müsli, jeder entscheidet selbst und nimmt nur so viel, wie er braucht. An der Kasse wird jedes Produkt gewogen und das jeweilige Leergewicht abgezogen. Für Spontane hat der ungewöhnliche Supermarkt ein großes Sortiment an Baumwollbeuteln, Mehrwegflaschen und Vorratsdosen, die gegen einen Aufpreis mitgenommen werden können.

Das Ziel von Wolf und Glimbovski war, dass die Produkte genau so viel wie in der Supermarktkette von nebenan kosten. Der Großteil der Lebensmittel ist Bio und stammt von regionalen Händlern. Auf dem gefliesten Tisch mitten im Geschäft stehen selbstgemachte Marmelade aus dem Spreewald, Honig aus der Uckermark und Biolimonade aus Berlin. Sofern es möglich ist, setzen die beiden Frauen auf kurze Transportwege und zählen mehrere Brandenburger Bauern zu ihren Zulieferern. Bei Produkten wie Avocados und Bananen haben die jungen Unternehmerinnen ein Auge ganz fest zugedrückt. Weil bei den Lebensmitteln auf Verpackung und damit Marketing verzichtet wird, können sie zum gleichen Preis wie bei Rewe oder Edeka angeboten werden. Ein Kilogramm Spaghetti aus einer Pastamanufaktur kostet 55 Cent, die gleiche Menge loser Mate-Tee 29,39 Euro. Die Etiketten sind einheitlich und listen den Betrag pro Kilogramm.

"Die Preise sind zum Teil abschreckend", sagen Farina Steinkamp und Susanne Buckler nach ihrem Einkauf. Die innovativen Zahnpasta-Tabletten können Kunden für stolze 390,82 Euro pro tausend Gramm in ein Säckchen füllen. Dieser Vorrat sollte allerdings ein Leben lang halten. Die beiden Passanten würden dennoch wiederkommen. Sie finden das Konzept "mutig und eigentlich längst überfällig". Die 64-jährige Ruth Johann wohnt eigentlich in Bremen und ist nur für wenige Tage in Berlin. Sie hatte schon vorher von der Geschäftsidee gehört, ist rein zufällig an dem Laden vorbeigekommen und trägt nun einige Zahnpasta-Tabletten in ihrer Handtasche. Eine solche Bewegung wünscht sie sich für die Hansestadt auch und unterstützt das Konzept vollends. Niklas Billstein aus Bergisch-Gladbach besucht seine Schwester in der Hauptstadt und wollte den Supermarkt unbedingt sehen, von dem er so viel gehört hat. "Es ist erstaunlich, was alles verpackt wird und wie viel Mengen Wasser für Plastikmüll verschwendet wird", sagt er. Jährlich wird allein in Deutschland etwa eine halbe Tonne Müll produziert – pro Person. Mittlerweile werden doppelt so viele Tüten und Einwegverpackungen benutzt als noch vor 20 Jahren. Der Grund ist simpel: Kunststoff ist billig, leicht und stabil.

Ganz Deutschland will hüllenlos werden

Momentan stehen zehn Mitarbeiter im Laden von Sara Wolf und Milena Glimbovski. Die erste Filiale misst 100 Quadratmeter, mehr wäre ihnen lieber gewesen. Die beiden Berlinerinnen haben noch vor der Eröffnung eine Menge Anfragen für Franchise-Filialen in ganz Deutschland erhalten. Das einzigartige Konzept stößt auf viel Anklang. Für manche Lebensmittel wie Tomatenmark oder Mandelmilch haben Wolf und Glimbovski noch keine Lösung gefunden, die in ihr Konzept passt. "Falls es Produkte nicht gibt, müssen wir die eben selbst machen", sagt Glimbovski selbstbewusst. Bis zu 600 Produkte wollen die Gründerinnen langfristig hüllenlos anbieten.

Ganz reibungslos lief die Eröffnung dennoch nicht. Das Kassensystem hat für einige Zeit ausgesetzt und nicht jeder Lebensmittelspender hat auf Anhieb funktioniert. Trotzem: "Die Rückendeckung ist toll und wir hatten einen super Start. Die Leute haben schon vor der Eröffnung gespannt vor dem Laden gewartet", sagt Wolf freudestrahlend. Und tatsächlich: die Berliner verabreden sich an diesem Tag, um das einzigartige Konzept hautnah zu erleben und sind begeistert von der Idee. Ob Einmal-Erlebnis oder wöchentlicher Anlaufpunkt: das Pilotprojekt ist gestartet und wirft sich nun ins Blickfeld der Skeptiker.

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Wie die beiden Berlinerinnen zu dieser Idee gekommen sind und wie sie ihr Vorhaben umgesetzt haben, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des stern.

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